Frauenfußball in der Krise? Wolfsburg - Bayern nicht genug

Stand: 28.09.2020 10:44 Uhr

Der deutsche Frauenfußball verliert international an Bedeutung. Die großen Titel holen andere Nationen - die Ligen in England, Frankreich und Spanien haben die Bundesliga überholt.

von Andreas Bellinger, NDR.de

Sind die glorreichen Jahre des deutschen Frauenfußballs vorbei? Nach acht Europa- und zwei Weltmeisterschaften hat die Nationalmannschaft ihren vorerst letzten Titel mit dem olympischen Gold von Brasilien vor ziemlich genau vier Jahren gefeiert. Seither gingen die internationalen Trophäen in die USA (WM), die Niederlande (EM) oder in der Champions League nach Frankreich. Abonnement-Sieger Olympique Lyon setzte sich zum Abschluss der Corona-Saison in der "Königsklasse" gegen den deutschen Double-Gewinner VfL Wolfsburg durch, der nach der vierten Meisterschaft in Serie und einer nationalen Saison ohne Niederlage hierzulande unvermindert das Maß der Dinge ist.

Wachsende Strahlkraft von Barcelona & Co.

"Es wird für deutsche Mannschaften aufgrund der enormen Entwicklung speziell in England, aber auch in Spanien immer schwerer, auf internationalem Topniveau an der Spitze mitzuhalten", sagt Wolfsburgs Sportlicher Leiter Ralf Kellermann im NDR Sportclub. Ungeachtet dessen ist der 51-Jährige überzeugt, dass das Erreichen des Finals und auch der Gewinn der Champions League nach wie vor möglich sind.

Der Weg dorthin werde nur zunehmend schwerer und erfordere mehr Kreativität, was der wachsenden Wirtschafts- und Strahlkraft von Vereinen wie dem FC Barcelona, Paris St. Germain, Manchester City, FC Chelsea oder neuerdings auch Manchester United geschuldet sei.

Spiele gegen Bayern reichen Wolfsburg nicht

Die Vermarktung und vor allem der ungleich größere Zuschauerzuspruch der internationalen Ligen sind das Eine. Ein Minus aber scheint auch die fehlende Konkurrenz in der mit zwölf Vereinen zu kleinen Bundesliga zu sein. "Das ist ein klarer Nachteil", sagt Kellermann. "Wir brauchen viel mehr Spiele wie gegen Barcelona, wie gegen Lyon, um weiterhin wettbewerbsfähig zu sein. Zwei, drei Spiele gegen Bayern München in Meisterschaft und Pokal reichen dafür nicht aus."

Wolfsburgs Anna Blässe (r.) in der Partie gegen Bayern München © imago images/regios24
Wolfsburg und Bayern sind die deutschen Topclubs.

Das Spitzenspiel in Wolfsburg sahen in der vorigen Saison 3.245 Besucher. Ansonsten registrieren die Clubs der Bundesliga bis auf Wolfsburg (1.945) im Durchschnitt nur dreistellige Zuschauerzahlen.

Top-Clubs sollen sich stärker engagieren

Von 60.000 Zuschauern wie unlängst im Estadio Metropolitano beim spanischen Spitzenspiel zwischen Atlético Madrid und dem FC Barcelona oder ähnlichen Zahlen im Londoner Wembleystadion träumen die Bundesligisten. Kellermann glaubt, dass vor allem die deutschen Proficlubs daran etwas ändern könnten. "Wenn sich Vereine wie Werder, Köln, Leverkusen oder Stuttgart mehr engagierten, würde auch im Ausland stärker wahrgenommen, wie stark diese Liga ist", sagt er. "Dann möchten auch ausländische Spielerinnen sehr gerne hier spielen."

Kellermann: "Es geht nicht nur um Geld"

Derzeit ist der Trend gegenläufig. Wolfsburg holte zwar die niederländische Europameisterin Shanice van de Sanden, doch Topspielerinnen wie Sara Björk Gunnarsdottir (Lyon) und Pernille Harder verließen den Club. Der Weltstar aus Dänemark wechselte nach dem verpassten Champions-League-Titel zum FC Chelsea - was auch private Gründe hatte, denn in London spielt Harders Lebensgefährtin.

"Wir haben Spielerinnen verloren", gibt Kellermann unumwunden zu. "Aber es geht nicht nur um Geld; obwohl die Wirtschaftskraft bei Barcelona oder Manchester City natürlich etwas anderes ist als hier in Deutschland."

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In England beispielsweise leistet sich Vorjahres-Aufsteiger Tottenham Hotspur mal eben Weltmeisterin Alex Morgan. Schon im Frühjahr muss die Werbe-Ikone auf Geheiß ihres Verbandes zur Olympia-Vorbereitung zurück in die USA, aber das Marketing-Konzept duldet solche Kurz-Engagements. Kellermann reagiert skeptisch auf derlei PR-Kampagnen: "Ich habe einen anderen Ansatz von Mannschaftssport."

Frankfurt setzt ein Zeichen

"Die Ersthaftigkeit muss bei allen Beteiligten da sein. Nicht nur: Wir machen mal irgendwas im Frauenbereich", sagt die frühere Nationalspielerin und Frauenfußball-Expertin der ARD, Nia Künzer. Ob die Revierclubs Schalke 04 und Borussia Dortmund gute Beispiele sind? Schalke tendiert aktuell eher zum Breitensport, und der BVB startet im kommenden Sommer mit dem Ziel, nach zehn Jahren bundesliga-tauglich zu sein. Nur gut, meint Kellermann, dass Rekordmeister 1. FFC Frankfurt durch die Fusion mit der Eintracht wieder im Aufwind ist.

Machtwort von DFB-Chef Keller

"Wir setzen auf eine Win-Win-Situation', sagt FFC-Manager Siegfried Dietrich der Sportschau und meint: "Auf hohem Niveau ist man nur zusammen mit einem Männer-Lizenzverein konkurrenzfähig." Das sieht der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ebenso. Fritz Keller will die Entwicklung des Frauenfußballs über die Proficlubs fördern: "Ich erwarte von jedem Bundesligisten, dass er auch in den Frauenfußball investiert." Wolfsburg könnte als gutes Beispiel dienen: Infrastruktur, Trainingsbedingungen und medizinische Betreuung sind international konkurrenzfähig.

Künzer: Müssen wachsam sein

"Natürlich müssen wir wachsam sein und Anschluss halten", sagt Weltmeisterin Künzer, verweist aber auch auf die Vorreiterrolle, die der Frauenfußball in Deutschland lange innehatte. "Ehrlicherweise muss man doch auch sagen, dass die anderen Länder jahrelang hinter uns hergehechelt sind."

Auch Kellermann mag kein allzu düsteres Bild von der Zukunft malen: "Wir waren in den letzten acht Jahren fünfmal im Champions-League-Finale, sind zweimal im Viertelfinale gegen Lyon ausgeschieden und dreimal im Halbfinale an Paris gescheitert. Wenn die Engländer nicht alles falsch machen, werden sie bald auch die Champions League gewinnen. Aber auch wir haben es immer geschafft, uns durchzusetzen."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 27.09.2020 | 22:50 Uhr

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