Stand: 30.03.2020 17:07 Uhr

HSV: Kann Jansen Krisenmanagement?

von Johannes Freytag, NDR.de
Bild vergrößern
Marcell Jansen ist Präsident des HSV e.V., bald auch Vorstand der Fußball AG?

Marcell Jansen wurde als Fußballprofi deutscher Meister, Pokalsieger, Vize-Europameister und zweimal WM-Dritter. 242 Bundesligaspiele absolvierte er für Borussia Mönchengladbach, Bayern München und den Hamburger SV. Eine Bilderbuchkarriere. Und nun scheint er sich mit gerade einmal 34 Jahren zum neuen starken Mann beim HSV aufzuschwingen. Seit Februar 2018 sitzt er im Aufsichtsrat der HSV Fußball AG, seit Januar 2019 ist er Präsident des Hamburger SV e.V. - und nach der Abberufung von Vorstandschef Bernd Hoffmann jetzt sogar Aufsichtsratschef. Aber wofür steht der Ex-Profi eigentlich? Ist er ein Macher? Oder nur der verlängerte Arm von Mäzen Klaus-Michael Kühne, der den Club weiter in die Abhängigkeit des Unternehmers treibt?

Weitere Anteile für Kühne? Jansen schließt es nicht aus

Der Verein sei trotz der Krise "stabil" aufgestellt, die Liquidität gesichert, erklärte Jansen am Montag bei einer virtuellen Pressekonferenz - wie allerdings mögliche Einnahmeverluste in Höhe von 20 Millionen Euro aufgefangen werden sollen, ließ er offen.

Fahnen mit dem Logo des Hamburger SV © Witters Foto: Valeria Witters

Kommentar zum HSV: Unbequeme, aber richtige Entscheidung

NDR 90,3 -

Der HSV setzt auf ein neues Team. Einen zerstrittenen Vorstand zu beauftragen, die Folgen der Coronakrise zu bewältigen, wäre fahrlässig gewesen. Der Club darf aber nicht leichtfertig Rettungsgelder von Kühne annehmen.

3,25 bei 12 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Der Ex-Fußballer blieb in seinen Aussagen zur Zukunft des Fußall-Zweitligisten vage, Fragen zu Kühne beantwortete er schmallippig: In Zeiten von Corona könne es ja nicht schaden, einen finanziell starken Partner an der Seite zu haben, sagte Jansen, der es nicht kategorisch ausschloss, weitere Anteile an der Fußball AG an den Unternehmer (hält derzeit 20,6 Prozent) zu veräußern. Laut Satzung dürfen derzeit lediglich 24,9 Prozent abgegeben werden. Sollte diese Schranke nach oben verschoben werden, müssten die Mitglieder zustimmen. Als Präsident sei es seine Aufgabe zu prüfen, was der Verein "als Option alles ausschöpfen" könne, so Jansen: "Wir müssen Szenarien vorbereiten und unsere Hausaufgaben machen." Er habe "vollstes Vertrauen" zum aktuellen Führungsduo Jonas Boldt/Frank Wettstein: "Wichtig sind jetzt Teamfähigkeit, Teamplay und Kommunikation."

Jansen will nicht Vorstandschef werden

Nur bei den persönlichen Karriere-Plänen wurde der Club-Präsident konkret. Er strebe nicht den Posten des Vorstandschefs an, machte der 34-Jährige deutlich. "Ich möchte mindestens meine Amtszeit bis 2022 ausfüllen. Ich habe mich mit Leib und Seele für das Präsidentenamt im HSV beworben, und es erfüllt mich komplett, denn ich brenne für diesen Verein." Auch perspektivisch habe er "keine ausgearbeitete Agenda". Ähnlich hatte sich allerdings auch einst Hoffmann als HSV-Präsident geäußert und rückte dann später doch in den Vorstand.

