Stand: 05.11.2019 09:28 Uhr

Gedenken an Robert Enke - Was hat sein Tod verändert?

von Andreas Bellinger, NDR.de
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Uli Hoeneß und Teresa Enke bei der Preview zur Sportclub Story "Robert Enke - auch Helden haben Depression" in Hannover.

Für einen Moment war es ganz leise im Theater am Aegi in Hannover. Die Bilder des lachenden Robert Enke noch vor Augen, starrten die Zuschauer im vollbesetzten Saal auf die Leinwand. Erst nach ein paar Sekunden beklemmender Stille brandete Beifall auf. "Ein toller Film", sagt Teresa Enke ergriffen. "Es ist schön, dass 'Robbi' noch in den Köpfen der Menschen ist." Zehn Jahre ist es her, dass sich ihr an Depression erkrankter Mann das Leben genommen hat. Eine Tragödie, die der NDR zum Anlass nahm, in einer von Autor Henning Rütten einfühlsam inszenierten Sportclub Story "Robert Enke - auch Helden haben Depression" (Sonntag, 23.45 Uhr im NDR Fernsehen) an den ehemaligen Fußball-Nationalspieler von Hannover 96 zu erinnern.

Robert Enke © imago images

Robert Enke - auch Helden haben Depression

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Hoeneß diskutiert mit, Slomka im Publikum

Ehrengast Uli Hoeneß versagt ebenfalls fast die Stimme, als er ins Mikrofon sagt: "Für mich ist es auch sehr berührend." Der Bayern-Präsident war auf Einladung von Teresa Enke zu einer Podiumsdiskussion im Anschluss an die Filmvorführung gekommen. "Ich bewundere ihn, wie er sich immer und überall vor seine Spieler stellt", sagt die 43-Jährige, die das Fußball-Schwergewicht mit einem emotionalen Brief zum Kommen animiert hatte. "Meine Frau sortiert bei uns die Briefe", erzählt Hoeneß. "Bei diesem hat sie mir gesagt, den musst du lesen." Und er kam, obwohl es bei den Bayern nach dem Rauswurf von Trainer Niko Kovac gerade hoch her geht. Neben viel Prominenz saß auch der gerade erst bei Hannover 96 entlassene Trainer Mirko Slomka im Auditorium.

Depression ist eine Stoffwechselerkrankung

Sie alle kennen den Druck des mitunter knallharten Fußball-Geschäfts. Das aber ist es nicht, was einen Menschen in die Depression treibt. "Das begreifen viele Menschen nicht", sagt Teresa Enke, die es sich an der Spitze der Robert-Enke-Stiftung unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, über die Krankheit aufzuklären. Denn genau das ist eine Depression, "eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns", erklärt Florian Holsboer. Der Professor war 25 Jahre lang Präsident des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Er hat vor Jahren den ehemaligen Bayern-Profi Sebastian Deisler behandelt und kämpft seit jeher dafür, dass Depression nicht als seelisches Leiden abgetan, sondern als Fehlfunktion des Körpers anerkannt wird.

Förderpreis geht an Olympiastützpunkt Berlin

Die Robert-Enke-Stiftung klärt auf, will aber auch zur Erforschung und Behandlung der Krankheit Depression und von Kinder-Herzerkrankungen beitragen. Lara Enke, die Tochter von Robert und Teresa, hatte einen schweren Herzfehler und starb 2006 mit zwei Jahren. Ein Schicksalsschlag, der Enke unendlich traurig machte, aber keine neuerliche Depression auslöste, wie Teresa Enke betont.

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Preview Robert Enke - Die ganze Sendung

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Die Sportclub Story "Robert Enke - auch Helden haben Depression", das Gespräch mit Teresa Enke und Uli Hoeneß sowie die Preisverleihung der Robert-Enke-Stiftung im Video. Video (92:32 min)

Die Stiftung hat einen "Förderpreis Seelische Gesundheit im Nachwuchsleistungssport" ausgeschrieben, der am Montag an den Olympiastützpunkt Berlin vergeben wurde. Die ebenfalls in die Endauswahl gelangte TSG Hoffenheim und das Sportinternat Knechtsteden gingen nicht leer aus, denn das ausgelobte Preisgeld in Höhe von 17.500 Euro wurde gedrittelt. Letztlich waren es für jedes Projekt sogar 10.000 Euro, weil Hoeneß den Betrag kurzerhand aufgestockt hatte. "Er spricht da nicht drüber", sagt Teresa Enke voller Hochachtung. "Deshalb mache ich das."

