Stand: 14.08.2019 17:12 Uhr

Wolfsburgs Lerch: "Traum vom Champions-League-Titel lebt"

Stephan Lerch hat in zwei Jahren als VfL-Cheftrainer zweimal Meisterschaft und Pokal gewonnen.

Die Frauenfußball-Bundesliga startet an diesem Freitag in ihre 30. Saison - und der VfL Wolfsburg geht erneut als großer Favorit an den Start. Zum Auftakt empfängt der Titelverteidiger am Sonntag (14 Uhr) den SC Sand. Die "Wölfinnen" haben zuletzt dreimal in Folge das Double aus Meisterschaft und Pokal gewonnen. International wartet der Club aus Niedersachsen aber bereits seit fünf Jahren auf einen Titel. Im Interview spricht Trainer Stephan Lerch über den Boom im europäischen Frauenfußball, den Stellenwert der Bundesliga und den großen Traum des VfL-Teams.

Herr Lerch, wo steht die Bundesliga vor ihrer Jubiläumssaison?

Stephan Lerch: Das ist eine spannende Frage, die ich ad hoc auch nicht beantworten kann. Die Bundesliga ist definitiv nach wie vor eine starke Marke. In der deutschen Liga gibt es Top-Teams und Top-Spielerinnen. Fakt ist aber auch, dass wir uns hinterfragen müssen, wie wir für die Zukunft aufgestellt sind. Wir dürfen den Anschluss an die anderen Ligen in Europa nicht verpassen.

In Italien, Spanien und England gab es vor der WM Zuschauerrekorde, viele große Clubs sind auch groß in den Frauenfußball eingestiegen. In England muss jeder Premier-League-Club bei den Männern auch eine Frauenmannschaft an den Start bringen. Wie könnte denn für die Bundesliga die Zukunft aussehen?

Lerch: Diese Strukturen muss man differenziert betrachten. Die Frage ist zum Beispiel, wie sich das Modell in England entwickelt. Haben die Clubs wirklich Bock auf Frauenfußball? Ich finde es eigentlich besser, wenn sich so etwas aus freien Stücken entwickelt, dann ist es nachhaltiger. Dennoch könnte es auch in Deutschland anders laufen: Der DFB müsste dabei helfen, die nötigen Strukturen zu schaffen, Unterstützung anbieten, aber auch Anreize schaffen.

Was könnten das für Anreize sein?

Lerch: Gerade in Deutschland ist die mediale Präsenz sehr wichtig. Da ist der DFB mitverantwortlich, Maßnahmen dafür zu treffen, dass die Bundesliga mehr wahrgenommen wird. Dann ist der Frauenfußball für Sponsoren interessanter. Profi-Clubs könnten aber auch durch ein Bonussystem dazu gebracht werden, ihr Engagement im Frauenfußball auszubauen. Es soll ja ein Gremium entstehen, in dem sich Vereinsvertreter darüber austauschen, wo Potenziale versteckt sind. Der DFB muss den Frauenfußball fit für die Zukunft machen.

Viele deutsche Clubs haben neben Männer- schon Frauenmannschaften. Der 1. FC Köln, Werder Bremen, Bayer Leverkusen oder auch Borussia Mönchengladbach pendeln aber eher zwischen Erster und Zweiter Liga, als ein gewichtiges Wort im Frauenfußball mitzureden.

Lerch: Bei diesen Clubs sollte das Know-how eigentlich vorhanden sein. Aber jeder Verein muss sich proaktiv dazu entschließen, den Frauenfußball richtig zu unterstützen. Das ist natürlich immer auch eine finanzielle Frage. Meiner Erfahrung nach kann man allerdings mit vergleichsweise geringem Aufwand einen großen Ertrag erzielen. Reine Frauenfußball-Clubs, die weniger werden, haben es immer schwerer. Turbine Potsdam oder der SC Sand müssen womöglich einen anderen Weg gehen.

Wo steht der VfL Wolfsburg vor der neuen Saison?

