Stand: 11.02.2020 08:52 Uhr

Ex-HSV-Coach Zinnbauer: Gänsehaut in Südafrika

Coach Josef Zinnbauer eilt mit den Orlando Pirates in der südafrikanischen Premiership von Sieg zu Sieg.

Zinnbauer? Josef Zinnbauer? Viele Fans der Orlando Pirates hatten diesen Namen noch nie zuvor gehört, als der fünfmalige südafrikanische Meister den 49 Jahre alten Trainer am 10. Dezember des vergangenen Jahres als Nachfolger des Serben Milutin Sredojevic präsentierte. Und auch die Sportpresse in Johannesburg reagierte mit Verwunderung auf die Verpflichtung des früheren Coaches des Hamburger SV und VfB Oldenburg. Zinnbauer habe "eine Menge zu beweisen", schrieb beispielsweise die Zeitung "City Press" und kritisierte: "Der Club hat in den letzten zehn Jahren elf Trainer beschäftigt, von denen nur zwei schwarz waren."

Trainer antwortet mit Siegen auf Vorbehalte

Der Empfang in der neuen (warmen) Heimat war also recht frostig für Zinnbauer, der seit seinem Rauswurf beim Schweizer Erstligisten FC St. Gallen im Mai 2017 vereinslos gewesen war.

Nur ein paar Wochen später ist "Magic Joe", wie der Hamburger Boulevard ihn nach seinen Anfangserfolgen als HSV-Coach 2014 taufte, in Südafrika ein gefeierter Mann. Der aus dem oberpfälzischen Schwandorf stammende Fußballlehrer ist mit dem Club aus Soweto in der Eliteliga Premiership noch ungeschlagen und führte ihn vom achten auf den zweiten Platz. Seine eindrucksvolle Bilanz: Sechs Siege und ein Remis. Das Zweitrunden-Aus im "Nedbank Cup" gegen den Bidvest Wits FC am vergangenen Sonntag nach Elfmeterschießen war zwar ein erster kleiner Dämpfer für Zinnbauer. Die Bewunderung vieler Fans für den 49-Jährigen ist aber unvermindert groß. Auf "Twitter" loben sie ihn als "Mastermind" oder "deutschen Taktik-Meister". Er tue "das Werk Gottes", zwitscherte ein Anhänger gar.

Soweto statt St. Gallen

Nun also das pulsierende Soweto statt des beschaulichen St. Gallen. Zinnbauer ist in eine andere Welt eingetaucht. "Die Menschen hier sind verrückt und hungrig nach Fußball", erzählt der Übungsleiter begeistert: "Es ist eine phantastische Stimmung in den Stadien, das hätte ich vorher so nicht gedacht. Du kriegst Gänsehaut während des Spiels." Der frühere Profifußballer des 1. FSV Mainz 05 und Karlsruher SC hat sich nicht aus Mangel an Alternativen, sondern bewusst für das "Abenteuer Südafrika" entschieden, wie er bei seiner offiziellen Vorstellung als Pirates-Coach in gebrochenem Englisch erklärte. "Ich hatte in den letzten sieben Monaten etwa zehn Angebote, darunter waren welche aus der Türkei und Zypern. Aber ich habe abgewartet, ich hatte ja Zeit und noch einen Vertrag in der Schweiz", sagte Zinnbauer, dessen Arbeitspapier bei St. Gallen noch lief. Auch in Australien hätte er arbeiten können, verriet der 49-Jährige: "Da hatte ich aber kein gutes Gefühl."

Zinnbauer schwärmt von tollen Fans

So landete Zinnbauer auf Vermittlung seines Beraters schließlich in Soweto. Nicht aus monetären Gründen, wie der Coach bekräftigte. Er habe zuvor finanziell attraktivere Offerten gehabt, erklärte Zinnbauer. Aber erst bei den Pirates habe er "ein gutes Gefühl" gehabt und deswegen auch gleich einen Dreijahresvertrag unterzeichnet. Bis dato hat er seine Entscheidung keine Sekunde bereut. "Ich habe natürlich gewusst, dass der Verein groß ist und Tradition hat. Aber wenn man jetzt irgendwo zum Auswärtsspiel fährt und man sieht auf der Straße die Leute und die machen dann das Pirates-Zeichen - das ist brutal. Die haben ein gegnerisches Trikot an und zeigen trotzdem die Pirates-Flagge, da kriegst du teilweise Gänsehaut", erzählt der Fußballlehrer mit leuchtenden Augen.