Hoeneß fühlte sich an Deisler erinnert

Es ist die gelebte Menschlichkeit, die Teresa Enke an dem Mann aus der "Abteilung Attacke" so mag. "Ich war natürlich geschockt", erzählt Hoeneß in Erinnerung an den 10. November 2009, als er vom Suizid Robert Enkes erfuhr. Die Gedanken an das Schicksal Deislers seien sofort wieder präsent gewesen. Das herausragende Fußball-Talent litt gleichfalls an Depression und teilte ihm eines Tages, als Hoeneß ihn bereits wieder auf einem guten Weg wähnte, seinen Entschluss mit: "Ich kann nicht mehr; ich will aufhören mit dem Fußball." Die Bayern und vor allem Hoeneß verstanden, obwohl "es uns 50 Millionen Euro gekostet hat", wie der 67-Jährige erzählt. "Trotzdem war die Entscheidung für uns klar."

Die stationäre Therapie war schon geplant

Robert Enke hatte es nicht gewagt, seine Erkrankung öffentlich zu machen. Eine für den erfolgreichen Torhüter von Hannover 96 und der Nationalmannschaft möglicherweise lebensrettende stationäre Therapie war bereits geplant, sein Manager und Freund Jörg Neblung hatte schon einen Termin beim Club, wollte das Katz-und-Maus-Spiel beenden. Doch in letzter Konsequenz machte Enke einen Rückzieher. "Hätte er die Therapie gemacht, wäre er vielleicht wieder zurückgekommen", sagt Teresa Enke. "Als glücklicher und fröhlicher Mensch. Denn das war 'Robbi' auch."

Massive Angst, sich zu offenbaren

Nur wenige wussten von seinem Leiden. Er hatte Angst sich zu offenbaren. "Massive Angst nie wieder das tun zu können, was er am liebsten machte: Fußball spielen", sagt Neblung im neunteiligen Podcast-Serie von NDR Hörfunkreporter Moritz Cassalette. Sie wollten ihm helfen, ihn stützen und beschützen. Sie haben es nicht geschafft. "Das werfe ich mir bis heute vor", so Neblung. Aber was wäre die Alternative gewesen? "Es wäre schön gewesen, wenn es damals schon dieses Verständnis gegeben hätte", sagt Teresa Enke. "Dass die Krankheit nicht versteckt werden muss, sondern offen über das Thema gesprochen werden kann. Dann hätte es ihm den Schrecken genommen."

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NDR 2

Robert Enke - Leben und Tragik eines Torhüters

NDR 2

Vor zehn Jahren nahm sich Robert Enke das Leben. Der Torwart war depressiv. Moritz Cassalette spürt für NDR 2 Enkes Leben mit der Krankheit nach. Alle neun Podcast-Folgen online anhören. mehr

Medien haben Nachholbedarf

Es sei an jedem von uns, die Augen offen zu halten Mitmenschen in Not zu helfen. "Und nicht lapidar zu sagen, komm, wir trinken ein Bierchen zusammen, dann geht's dir wieder besser", sagt Teresa Enke. "Oder dieser fürchterlich dumme Spruch: Reiß dich mal zusammen." Das gelte auch für die Medien, wie der Präsident des Deutschen Sportjournalisten-Verbandes (DSV) und frühere TV-Kommentator Erich Laaser meint. "Jemanden einfach mal niedermachen, ist schlicht und einfach respektlos. Da haben wir alle einen ganz großen Nachholbedarf."

