Stand: 23.07.2018 17:06 Uhr

Zerstört Fall Özil das DFB-Integrationsprojekt?

Es begann mit einem Fototermin mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und gipfelte - zumindest vorerst - im Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: In Fall Özil hat sich niemand mit Ruhm bekleckert. Wird er auch Folgen haben für die Integrationsbemühungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)?

Ein Kommentar von Jörg Tegelhütter, NDR Hörfunk-Sportredaktion

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Der deutsche EM-Bewerbungs-Slogan "United by Football. Vereint im Herzen Europas" liest sich aktuell wie ein schlechter Scherz, meint Jörg Tegelhütter.

Vielleicht erinnern Sie sich: Im Sommer 2013 war die Welt des Deutschen Fußball-Bundes noch schwer in Ordnung. Die Nationalmannschaft stand bei großen Turnieren verlässlich im Halbfinale, und in einem von Starregisseur Sönke Wortmann aufwendig inszenierten Werbespot feierten Menschen unterschiedlicher Nationalität und Hautfarbe ein harmonisches Grillfest. Erst gab es deutsche Bratwurst, dann das Spiel der Söhne dieser Fußballer-Eltern in der deutschen Nationalmannschaft. Der Fußball hierzulande stand vor einer leistungsstarken, weltoffenen Zukunft.

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Özils Sätze sind ein Desaster für den DFB

Irgendwie vorbei. Auf die sportlich desaströse WM 2018 folgte nun Mesut Özils Generalabrechnung. Er fühle sich nicht willkommen, begründete Özil seinen Abschied aus der DFB-Elf und schrieb: "Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren."

Diese Sätze des deutschen Fußball-Botschafters 2015 sind ein Desaster. Das vom Verband oft selbst gelobte Integrationsprojekt liegt in Trümmern! Der DFB muss sich jenseits aller Hochglanzbroschüren oder prunkvoll verliehener Integrationspreise fragen lassen, wie es so weit kommen konnte? Was er konkret gegen insgeheime Ablehnung oder offene Anfeindung getan hat?

Klare Positionierung blieb aus

Ein Beispiel: Seit Jahren wird in den sozialen Netzwerken eine zunehmend gehässigere Diskussion geführt, warum Nationalspieler mit Migrationshintergrund die Nationalhymne nicht mitsingen. Für jemanden wie mich, der bei deutschen Länderspielen in den 80er-Jahren mit einem während der Hymne Kaugummi schmatzenden Toni Schumacher aufgewachsen ist, eine absurde Diskussion.

Eine klare Positionierung seitens des Verbandes oder öffentliche Unterstützung gab es jedoch nie. So konnten sich Stimmungen weiter ausbreiten und jetzt, aufgehängt an der Erdogan-Fotoaffäre, entladen.

Özil und Co. galten als wichtige Brückenbauer

Für den Deutschen Fußball-Bund ist der Fall Özil aber auch noch aus anderer Sicht fatal. Nach eigener Statistik hat bereits jedes fünfte DFB-Mitglied einen Migrationshintergrund. Statistisch könnte jeder zweite Nationalspieler im Jahr 2030 nicht nur deutsche Wurzeln haben.

Mesut Özil und Co. galten als wichtige Brückenbauer und Vorbilder für Migranten, wenn es zum Beispiel darum ging, Nachwuchsspieler für die deutsche Nationalmannschaft zu gewinnen. Das dürfte erst mal vorbei sein. So manches türkischstämmiges Fußballtalent wird sich zusammen mit seinen Eltern sehr genau überlegen, ob man in Zukunft für ein Land spielt, in dem man Gefahr läuft, ausgepfiffen oder aufgrund seiner Herkunft beleidigt zu werden.

Endspurt im EM-Wahlkampf mit der Türkei

Und noch etwas muss dem DFB Sorgen machen: die nahende Entscheidung über das Austragungsland der Europameisterschaft 2024. Auch Deutschland hat sich beworben, die Euro ist das Vorzeigeprojekt des jetzt so heftig kritisierten DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Einziger Mitbewerber ist die Türkei.

Auf welche Art Wahlkampf sich die Deutschen in den nächsten Wochen einstellen müssen, lassen die Reaktionen türkischer Politiker erahnen. Der türkische Justizminister sprach nach Özils Rücktritt vom "schönsten Tor gegen den faschistischen Virus".

Unverhältnismäßig! Überzogen! Natürlich! Aber ein Hinweis, dass der Endspurt mit sehr harten Bandagen ausgefochten werden dürfte. Und der deutsche Euro-Slogan: "United by Football. Vereint im Herzen Europas" liest sich nach den jüngsten Ereignissen nur noch wie ein schlechter Scherz.

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NDR Info | Kommentar | 23.07.2018 | 17:08 Uhr

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