Trainer Daniel Thioune vom Hamburger SV © Witters Foto: Tim Groothuis

HSV: Reifeprüfung bestanden

Stand: 24.01.2021 12:25 Uhr

Der Hamburger SV hat die Zweitliga-Tabellenführung durch das 4:2 in Braunschweig verteidigt und die Herbstmeisterschaft errungen. Vieles deutet darauf hin, dass der HSV im dritten Anlauf die Bundesliga-Rückkehr schaffen wird.

von Hanno Bode

2008 war ein aufregendes und ereignisreiches Jahr. Barack Obama wurde als erster Afroamerikaner zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Die Deutsche Post AG verlor ihr Briefmonopol. Rennfahrer Sebastian Vettel avancierte mit 21 Jahren zum jüngsten Grand-Prix-Sieger in der Formel-1-Geschichte. Und: Der Hamburger SV siegte am vierten Spieltag der Fußball-Bundesliga bei Bayer Leverkusen mit 3:2. Was im Vergleich zu besagten und vielen weiteren Ereignissen in diesem Jahr eine klitzekleine Randnotiz war, sollte sich für den Traditionsclub als eine historische Marke herausstellen.

Denn seit jenem 13. September war es dem HSV nicht mehr gelungen, einen 0:2-Rückstand in einen Erfolg umzuwandeln. Bis jetzt. Bis zum Zweitliga-Nordduell bei Eintracht Braunschweig am Sonnabendnachmittag. Das 4:2 beim Aufsteiger stellte unter Beweis, dass die Mannschaft von Coach Daniel Thioune eine Siegermentalität entwickelt hat, die für den Aufstiegskampf entscheidend sein könnte.

Andere, bessere Mentalität als in den Vorjahren

Dass der Tabellenführer und Herbstmeister (sechs Siege aus den vergangenen sieben Partien) derzeit nicht nur auf dem Platz eine verschworene Einheit ist, zeigte sich nach dem Abpfiff der Begegnung im Stadion an der Hamburger Straße. Im Mannschaftskreis wurde herzlich gelacht, sich geknuddelt und beglückwünscht. Dabei hatte nicht etwa Matchwinner David Kinsombi, der zwei Treffer erzielte, eine kleine Ansprache gehalten, sondern der zur Halbzeit wegen durchwachsener Leistung ausgewechselte Bakery Jatta. "Er hat sich beim Team für den Sieg bedankt", erklärte Verteidiger Toni Leistner, der es dem Rechtsaußen übrigens gleichtat, weil er vor dem 0:2 böse gepatzt hatte.

Es sind neben den gezeigten Leistungen diese kleinen Gesten, die von einer neuen Qualität des Teams zeugen. Einer zwischenmenschlichen Qualität, die es so in den Vorjahren, als der HSV zweimal den Aufstieg verspielte, vielleicht in der Mannschaft nicht gab.

VIDEO: HSV: Toni Leistner und die Lehren aus der Vergangenheit (13 Min)

Leistner lobt "Chemie und Mentalität" im Team

"Wir sind in der Offensive so stark, dass wir solche Spiele drehen können. Das zeigt, dass wir einfach eine gute Chemie und Mentalität in der Mannschaft haben", sagte Leistner. Der als "Säulenspieler" (Sportvorstand Jonas Boldt) im vergangenen Sommer geholte Routinier ist nach anfänglichen Problemen inzwischen der erhoffte Abwehr-Stabilisator, auch wenn er das 2:0 der Braunschweiger mit einer zu kurz geratenen Kopfball-Rückgabe zu Keeper Sven Ulreich unfreiwillig vorbereitete. Der böse Patzer fiel am Ende nicht ins Gewicht, weil er der Auftakt zu einer wahren "Pannen-Party" war, auf der die Eintracht sich noch feierwütiger als der HSV präsentierte.

Das 2:2 durch Simon Terodde verschuldete Brian Behrendt, beim 2:3 durch Aaron Hunt flutschte der Ball Torwart Jasmin Fejzic durch die Hosenträger, und vor dem letzten Treffer beim Fehlerfestival von Kinsombi ging Linksverteidiger Lasse Schlüter das Spielgerät verloren.

Thiounes Maßnahmen greifen

Das Glück, so heißt es bekanntlich, hat aber eben nur der Tüchtige. Und tüchtig sind die Hamburger eigentlich immer gewesen in dieser Serie. Und nach einem zwischenzeitlichen Tief mit fünf sieglosen Partien in Folge stimmen beim sechsmaligen Meister - die älteren HSV-Fans werden sich an diese Triumphe erinnern - auch die Zielstrebigkeit und die Resultate wieder. Rückschläge, wie eben jene zwei Gegentreffer in Braunschweig, werfen die Hanseaten nicht mehr aus der Bahn. Auch, weil der zu Saisonbeginn noch sehr experimentierfreudige Trainer Thioune inzwischen eine Stammformation gefunden hat und zuletzt mit seinen Auswechslungen goldrichtig lag.

So sorgten gegen die Eintracht die Hereinnahmen von Hunt und Amadou Onana zur zweiten Hälfte dafür, dass sich die Statik des Spiels entscheidend zugunsten der Hamburger veränderte. "Wir haben taktisch ein wenig angepasst und die Räume im Zentrum überladen. Das war dann mit den Wechseln zusammen der Schlüssel zum Erfolg", sagte Thioune.

Tiefstapelei trotz Höhenflugs

Die Punkte 34, 35 und 36 wanderten durch den Sieg beim BTSV auf das HSV-Konto. Das sind sechs Zähler mehr als in der Vorsaison zum selben Zeitpunkt. Grund genug also eigentlich für die Hamburger Höhenflieger, das Ziel Aufstieg nun noch offensiver zu formulieren. Doch stattdessen gibt es Thiounsche Tiefstapelei ("Abgerechnet wird am 34. Spieltag") und leise Leistner-Töne: "Es sind noch 17 Spiele zu gehen, es ist noch ein harter Weg. Deswegen können wir uns jetzt nicht auf der Herbstmeisterschaft ausruhen."

Womöglich ist dieser Hamburger Weg genau der richtige. Denn wer hoch fliegt, kann erfahrungsgemäß sehr tief fallen. Als bestes Beispiel dafür dient jene HSV-Mannschaft, die am 13. September 2008 mit 3:2 in Leverkusen gewann. Es war die Saison, in der die Hanseaten im DFB-Pokal sowie in der Europa League jeweils im Halbfinale an Werder Bremen scheiterten und in der Bundesliga nach zwischenzeitlicher Tabellenführung gerade noch Sechster wurden.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 24.01.2021 | 22:50 Uhr

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