Stand: 20.04.2020 09:32 Uhr

Geisterspiele: Nimmt sich der Fußball zu wichtig?

von Andreas Bellinger, NDR.de
"Gespenst" auf der Tribüne im Fußball-Stadion. © imago sportfotodienst/Pius Koller Foto: Pius Koller
Geisterspiele in der Ersten und Zweiten Fußball-Liga: Für viele ein gespenstisches Szenario.

Jetzt spielen sogar die Fans nicht mehr mit. Als "blanken Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft" haben Teile der organisierten Anhängerschaft den Plan der Deutschen Fußball Liga (DFL) bezeichnet, bald sogenannte Geisterspiele ohne Zuschauer in den beiden oberen Profiligen durchzuführen. "Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne", heißt es im Positionspapier der "Fanszenen Deutschland", einem Zusammenschluss der deutschen Ultras.

Dass vieles schiefgelaufen ist in den vergangenen Jahren, hat jüngst Sportrechtler Christoph Schickhardt im Sportclub des NDR kritisiert. Jeder verdiente Euro sei gleich an die Spieler und deren Berater weitergereicht worden. Rücklagen Fehlanzeige. Die (Pleite-)Geister, die sie rief, will die Liga jetzt mit Geisterspielen vertreiben. Eine "Lex Bundesliga" soll es nicht geben, aber ist der Plan bei kritischer Betrachtung nicht eben das?

Gebauer: Fußball mit Tendenz zur Selbstüberschätzung

"Der Fußball hat immer die Tendenz, sich zu wichtig zu nehmen", sagt Gunter Gebauer.

Der Philosoph und Sportwissenschaftler betont im Sportclub des NDR aber auch, welch positive Wirkung der Fußball gerade auch in schwierigen Zeiten habe. "Man darf nicht vergessen, dass dieses Spiel vielen Menschen Freude gibt. Fußball kann auch trösten." Allerdings fehle bei Geisterspielen natürlich die Emotionalität, die Nähe der Fans zueinander, was man nicht unterschätzen sollte. "Die Ökonomie verlangt es wohl", so Gebauer. "Aber die Sache selbst widerspricht dem eigentlich." Den Funktionären werfe er vor, dass sie lange nicht gesehen haben, dass "eine riesige Krise heraufzieht, wir alle in Not sind und nicht unbedingt an Fußball denken".

DFB-Chef: Keine Sonderrechte

Inzwischen heben die Fußball-Macher umso mehr ihre gesellschaftliche Verantwortung hervor. "Wir garantieren, dass die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, zunächst noch ohne Fans in den Stadien, nicht zulasten des Gesundheitssystems gehen wird", sagt DFB-Präsident Fritz Keller. "Es werden keine Testkapazitäten für Sportlerinnen und Sportler beansprucht, die an anderer Stelle fehlen würden." Aber die Liga steht unter Druck. Die jahrelange Praxis, bisweilen Geld auszugeben, das erst noch erwartet wird, hat Teile der Branche an den Rand des Ruins geführt. Offenbar kann nur die ausstehende vierte Marge der Fernsehgelder in Höhe von rund 380 Millionen Euro den finanziellen Knock-out einiger Bundesligisten verhindern. Ohne die Zahlung droht nach "kicker"-Informationen 13 Vereinen, darunter vier Erstligisten, die Insolvenz - spätestens im Juni.

Geisterspiele als letzte Rettung. Ungeachtet eines drohenden Imageverlustes, dessen langfristige Folgen kaum abzuschätzen sind. Denn die Liste an Argumenten, die gegen das als alternativlos bezeichnete Vorhaben sprechen, ist lang. Am Donnerstag werden die DFL und ihre Vereine über das weitere Vorgehen beraten.

Virologin: "Auf Verdacht zu testen, ist nicht vorgesehen"

"Schlicht absurd", nennt es die "Fanszene", Fußballspieler in einer extrem hohen Taktung auf das Coronavirus zu untersuchen. "Ich weiß nicht, ob es ethisch vertretbar ist, wenn man 20.000 Tests bei Personen durchführt, die eigentlich keine Risikogruppe darstellen und auch keine Symptome haben" sagt der Direktor des Instituts für Virologie in Essen, Ulf Dittmer. Eine Extrawurst für den Fußball dürfe es nicht geben, meint auch Gebauer. "Das wäre ja so, als wenn bei einem havarierten Schiff auf besonderen Sonnendecks noch Cocktails serviert würden." Zumal "auf Verdacht zu testen, überhaupt nicht vorgesehen ist", so Professorin Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Streit um Testkapazität

Philosoph Gebauer will zwar keine "Moral-Noten" vergeben, warnt jedoch: "Wenn viele, die es nötig haben, keinen Test kriegen, Fußballer aber kriegen diese Tests, dann ist das unverhältnismäßig und eine Sonderbehandlung für eine Sparte, die weiß Gott nicht eine Bedeutung hat, die sie sich so gerne anmaßt." Allerdings habe er vom Berufsverband "Akkreditierte Labore in der Medizin" gehört, dass sie die zusätzlichen Tests spielend bewältigen könnten. Brinkmann widerspricht im Sportclub: "Gerade bei Fußballspielen kann man körperliche Kontakte nicht vermeiden. Theoretisch müsste deshalb ständig getestet werden. Das ist in meinen Augen momentan nicht zu leisten."

Lauterbach: Fußball übt Druck auf Politik aus

Immerhin sollen nach den Vorstellungen der DFL bei Geisterspielen rund 250 Personen im Stadion sein. "Wir würden viele Tests verbrauchen, die wir dringend medizinisch benötigen", sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der Sportschau. Als Epidemiologe und Arzt halte er Geisterspiele für keine gute Idee. "Aber ich weiß, dass die DFL und die Vereine einen großen Druck auf die Politik ausüben." Rüdiger Fritsch, Präsident von Darmstadt 98 und Mitglied im DFL-Präsidium, hält dagegen: "Wenn wir mal von 40 bis 50 Personen ausgehen, die man alle paar Tage untersuchen müsste, ist das - glaube ich - nicht einmal 0,5 Prozent der Testkapazitäten, die zur Verfügung stehen." Alles andere sei "definitiv eine nicht zutreffende Stammtischparole, um Stimmung zu machen".

Nachdenklichkeit zieht ein

"Der Profifußball ist ein wichtiger Wirtschaftszweig, der nicht bessergestellt sein darf als andere", sagt Sportanwalt Schickhardt, "aber auch nicht schlechter."

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DFL-Geschäftsführer Christian Seifert erinnert in diesem Zusammenhang gern an die 56.000 von der Bundesliga abhängigen Arbeitsplätze. Doch ein "Weiter so" darf es nach Ansicht der Ultras nicht geben. "Das System, in das in den letzten Jahren Geldsummen jenseits der Vorstellungskraft vieler Menschen geflossen sind, steht innerhalb eines Monats vor dem Kollaps, der Erhalt der Strukturen ist vollkommen vom Fluss der Fernsehgelder abhängig, die Vereine existieren nur noch in totaler Abhängigkeit von den Rechteinhabern." Warum also nicht jetzt die Notbremse ziehen und lange überfällige Reformen solidarisch durchziehen?

Die Liga brauche mehr Transparenz, ein Frühwarnsystem und einheitliche Rechtsformen, raten Finanz-Experten. "Wenn es Profivereine gibt, die Ende Mai nicht mehr liquide und daher im Grunde nur einen Monat durchfinanziert sind, ist das nicht mehr akzeptabel", sagt Klaus Hofmann, Präsident des FC Augsburg.

Söder hält Geisterspiele für möglich

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