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Der neue HSV: Mehr Moral, mehr Wucht, mehr Variabilität

Stand: 25.10.2020 12:30 Uhr

Der Hamburger SV führt die Zweite Liga verlustpunktfrei an. Coach Daniel Thioune ist es gelungen, dem Team ein neues Gesicht zu geben.

von Hanno Bode

Bevor der HSV Ende August die Heimreise aus seinem Trainingslager in Bad Häring in Tirol antrat, zog der neue Coach Daniel Thioune ein bemerkenswertes Fazit der Tage in Österreich. Er habe sein Team mit Informationen und Vorgaben überfrachtet, erklärte der 46-Jährige. Diese für Profifußball-Verhältnisse erstaunlich ehrliche Aussage konnte man fraglos auch so interpretieren, dass die Mannschaft nicht versteht, was ihr Trainer von ihr will. Die 1:4-Schmach in der ersten Runde des DFB-Pokals beim Drittligisten Dynamo Dresden schien ein weiteres Indiz dafür zu sein, dass der sechsmalige Meister auch unter Thioune - dem vierten Coach im dritten Hamburger Zweitliga-Jahr - wieder krachend am Aufstieg scheitern könnte.

Doch seit jenem Dresden-Desaster hat der HSV das Verlieren verlernt. Fünf Siege zum Liga-Auftakt sind Vereinsrekord. Was aber noch bemerkenswerter als diese historische Marke ist: Das in der Vorsaison nach Negativerlebnissen so fragile Team kann nun auch mit Rückschlägen umgehen.

HSV dreht Spiel gegen Würzburg

Gegen die Würzburger Kickers lieferten die Hamburger am Sonnabend einen eindrucksvollen Beweis für ihre neue psychische Stärke. Sie ließen einem blutleeren und fußballerisch ernüchternden Auftritt in Abschnitt eins nach der Halbzeit eine Vorstellung voller Herz und Leidenschaft folgen. Der 0:1-Pausenrückstand konnte noch in einen 3:1-Sieg verwandelt werden. Thioune war es dabei gelungen, seine Spieler in der Kabine an der Ehre zu packen.

"Heute war es noch einmal wichtig, so ein bisschen an die Mentalität und an die Einstellung zu erinnern. Denn davon, gierig und gallig zu sein, waren wir ein bisschen weiter entfernt in der ersten Halbzeit. Dann haben wir 45 Minuten gezeigt, zu was wir imstande sind, wenn wir von beidem etwas haben", sagte der Trainer dem NDR.

Thioune stiftet erfolgreich Chaos

Wurde Würzburg vor allem mit viel Wucht und dank eines erneut zielsicheren Torjägers Simon Terodde (traf zweimal) in die Knie gezwungen, hatten die Hanseaten am vergangenen Mittwoch im Nachholspiel gegen Erzgebirge Aue (3:0) unter Beweis gestellt, auch fußballerisch gereift zu sein. Die eigentlich immer schwer zu bespielenden, weil sehr kompakt stehenden Sachsen, verwirrte der HSV durch viele Positions- und Systemwechsel während der 90 Minuten.

Es sei nicht zu erkennen gewesen, welche Taktik die Hamburger verfolgt hätten. Und genau das sei das Problem gewesen, hieß es anschließend vonseiten der Erzgebirgler. Kurzum: Thioune hatte erfolgreich Chaos gestiftet.

"Will den Fußball nicht neu erfinden"

Wenn die neue Variabilität der in den vergangenen beiden Spielzeiten ziemlich ausrechenbaren Hanseaten schon von den Gegnern gelobt wird, müsste der Trainer eigentlich stolz wie Bolle sein - auch auf sich. Aber Thioune ist weit davon entfernt, sich nach dem tollen Auftakt auf die eigenen Schultern zu klopfen. "Ich habe ja schon mal betont, dass ich mich und den Fußball nicht neu erfinde. Ich will Lösungsmöglichkeiten anbieten und weniger an Problemen arbeiten. Und das schafft die Mannschaft - sie passt an", erklärte der Deutsch-Senegalese.

Was wird aus Sportvorstand Boldt?

Alles also eitel Sonnenschein an der Sylvesterallee, weil Thioune offenbar an den richtigen Stellschrauben gedreht hat? Nun, der HSV wäre nicht der HSV, wenn es bei ihm keine Nebenkriegsschauplätze gäbe. In diesen Tagen sorgt Sportvorstand Jonas Boldt dafür, dass der Höhenflug des Teams bisweilen etwas in den Hintergrund gerät. Der 38-Jährige flirtet mit der AS Rom. Er soll dem italienischen Club sogar schon ein sehr detailliertes Konzept vorgelegt haben.

Dass Boldt ziemlich ungeniert mit dem Serie-A-Verein verhandelt, obwohl er sein Salär derzeit noch von der HSV Fußball AG erhält, wirft ein recht chaotisches Bild auf die Chefetage des Zweitliga-Spitzenreiters. Und anders als für das von Thioune gewollte Tohuwabohu auf dem Rasen, gibt es für dieses Chaos bestimmt kein Lob von der Konkurrenz...

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Bundesligashow | 24.10.2020 | 15:00 Uhr

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