Hoeneß: "Internet ein Mittel, das katastrophal ist"

Uli Hoeneß sieht das ebenso. Von den klugen und besinnlichen Worten bei der Trauerfeier für Robert Enke im vollbesetzten Stadion von Hannover 96 sei zehn Jahre später nicht viel geblieben. "Ich finde, dass wir gerade jetzt in unserer Gesellschaft relativ respektlos miteinander umgehen. Und das Allerschlimmste ist, dass das Internet ein Mittel geworden ist, das katastrophal ist", sagt er. "Wenn unsere Gesetzgeber es nicht schaffen, dass auch im Internet Leute verfolgt werden, die beleidigen, die mobben, die unter Druck setzen, ob anonym oder mit Adressenangabe, dann wird unsere Gesellschaft sehr viel größere Schwierigkeiten bekommen, als sie jetzt schon hat."

Zum Reden gehört Mut

Im Fußballgeschäft gehört immer noch einiges an Mut dazu, öffentlich über Gefühle zu sprechen. Als Per Mertesacker, der mit Enke befreundet war, in einem Interview erzählte, unter dem Stress vor Spielen mitunter gelitten zu haben, konnte sich selbst ein früherer Kollege wie Lothar Matthäus seinen Kommentar ("Der hätte ja aufhören können, wenn der Druck zu groß gewesen wäre") nicht verkneifen. Bösartige Sprüche auf Fanplakaten begleiteten Ralf Rangnick, als sich der damalige Schalke-Trainer wegen eines Burn-outs eine Auszeit genommen hatte. "Es muss Grenzen geben", fordert Andreas Bergmann, Robert Enkes letzter Trainer bei Hannover 96. "Erst ist alles super - und dann ist man gleich wieder der Versager, der Trottel."

Hintergrund

Robert Enke - Chronologie einer Tragödie

Robert Enke war ein Ausnahmetorwart und ein besonderer Mensch. Er litt an Depressionen und beging am 10. November 2009 Suizid. Die Chronologie einer Tragödie. mehr

Druck ist nicht Ursache, höchstens Auslöser

Aber Überschriften und Schlagzeilen sind höchstens Auslöser, nicht aber der Grund für Depression. "'Robbi' wusste, worauf er sich einlässt. Und das hat ihn auch nicht krank gemacht. Das Fußball-Geschäft ist hart und natürlich wird nicht mit Wattebäuschchen geworfen. Aber das hat nichts mit der Krankheit Depression zu tun", sagt Teresa Enke. "Es wäre natürlich schön, wenn die Journalisten nicht persönlich werden würden und nicht so auf die Spieler draufhauen würden. Aber das gehört wohl dazu. Leider."

Stiftung schafft bundesweites Netzwerk

Wichtig sei, dass es heute Hilfsmöglichkeiten gibt und dass die Krankheit Depression nicht mehr stigmatisiert wird, sagt Teresa Enke. Die Stiftung hat ein bundesweites Netzwerk mit 70 Sportpsychiatern geschaffen, die sich um Sportler kümmern. Es müsse immer möglich sein, sich behandeln zu lassen und nicht abgewertet zu werden, weil man sich zu seiner Krankheit bekennt. "Es hat sich einiges verändert", sagt Teresa Enke. "Und es hätte 'Robbi' gefreut zu sehen, dass die Entstigmatisierung so weit fortgeschritten ist."

Hoeneß bekommt einen Enke-Handschuh

Am Ende eines bewegenden und intensiven Abends bedankt sich Teresa Enke mit einem Torwart-Handschuh aus der Enke-Kollektion bei Hoeneß. Auch er kennt Fälle von Spielern und Trainern, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen hatten - und nicht darüber sprachen. Es gibt aber auch die anderen Beispiele. Wenn Robert Enke die gekannt hätte, so Stiftungs-Geschäftsführer Jan Baßler, "dann hätte er vielleicht einen anderen Weg gewählt".

Hilfe für Betroffene

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr, Tel. (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222
  • Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": kostenlose Beratung von Mo bis Sa, 14 bis 20 Uhr, Tel. 116 111. Elterntelefon: Mo bis Fr, 9 bis 11 Uhr sowie Di und Do, 17 bis 19 Uhr unter (0800) 111 05 50
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: Mo, Di und Do, 13 bis 17 Uhr sowie Mi und Fr, 8.30 bis 12.30 Uhr. Tel. (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen Selbsttest sowie eine Übersicht zu regionalen Angeboten.
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst der Krankenkassen: 116 117.
  • Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort - in jedem Fall bei Suizidgedanken.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 10.11.2019 | 23:45 Uhr