Weitere Informationen
25 Bilder

Wolfsburgs Fußballfrauen: Der Kader 2019/2020

Von Almuth Schult bis Zsanett Jakabfi: Das Bundesliga-Aufgebot der Niedersächsinnen im Überblick. Bildergalerie

Lerch: Dass wir dreimal in Folge das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal gewonnen haben, ist schon hervorragend und zeigt, dass wir hier sehr viel richtig machen. Sonst hätten wir nicht diese nationale Führungsrolle. Aber wir hatten für unsere Verhältnisse jetzt einen größeren Umbruch mit sieben Neuzugängen und sechs Abgängen, dieses Jahr wird es spannend. Aber auch, wenn uns unter anderem mit Nilla Fischer und Caroline Graham Hansen zwei Leistungsträgerinnen verlassen haben, glaube ich nicht, dass wir uns qualitativ verschlechtert haben, sondern diese Saison in der Breite sogar noch besser aufgestellt sind. Ich bin sehr optimistisch, dass wir wieder vorn mitspielen können.

Fangen die deutschen Nationalspielerinnen Sara Doorsoun und Neuzugang Svenja Huth die beiden Abgänge auf?

Lerch: Ich glaube, dass wir die beiden nicht eins zu eins ersetzen können. Sara ist ja schon länger bei uns, und wir kennen ihre Qualitäten. Aber auf der Position haben wir viele Optionen - mit Babett Peter, Joelle Wedemeyer, Lena Goeßling oder Neuzugang Dominique Bloodworth. Nilla ist in die Rolle hineingewachsen, und die Möglichkeit haben jetzt auch andere. Wir sind ingesamt auf jeder Position zwei- oder sogar dreifach besetzt. Das gilt auch in der Offensive, in der Svenja sehr variabel einsetzbar ist. Da kann man nicht einfach eine Schablone anlegen.

Das ist im Tor anders. Wer ersetzt Almuth Schult, die lange verletzt fehlen wird?

Bild vergrößern
Die VfL-Frauen müssen monatelang auf Torhüterin Almuth Schult verzichten.

Lerch: Mit Rieke Abt, die wir aus Hoffenheim geholt haben, war von vornherein besprochen, dass sie bei uns die Zeit bekommt, zu reifen und im Training ihr eigenes Niveau zu heben. Almuth hatte sich nach ihrer Schulterverletzung vor der WM durch viel individuelles Training fitgemacht und ein wirklich sehr gutes Turnier gespielt. Aber sie hat uns dann das klare Signal gegeben, dass die Schulter nicht stabil genug für eine ganze Saison ist. Wir hatten vorher schon in viele Richtungen gedacht und haben dann kurzfristig Hedvig Lindahl verpflichtet. Sie hat mit Schweden eine sehr gute WM gespielt und steht voll im Saft. Wir gehen mit ihr als Nummer eins in die Saison.

Der VfL hat dreimal das Double geholt. Ist es realistisch, dass der VfL nach 2013 und 2014 auch mal wieder die Champions League gewinnt?

Lerch: Der Traum, die Champions-League-Trophäe noch einmal nach Wolfsburg zu holen, lebt weiter in uns. Wir haben das Finale in Wien auf jeden Fall vor Augen. Dafür braucht es aber auch Losglück. Das hatten wir im vergangenen Jahr nicht. Im Viertelfinale gegen Lyon haben wir in beiden Partien nicht unsere Leistung abgerufen. Auf dem Niveau reicht es dann eben nicht. Und es wird Jahr für Jahr schwieriger, weit zu kommen. In Lyon und Paris, aber auch in Italien und Spanien, wo bald auch noch Real Madrid einsteigt, wird viel Geld investiert - und in England geht richtig viel ab. Aber wir können an einem guten Tag immer noch jede Mannschaft schlagen.

Das Interview führte Florian Neuhauss, NDR.de

Weitere Informationen

"Adjö Nilla": Fischers schwerer Abschied aus Wolfsburg

Nilla Fischer kehrt nach fünf Jahren beim VfL Wolfsburg und zehn Titeln mit den "Wölfinnen" nach Schweden zurück. Der Abschied aus der Autostadt geht der sonst stets coolen Verteidigerin sehr nah. mehr

Wolfsburgs Hansen wechselt nach Barcelona

Fußballerin Caroline Graham Hansen verlässt den VfL Wolfsburg nach fünf Jahren. Die 24 Jahre alte Norwegerin schließt sich dem spanischen Spitzenclub FC Barcelona an. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 18.08.2019 | 22:40 Uhr

Mehr Sport

02:00
Schleswig-Holstein Magazin

Wie geht es weiter bei Holstein Kiel?

Schleswig-Holstein Magazin