Stand: 17.02.2020 13:12 Uhr

Piotr Trochowski: Turbulentes Debüt in Liga fünf

von Hanno Bode, NDR.de

Piotr Trochowski wurde mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Vize-Europameister sowie WM-Dritter und gewann mit Sevilla die Europa League. Nun feierte der 35-Jährige ein Comeback beim HSV. Allerdings nicht für das Profiteam, sondern die fünftklassige dritte Mannschaft der Hamburger.

Es geht heiß her im Duell der Oberliga Hamburg zwischen dem TuS Osdorf und der Drittvertretung des Hamburger SV. "Sortier mal deine Füße und rede nicht. Dir ist doch noch schlecht von dem Tor", blafft Gäste-Akteur Dominik Jordan seinen Gegenspieler Felix Spranger an, den der 25-Jährige vor dem Treffer zum 2:1 für die Gäste durch Sepehr Nikroo (54.) hatte aussteigen lassen. Piotr Trochowski dehnt sich zu diesem Zeitpunkt neben dem HSV-Gehäuse und schaut dem Treiben auf dem Kunstrasenplatz interessiert zu.

Der 35-malige deutsche Fußball-Nationalspieler fiebert dreieinhalb Jahre nach dem Ende seiner Profilaufbahn seinem Comeback im Amateurbereich entgegen. Bald darauf hallt ein lautes "Trotsche" über die Anlage. Christian Rahn, ebenfalls langjähriger Berufskicker und früherer DFB-Auswahlspieler, hat den Vize-Europameister von 2008 und WM-Dritten von 2010 zur Einwechslung zu sich gerufen. Der ehemalige Linksverteidiger coacht gemeinsam mit Marcus Rabenhorst den HSV III.

Oberschenkelzerrung direkt nach Einwechslung

Trochowski eilt herbei und entledigt sich seines Trainingsanzugs. Auch die Hausherren wollen wechseln.

Sie können zwar keinen Ex-Profi aufs Plastikgrün schicken, dafür aber einen Mann, der seit Jahren in der Stadtliga beinahe nach Belieben trifft: Jeremy Wachter. Der 27-Jährige hat sagenhafte 98 Treffer in 114 Oberliga-Partien erzielt. Seitdem er nach einer feuchtfröhlichen Hochzeit eines Freundes mal einen Hattrick erzielte, wird er "Whiskey-Jerry" gerufen. An diesem Tag aber stiehlt Trochowski dem einst von Schalke 04 und dem FC St. Pauli umgarnten Torjäger die Show. Obgleich sich der Edeltechniker gleich nach seiner Einwechslung verletzt ("Der Oberschenkel hat direkt zugemacht."), erzielt er mit einem tollen Rechtsschuss den 3:1-Endstand (90.) und feiert so einen "überragenden Einstand" (Trainer Rabenhorst) in Liga fünf.

Rahn: "Es macht ihm extrem viel Spaß"

Kurz darauf ertönt der Abpfiff. "Wir singen Humba, Humba, Humba, Täterä", stimmen die zahlreichen Gäste-Fans an, während sich ihre freudetrunkenen Helden auf den Kunstrasen setzen. Nur Trochowski kommt nicht so recht runter. Die Knie schmerzen ihn. Wegen eines Knorpelschadens hatte er seine Profi-Laufbahn 2016 nach einem Engagement beim Bundesligisten FC Augsburg beenden müssen. "Man merkt, dass man nicht mehr der Jüngste ist. Jetzt muss ich erst einmal pausieren", erklärt der langjährige HSV-Profi (von 2005 bis 2011) den vielen Medienvertretern, die wegen seines Comebacks erschienen sind. "Macht mal Platz da", ruft Rahn den Journalisten zu und nimmt Trochowski mit einem Lächeln im Gesicht liebevoll in den Arm.

"Über seine Qualitäten brauchen wir gar nicht viel zu sprechen. Er sagt, dass es ihm extrem viel Spaß macht in dieser Truppe. Von einmal Training in der Woche, von dem er am Anfang gesprochen hat, sind es jetzt schon zwei- bis dreimal geworden", berichtet der 40-Jährige. "Wir wussten, was er im Training angeboten hat, von daher war es zwangsläufig klar, dass er irgendwann dann auch die entscheidenden Tore macht", ergänzt Rabenhorst.

Trochowski hatte kein Comeback geplant

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Trochowski (r.) spielte von 2005 bis 2011 für die Profis des HSV.

Dabei wollte Trochowski eigentlich gar nicht mehr in einem Verein gegen den Ball treten. Dann aber stand das Abschiedsspiel für seinen früheren HSV-Teamkameraden Rafael van der Vaart Mitte Oktober des vergangenen Jahres auf dem Programm und der Mittelfeldakteur suchte eine Möglichkeit, sich in Form zu bringen. Ein Aufsichtsratsmitglied des Zweitligisten stellte den Kontakt zur dritten Mannschaft her, bei der sich der 35-Jährige anschließend so wohl fühlte, dass er sich schließlich dafür entschied, in der Fünften Liga ein Comeback zu feiern.

"Mein Gott, ich bin hier aufgewachsen in Hamburg, habe immer auf Grand gespielt", erinnert Trochowski an seine Anfänge bei der Sportvereinigung Billstedt-Horn: "Es ist schön, in den Amateurfußball zurückzukommen. Es macht Spaß. Meine drei Brüder haben hier auch schon gespielt. Der Kreis schließt sich. Es war wie ein Freitagskick mit Freunden", sagt der Ex-Nationalspieler.

Die erste Gefahr lauert schon vor dem Anpfiff

Der Abend beginnt für den Mann, der mit dem FC Sevilla 2014 Europa-League-Sieger wurde, allerdings holprig. Denn nicht wie früher zu Profizeiten mit einem Mannschaftsbus, sondern dem Privat-PKW geht es nach Osdorf. Die Anlage des TuS am Blomkamp liegt exakt viereinhalb Kilometer vom Volksparkstadion entfernt, in dem Trochowski einst mit dem HSV die Massen begeisterte, bevor der schleichende Abstieg des Bundesliga-Gründungsmitglieds begann. Eine große Gefahr lauert für den 35-Jährigen bereits weit vor dem Anpfiff: der vom Regen aufgeweichte Weg zum Platz des Gastgebers. Ein paar der am Ende 570 Zuschauer der Partie werden sich hier bis zum Spielbeginn noch auf den Hosenboden setzen, bevor sie ihren Obolus entrichtet haben. Trochowski nicht. 

Dieses Thema im Programm:

Sportplatz | 16.02.2020 | 18:00 Uhr