Stand: 06.05.2020 15:15 Uhr

Fußball und Corona: "Ängste der Spieler ernst nehmen"

Christopher Avevor, Viktor Gyoekeres, Leo Oestigard, James Lawrence (vl.) beim individuellen Training. © Witters
Training auf Distanz - noch.

Die Politik hat entschieden: Die Fußball-Bundesliga und die Zweite Liga dürfen ihren Spielbetrieb ab Mitte Mai wieder aufnehmen. Doch wie geht es den Aktiven damit? Die Spielergewerkschaft VDV erreichen nach wie vor viele Anfragen von Spielern zum Gesundheitsschutz, einige Verantwortliche und Trainer zeigen Verständnis für die Ängste ihrer Schützlinge.

Wie Werders Aufsichtsrats-Chef Marco Bode, der die Bremer Spieler nicht während der Pandemie zu einem Einsatz über mögliche Bedenken hinaus drängen möchte. "Wenn wir nochmal Spiele in dieser Bundesliga-Saison oder in der kommenden Hinrunde sehen wollen, brauchen wir hochmotivierte Profis, die nach wie vor in dieser Situation gewinnen wollen. Und das kann ich nicht tun, wenn jemand eigentlich nicht will. Jemanden zwingen werden wir aus meiner Sicht niemals", sagte der frühere Nationalspieler Radio Bremen.

VfL-Trainer Thioune: "Gesundheit steht über allem"

Auch Daniel Thioune will keinesfalls Druck erzeugen. "Ein Spieler, der nicht frei im Kopf ist, mit dem muss man darüber reden. Niemand wird gezwungen, hier Fußball zu spielen", so der Coach von Zweitligist VfL Osnabrück im Podcast "Anstuss": "Wir haben alle Kinder, und die Gesundheit steht über allem. Die Ängste der Spieler sind absolut berechtigt, wir müssen sie ernst nehmen."

UMFRAGE
Mögliche Antworten

Die Politik hat entschieden: Die Fußball-Bundesligen dürfen die Saison ab der zweiten Mai-Hälfte mit Geisterspielen fortsetzen. Richtig so?

Zumal eine Infektion für Profisportler fatale Folgen haben könnte. Davor warnt der Sportmediziner Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS): "Ein Sportler sollte sich schon Gedanken darüber machen, dass eine Infektion das Karriereende sein kann." Auch bei jungen Menschen ohne Vorerkrankungen könne Covid-19 einen schweren Krankheitsverlauf nehmen. Die Gründe würden derzeit von der Wissenschaft noch untersucht. "Man muss schon den Sportler schützen. Gehe ich also das Risiko ein auf eine schwerwiegende Infektion mit Lungenbeteiligung und möglicherweise dem Karriereende? Dieses ist ja zumindest nicht auszuschließen", so Bloch.

Unterschiedlicher Umgang mit dem Virus

Am vergangenen Wochenende hatte Birger Verstraete vom 1. FC Köln als erster Spieler öffentlich in einem Interview große Bedenken über die Schutzmaßnahmen seines Vereins geäußert und die unter anderem mit einer Vorerkrankung bei seiner Freundin erklärt. Später relativierte er seine Kritik, doch der Belgier ist nicht der einzige Profi, der sich Gedanken macht. Nach einer - nichtrepräsentativen - Umfrage der Internationalen Spielergewerkschaft Fifpro sind unter mehr als 1.000 Profis nur 56 Prozent der Befragten unbedingt dafür, das Training unter strikten Hygieneregeln und die Saison wieder aufzunehmen.

"Es geht um die Gesundheit der Spieler. Denn wenn jetzt wirklich wieder auf dem Platz trainiert und gespielt wird, dann sind sie auch diejenigen, die das Risiko eingehen", sagte Bode: "Wie in der Gesellschaft generell, gibt es auch bei den Spielern unterschiedliche Gefühle und einen unterschiedlichen Umgang mit dieser Situation und mit dem Virus." Der Fußball-Anwalt Horst Kletke sieht allerdings keine rechtlichen Chancen für Profis, die in der Corona-Krise aus Angst vor Ansteckung nicht spielen wollen. "Wenn keine Kontaktverbote oder andere Einschränkungen das Trainieren oder Spielen verbieten, muss die Arbeitsleistung erbracht werden", sagte er in einem Interview der "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Berlins Kalou erweist Liga einen Bärendienst

Die VDV versuche, "besorgten Spielern mit sachlichen Infos Ängste zu nehmen und in Abstimmung mit Clubs auch individuelle Lösungen herbeizuführen", sagte Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Welche Maßnahmen bei Positivfällen innerhalb einer Mannschaft ergriffen werden müssen, wird unterdessen ein strittiges Thema bleiben. Das DFL-Hygienekonzept sieht angesichts der engmaschigen Tests bisher nur die Isolation positiv getesteter Profis vor.

Einen Bärendienst erwies der Bundesliga in diesem Zusammenhang am Montag Stürmer Salomon Kalou von Hertha BSC: Ein selbst aufgenommenes Facebook-Livevideo zeigt den Ivorer, wie er auf dem Vereinsgelände und in der Kabine einige Mitspieler und Mitarbeiter des Clubs per Handschlag begrüßt. Ein Albtraum für die DFL und ihre Pläne - aber auch für potenzielle Mit- und Gegenspieler. Manuel Neuer rief seine Kollegen zu Disziplin auf: "Wir als Profis tragen Verantwortung für unseren Berufsstand", schrieb der Nationalmannschaftskapitän in der "FAZ": "Nun ist es an jedem Einzelnen in den Mannschaften und deren Umfeldern, dieses Konzept diszipliniert mit Leben zu füllen." 

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Sportclub | 10.05.2020 | 22:30 Uhr

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