Stand: 29.01.2020 09:00 Uhr

Klasnic feiert Geburtstag: "Ich will noch 100 werden"

von Andreas Bellinger, NDR.de
Für die Oldies von Werder Bremen kickt Ivan Klasnic ab und an noch.

Ivan Klasnic ist 40 geworden. Nach drei Nierentransplantationen freut sich der frühere Fußballprofi von Werder Bremen und dem FC St. Pauli über ein weiteres Geschenk - ist aber auch zornig über die Haltung zu Organspenden.

Der 40. Geburtstag muss nicht unbedingt das herausragende Ereignis in einem Sportlerleben sein und auch nicht zwingend der Anlass für eine besondere Story. Bei Ivan Klasnic, dem Double-Sieger von Werder Bremen und früheren kroatischen Fußball-Nationalspieler, sieht das ein bisschen anders aus. Der einstige Torjäger hat seit Januar 2007 drei Nierentransplantationen über sich ergehen lassen müssen - aber auch in den bangen Monaten der Dialyse nie den Mut verloren: "Man kennt mich als Kämpfer auf dem Fußballplatz, und so bin ich auch im Leben."

Klasnics kleines "großes Glück"

Wie zum Beweis präsentiert Klasnic gleich zu Beginn des Gesprächs mit NDR.de eine kleine Überraschung in einem schnittigen Kinderwagen: "Das ist Iva, fünfeinhalb Monate, meine zweite Tochter." Ein friedlich schlummernder Sonnenschein, sein "großes Glück" mit seiner neuen Partnerin. Klar, dass sein nächster Geburtstag da nicht die große Rolle spielt: "Meine Gedanken sind ohnehin nicht, ob ich 40 oder 50 werde. Ich will noch 100 werden."

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2002 wird bei Ivan Klasnic erstmals eine "leichte Niereninsuffizienz" festgestellt. Tatsächlich war die Erkrankung zu dem Zeitpunkt schon schlimmer, wie ein späteres Gutachten ergab. Die Chronologie mehr

Eine große Feier wird es nicht geben, sagt Klasnic, der nach Fabiana-Collien (13) nun zwei Mädchen hat. "Ein paar Freunde und Weggefährten werden sicherlich kommen oder anrufen." Der Kontakt zu vielen Kickern von einst ist nie abgebrochen. Mit den Oldies von Werder Bremen hat er gerade wieder einige Hallenturniere gespielt. "Die Nierenkrankheit hat mich schließlich nicht dazu gebracht, mit dem Fußball abzuschließen."

Angst macht ihm nur Werder Bremen

Klasnics Karriere in Zahlen

Vereinsstationen:
1997 - 2001: FC St. Pauli
2001 - 2008: Werder Bremen
2008 - 2009: FC Nantes
2009 - 2012: Bolton Wanderers
2012 - 2013: FSV Mainz 05

Spiele:
Bundesliga: 154 (50 Tore)
2. Bundesliga: 95 (26 Tore)
DFB-Pokal: 28 (15 Tore)
Premier League: 78 (20 Tore)
Länderspiele: 41 (12 Tore)

Erfolge:
Bundesliga-Aufstieg 2001
Deutscher Meister 2004
DFB-Pokalsieger 2004

Bei den "alten Herren" von Croatia Hamburg ist Klasnic überdies Trainer. Und auch dort spielt er noch selbst. "Ich werde doch meinen besten 'Bomber' nicht auf der Bank lassen", sagt er lachend. "Wer weiß, ohne meine Nierenkrankheit würde ich vielleicht noch spielen, so wie Pizarro bei Werder." Die gegen den Abstieg kämpfenden Bremer wären über seine Stürmer-Qualitäten wahrscheinlich noch heute froh. Klasnic wünscht den Grün-Weißen und Trainer Florian Kohfeldt ("Er ist nicht das Problem") weniger Verletzungspech und Spieler, die sich nie wieder so aufgeben, wie beim 0:5 gegen Mainz. "So schlecht habe ich Werder im Weser-Stadion noch nie gesehen. Wirklich noch nie! Das hat mir tatsächlich Angst gemacht."