Jansen-Credo: Althergebrachtes in Frage stellen

Geht Jansen also den gleichen Weg wie sein Vorgänger - nur im Schnelldurchgang? 2015 beendete er seine aktive Profikarriere. Wer seine Karriere im Alter von 29 Jahren beende, habe den Fußball nie geliebt, urteilte Rudi Völler seinerzeit wenig schmeichelhaft. Doch statt weiter für ein Millionengehalt in der Bundesliga oder im Ausland weiterzuspielen, entschied sich Jansen für einen Start(-up) am Schreibtisch. Ein Sanitätshaus, Restaurants, Fitness-Mode-Labels - mit seiner MJ Beteiligungs GmbH hat er sich breit aufgestellt.

"Er hat dabei die junge, Lifestyle-affine Generation im Blick, die Althergebrachtes in Frage stellt und digital denkt und lebt", heißt es auf seiner Website. Althergebrachtes in Frage stellen, das ist ein Credo von Jansen, den das Buch "Rulebreaker" von Sven Gabor Jánszky inspirierte, wie er in einem Interview mit "11 Freunde" sagte. Regeln bewusst oder unbewusst, aber immer mit Leidenschaft verletzen - das sind Zukunftsforscher Jánszky zufolge "Rulebreaker".

"Ich bin Visionär"

Er habe nach seiner aktiven Profi-Karriere "anders und bewusster leben" wollen, beschrieb Jansen, der in der Hamburger Oberliga immer noch für die dritte Mannschaft des HSV aufläuft, seinen Weg ins Geschäftsleben: "Ich wollte kreativ sein, mit dem Kopf arbeiten, noch etwas lernen." Im Leben eines Unternehmer sei vieles wie im Sport: "Es ist wichtig, dass - wie auf dem Spielfeld - alle Positionen gut besetzt sind. Ich bin zum Beispiel Visionär, habe viele Ideen, da brauche ich andererseits jemanden, der prüft, abwägt und andere Fähigkeiten und Expertisen einbringt. Mit elf Stürmern gewinnt man kein Spiel."

Mäzen Kühne ist Jansen-Fan

Das mag für Jansen auch die Motivation gewesen sein, die Hoffmann-Entlassung vorangetrieben zu haben. Hoffmanns Alleingänge machten Jansen, der sich gerne als Teamplayer gibt, vom anfänglichen Befürworter zum größten Gegner. In Sportchef Boldt und Finanzvorstand Wettstein ("hat in den vergangenen Jahren einen richtig guten Job gemacht") weiß er wichtige Verantwortliche hinter sich. Entscheidend dürfte für ihn allerdings auch eine Unterstützung "von außen" sein. Mäzen Kühne gilt als Fan des 34-Jährigen, hatte vergangene Woche unverblümt für ihn als neuen HSV-Boss geworben. Noch zu seiner aktiven Profizeit hatte Jansen die Nähe zu Kühne gesucht, ihn sogar in dessen Hotel auf Mallorca besucht. Anschließend soll sich der Unternehmer für eine Vertragsverlängerung des damaligen HSV-Spielers stark gemacht haben.

Gut möglich also, dass sich der HSV mit Aufsichtsratsboss Jansen noch weiter in die Abhängigkeit des streitbaren Milliardärs begeben wird, der sich gerne ins Tagesgeschäft einmischt und von dem sich der Club zuletzt eigentlich emanzipieren wollte. Ob das der richtige Weg aus der Krise ist, darf zumindest bezweifelt werden. Denn als Krisenmanager besitzt Jansen keinerlei Erfahrung.

Weitere Informationen

Hoffmann-Aus: Steigt Kühne-Einfluss beim HSV?

Beim HSV könnte der Einfluss von Klaus-Michael Kühne nach dem Rauswurf von Vorstandschef Bernd Hoffmann wieder wachsen. Der neue Aufsichtsratsboss Marcell Jansen gilt als Vertrauter des Investors. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 30.03.2020 | 16:25 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/sport/fussball/HSV-Kann-Jansen-Krisenmanagement,jansen436.html