Stand: 14.11.2018 12:25 Uhr

Der tiefe Fall der Braunschweiger Eintracht

von Patrick Halatsch, NDR Fernsehen
Hängende Köpfe bei Coach André Schubert (l.) und seiner Eintracht.

Eintracht Braunschweig droht der Sturz in die Bedeutungslosigkeit. Fünfeinhalb Jahre nach dem Aufstieg in die Fußball-Bundesliga steht der Traditionsclub in der Dritten Liga mit dem Rücken zur Wand. Wie konnte es so weit kommen? Die Chronik eines Niederganges.

Auch der hohe Zaun in der Südkurve kann sie nicht aufhalten: Ultras aus Block neun stürmen in den Innenraum, wollen so ihrem Ärger Luft machen. Andere im Eintracht-Stadion verharren starr nach der erneuten Heimpleite gegen Uerdingen am vergangenen Sonnabend. Sie alle eint dasselbe: Frust. Und Ungläubigkeit. Was ist mit ihrer Eintracht passiert, die erst eineinhalb Jahre zuvor hauchdünn vor dem erneuten Aufstieg in die Bundesliga stand?

Klatsche in Bielefeld der Anfang vom Ende

Viele der Anhänger werden seinerzeit ebenfalls dabei gewesen sein, am 8. Mai 2017, als Braunschweig im vorletzten Heimspiel der Saison Aufstiegskonkurrent Union Berlin bezwang. Unter Flutlicht. Vorgeschmack auf eine erneute Spielzeit in der Beletage des deutschen Fußballs nach 2014. Dachten nicht wenige. Doch dann kam Bielefeld. Besser gesagt: Die "Löwen" mussten dorthin. Zum Vorletzten. Den Aufstieg hatten sie selbst in der Hand, doch mit einer 0:6-Klatsche im Gepäck ging's auf die Heimreise. Es war der Anfang vom Ende.

Christoffer Nyman © imago / Claus Bergmann

Eintracht: Hinten dicht, vorne Nyman

NDR 2 -

Es sind schon acht Punkte bis zu einem Nicht-Abstiegsplatz: Eintracht Braunschweig ist abgeschlagener Letzter in der Dritten Liga. Aber: Es gibt Hoffnung.

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Rasanter, beinahe beispielloser Abwärtstrend

Es folgten das Scheitern in der Relegation gegen den finanzkräftigen VfL Wolfsburg und ein Abwärtstrend, dessen Rasanz fast beispiellos ist: Abstieg aus der Zweiten Liga, Absturz ans Tabellenende der Dritten Liga, zwei Trainerwechsel (Torsten Lieberknecht, Henrik Pedersen), eine Managerentlassung (Marc Arnold) ohne Neubesetzung, der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums ausgetauscht, Abstieg der U17 und U19, Zwangsabstieg der U23 aus der Regionalliga Nord.

Der Traditionsclub ist wieder da, wo er vor der Dekade Lieberknecht/Arnold schon einmal war. Nur: Diesmal ist es noch schlimmer.

Ein überflüssiger Abstieg

Dass ein Verein, der in der Aufstiegsrelegation scheitert, in der Folgesaison Probleme bekommt, ist nicht ungewöhnlich. Fürth und Karlsruhe zum Beispiel können ein Lied davon singen. Aber selten war ein Abstieg aus der Zweiten überflüssiger als der von Braunschweig. Erst am letzten Spieltag standen die "Löwen" erstmals auf einem Abstiegsplatz - 33 Runden zuvor nicht. Das hat vielen offenbar den Blick verstellt, bis zuletzt hatte wohl kaum einer aus der Eintracht-Führung den Abstieg auf dem Zettel. Es werde schon irgendwie gutgehen und dann werde man sich neu aufstellen in der Zweiten Liga, hieß es.

Keiner zieht die Notbremse

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Trauriger Kultcoach: Torsten Lieberknecht nach dem Abstieg.

Ein Punkt aus den letzten drei Spielen gegen Nürnberg, Ingolstadt und Kiel hätte zum Klassenerhalt gereicht. Im letzten Saisonspiel gab es, trotz zweimaliger Führung, ein denkwürdiges Debakel gegen eine Kieler B-Elf. Schon lange vor diesem Spiel wirkte Langzeittrainer Lieberknecht vollkommen ausgebrannt, war nicht mehr in der Lage, das notwendige Feuer bei seinen Spielern im Existenzkampf zu entfachen. Erlöst wurde er von höherer Stelle nicht. Die Eintracht schlitterte sehenden Auges dem Abstieg entgegen und niemand zog die Notbremse.

Ein halbgarer Neustart

Auch auf den Worst Case und die Dritte Liga war offenkundig keiner vorbereitet. Die "Löwen" trennten sich von Lieberknecht, die Zusammenarbeit war abgenutzt - verständlich nach zehn langen Jahren. Der Manager aber durfte bleiben. Vorerst. Mehr geduldet als erwünscht, denn Arnolds Vertrag sollte über 2019 ohnehin nicht verlängert werden. Ein halbgarer Neustart also, inkonsequent, aus Angst vor dem Kollaps. Trotz des Abstiegs wurde Arnold damit beauftragt, einen neuen Trainer zu suchen und den Kader umzukrempeln. Warum aber einen Mann mit einer perspektivischen Aufgabe betreuen, der selbst keine Perspektive mehr hat? Eine Alternativlösung hatte niemand parat...

Leistungsträger ziehen lassen

Herausgekommen aus den notwendigsten Renovierungsarbeiten waren schließlich Pedersen, ein dänischer Coach ohne Cheftrainererfahrung in einer deutschen Profiliga, sowie der jüngste und unerfahrenste Kader der Dritten Liga. Eine komplett neue Mannschaft, die der Eintracht-Fan nicht mehr wiedererkannte. Dass der Club Identifikationsfiguren wie Ken Reichel (Union Berlin) und Mirko Boland (Australien, Erste Liga) oder Leistungsträger wie Jan Hochscheidt (Aue) und Jasmin Fejzic (Magdeburg) ziehen ließ, obwohl sie bleiben wollten, erscheint angesichts des jungen Kaders, der Alternativen, der gezeigten Leistungen und des derzeitigen Tabellenstandes geradezu absurd. Diese erfahrenen Spieler hätten das Gerüst, das Korsett einer jungen, neu aufzubauenden Mannschaft sein können und müssen.

Wertvolle Zeit verschenkt

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Zudem verschenkten die Verantwortlichen bei der Kaderplanung wertvolle Zeit. Resultat der zähen und angesichts der Situation überflüssigen Hängepartien: Die Spieler unterschrieben schließlich woanders - und das, obwohl noch kein adäquater Ersatz da war. Als die jungen Zwillingsbrüder Nick und Yari Otto bei den Niedersachsen anheuerten, wussten sie nicht, mit wem sie künftig zusammenspielen würden. Es gab kaum Mitspieler. Überspitzt formuliert: Als andere Drittliga-Teams in der Sommerpause schon am Feinschliff feilten, hatte die Eintracht noch nicht einmal eine Elf zusammen.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 10.11.2018 | 14:00 Uhr

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