Ein Torjäger als "Spielmacher"

Er selbst hat mit dem Profi-Fußball seinen Frieden gemacht, wenngleich "es natürlich schade ist, dass es so früh vorbei war". Bei St. Pauli hat er 1997 angefangen, es folgten Stationen bei Werder Bremen, FC Nantes, Bolton Wanderers und Mainz 05. Mittlerweile ist der einstige Torjäger zum "Spielmacher" geworden. Das Projekt mit dem früheren St.-Pauli-Trainer Michael Lorkowski fördert sozial benachteiligte Kids. Eine Perspektive geben will Klasnic auch als Spielerberater. Werder wollte noch keinen seiner Klienten haben, was er frotzelnd kommentiert: "Deshalb stehen sie wohl auch da unten."

Organspende: Votum "eine Katastrophe"

Den Schalk im Nacken hat er noch immer - jedenfalls bis das Gespräch auf die Abstimmung zur Organspende jüngst im Bundestag kommt. Als Betroffener ist ihm das Votum gegen die Widerspruchsregelung vollkommen unverständlich. Warum sollen Bürger nicht Spender sein, wenn sie sich nicht aktiv dagegen entscheiden? Es will ihm nicht in den Kopf. "Mit der Zustimmungslösung bleibt alles, wie es ist. Eine Katastrophe", sagt Klasnic: "Die Menschen beschäftigen sich mit dem Thema doch erst, wenn sie beispielsweise in der Familie oder im Freundeskreis damit konfrontiert werden." Vor seiner Erkrankung sei er nicht anders gewesen, das gibt er ehrlich zu.

Rettung für Klasnic in Zagreb

"Nun wird es also weiter so sein, dass man hierzulande sieben oder acht Jahre auf eine neue Niere warten muss", sagt Klasnic, der erst eine Niere von seiner Mutter, dann von seinem Vater und am 17. Oktober 2017 schließlich die eines Spenders in Zagreb bekommen hat.

"In Kroatien leben zwar nur 4,5 Millionen Menschen, für die es aber keine Frage ist, ihre Organe nach dem Tod zu spenden. Prozentual liegt Kroatien hinter Spanien auf Platz zwei." Die Gedanken an seine Krankheit aus dem täglichen Leben zu verbannen - das ist nur bedingt möglich. "Ich muss natürlich meine Werte kontrollieren und regelmäßig zu Untersuchungen." Und täglich bis zu zwanzig Tabletten schlucken. "Mal mehr - mal weniger."

Warten auf das Urteil im Prozess gegen Werder

Ein Zustand, den nach Klasnics Überzeugung die damals verantwortlichen Ärzte von Werder Bremen zu verantworten haben, weil sie nicht rechtzeitig erkannt haben sollen, dass sich bei ihm eine Niereninsuffizienz entwickelt. Seit mehr als zehn Jahren wird dieser Vorwurf vor Bremer Gerichten verhandelt. "Wenn alles gut läuft, kommt es vielleicht in diesem Jahr zu einem Abschluss", hofft Klasnic. Zwar hat ein Gericht schon 2017 geurteilt, dass die schwere Nierenerkrankung zu spät erkannt und falsch behandelt worden ist. Widerspruch und weitere Gutachten haben das Verfahren jedoch in die Länge gezogen. Zumal beide Parteien im Oktober 2018 einen richterlichen Vergleichsvorschlag über eine Million Euro Schadenersatz abgelehnt haben. Das Warten auf ein Urteil erträgt Klasnic, wie er sagt, mittlerweile mit einigem Gleichmut: "Ich klage ja nicht ohne Grund."

Tanzen kann Klasnic auch

In der Zwischenzeit beschäftigt er sich lieber mit den positiven Dingen in seinem Leben. "Es geht mir gut, ich kann Fußball spielen und, was das Schönste ist, ich bin wieder Vater geworden." Mit einigem Amüsement beobachtet er, was einige seiner Ex-Kollegen so treiben. Sein Freund Ailton zum Beispiel, der bei "Let's Dance" antreten will. "Toni denkt immer, er kann alles. Aber manchmal ist er auch ein fauler Sack", sagt Klasnic über den "Kugelblitz". "Seiner Partnerin wünsche ich viel Spaß mit ihm", fügt er herzhaft lachend hinzu. Wäre so ein Auftritt auch eine Option für ihn? "Gut tanzen kann ich jedenfalls, das ist mal klar", sagt er. Vielleicht ja auch an seinem Geburtstag.

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Sport aktuell | 29.01.2020 | 09:25 Uhr