Titel-Duell mit Middendorps Chiefs

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Härtester Konkurrent für Zinnbauer im Titelkampf: Coach Ernst Middendorp mit den Kaizer Chiefs.

Ein Titelgewinn mit dem bekanntesten Club Südafrikas würde Zinnbauers derzeit ohnehin schon großes Ansehen bei den Pirates-Fans vermutlich ins Unermessliche steigen lassen. Doch dagegen hat ein anderer am Kap "gestrandeter" deutscher Coach etwas: Ernst Middendorp. Der "Jahrhundert-Trainer" von Arminia Bielefeld zeichnet für den Ortsrivalen Kaizer Chiefs verantwortlich und führt die Tabelle mit seinem Verein mit neun Zählern Vorsprung an. Am 29. Februar empfangen Zinnbauers "Piraten" Middendorps "Häuptlinge", wie die Chiefs auch gerufen werden. Mit einem Erfolg könnte der derzeitige Zweite das Meisterschaftsrennen noch einmal spannend machen. Bei einer Pleite in dem prestigeträchtigen Duell würde sich Zinnbauer vermutlich kritische Fragen stellen müssen.

Die gibt es nämlich sogar jetzt noch vereinzelt, obwohl die Zahlen doch eigentlich für seine Arbeit sprechen. So lautete die Überschrift des Portals "SowetanLive" zu einem Artikel über die Erfolgsserie des Clubs jüngst: "Wem gebührt die Anerkennung für die Wiederbelebung der Piraten?" In dem Text wird dann darüber spekuliert, ob Zinnbauer möglicherweise nicht nur von der "harten Arbeit" seiner Vorgänger Rulani Mokwena und Sredojevic profitieren würde.

Beim HSV erst gefeiert, dann gefeuert

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Zinnbauer zeichnete in der Serie 2013/2014 rund sieben Monate für den HSV verantwortlich.

So lange die Ergebnisse stimmen, hat Zinnbauer die Argumente auf seiner Seite. So konnte er seinerzeit auch nach seiner Beförderung vom U23- zum Profitrainer beim HSV (im September 2014) die Kritiker beruhigen, die ihm vorwarfen, das Team fußballerisch und taktisch nicht zu entwickeln. Denn zu Beginn seiner am Ende nur rund siebenmonatigen Amtszeit als Coach der Hamburger Bundesliga-Mannschaft ging es aufwärts. Die Hanseaten erkämpften sich beim Debüt von Zinnbauer ein 0:0 gegen Bayern München und siegten wenig später mit 1:0 bei Borussia Dortmund. Es war die Zeit, als aus dem Fußball-Trainer Josef Zinnbauer "Magic Joe" wurde.

Sein Zauber war jedoch rasch verflogen. Die HSV-Auftritte unter seine Regie wurden zunehmend unansehnlicher und erfolgloser. Nach einer 0:1-Pleite am 26. Spieltag der Saison 2013/2014 gegen Hertha BSC wurde der 49-Jährige beurlaubt.

Platzhalter für Wunschcoach Tuchel

Zum Saisonende hätte er ohnehin gehen müssen. Denn der damalige Clubchef Dietmar Beiersdorfer hatte Zinnbauer lediglich als Platzhalter auf die Bank gesetzt. Sein Plan: Thomas Tuchel sollte zur neuen Serie übernehmen. Klappte schließlich nicht, weil sich Tuchel dann für ein Engagement beim BVB entschied. Beiersdorfer schaute blöd aus der Wäsche und Zinnbauer kehrte als Coach zum HSV zurück - allerdings nur zur U23. Für acht Regionalliga-Partien betreute er noch einmal das Nachwuchs-Team, dann wechselte der 49-Jährige nach St. Gallen.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 10.02.2020 | 14:25 Uhr