Stand: 09.09.2020 18:57 Uhr

Herzblut statt Geld: Todesfelde baut auf Heimeffekt

Erste DFB-Pokalrunde, das ist normalerweise David gegen Goliath, auf dem hoppeligen Dorfplatz um die Ecke. Doch durch die Corona-Pandemie ist in diesem Jahr vieles anders. Die Auflagen sind hoch, und mit der Aussicht auf lediglich ein paar hundert Zuschauer haben die meisten Amateurvereine ihr Heimrecht an die Proficlubs abgegeben. Beim schleswig-holsteinischen Fünftligisten SV Todesfelde, der am Sonnabend im heimischen Sportpark den Zweitligisten VfL Osnabrück empfängt (15.30 Uhr, im NDR Livecenter), stand das nicht zur Diskussion. Die neuen Tore stehen, die kleinen Tribünen wurden erweitert, die Bagger und ehrenamtlichen Helfer sind abgezogen.

"Das Spiel ist das i-Tüpfelchen"

"Unsere Fans, Förderer und ehrenamtlichen Mitarbeiter haben sich den Arsch dafür aufgerissen, dass so ein Spiel in Todesfelde stattfinden kann", sagte der Club-Vorsitzende Holger Böhm dem NDR. "Das Spiel ist das i-Tüpfelchen. Wir wären doch mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir sagen: 'Wir machen das nur aus wirtschaftlichen Gründen nicht.'" Teammanager Timo Gothmann freut sich besonders "für die Mannschaft, die nun das größte Spiel der Vereinsgeschichte in ihrem Wohnzimmer bestreiten kann". 500 Zuschauer sieht das Corona-Konzept des Clubs aus dem 1.000-Seelen-Ort bei Bad Segeberg vor.

Norderstedt tritt lieber in Leverkusen an

Gleich elf unterklassige Teams aus der Regionalliga oder Oberliga haben anders entschieden und das Heimrecht abgegeben. Sie waren finanziell und organisatorisch überfordert, hätten sie doch für eine ausreichende Logistik für eine TV-Übertragung, genügend Ordnungskräfte und die Einhaltung des strengen Hygienekonzepts sorgen müssen.

"Die Anforderungen waren für Amateurvereine schon immer immens. Corona macht aber noch einmal einen großen Unterschied aus", sagte Stefan Cohrs, Abteilungsleiter des Fünftligisten MTV Eintracht Celle. Für die kleinen Clubs rechnet sich der Aufwand einfach nicht, zumal Zuschauereinnahmen fehlen. Auch nicht für Eintracht Norderstedt. Der Nord-Regionalligist tritt am Sonntag (15.30 Uhr) lieber auswärts bei Bundesligist Bayer Leverkusen an, als im eigenen Stadion vor maximal 500 Zuschauern, unter ihnen Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU).

Eine kaufmännische Entscheidung

Das Minus für den Viertligisten hätte sich sonst auf "schätzungsweise 25.000 Euro" belaufen, rechnet Club-Präsident Reenald Koch vor. "Die Kosten für die TV-Infrastruktur liegen bei ungefähr 30.000 Euro. So war es dann ein rein kaufmännisches Rechnen, das Spiel nach Leverkusen zu vergeben."

"Der DFB-Pokal lebt von den Geschichten und Emotionen, die gerade bei den Begegnungen in der ersten Runde zwischen Amateuren und Profis seit vielen Jahrzehnten die Fans in ganz Deutschland begeistern. Natürlich fehlt in dieser Saison durch den teilweisen Verzicht auf Zuschauer und Tausch der Heimspielstätte ein Teil dieses besonderen Reizes." DFB-Vizepräsident Peter Frymuth

Koch gesteht allerdings auch ein, dass die Finanzen nicht der einzige Grund waren und vergleicht die Situation mit der in Todesfelde. "Dort spielt man gegen den VfL Osnabrück. Wir spielen gegen Bayer Leverkusen, die Nummer fünf der Bundesliga. Ich glaube, das ist eine völlig andere Kategorie von Gegner." Die Norderstedter rechnen sich sportlich gegen den Europa-League-Viertelfinalisten kaum eine Chance aus. Der SV Todesfelde, der als einziger Club unterhalb der Regionalliga von seinem Heimrecht Gebrauch macht, auf dem eigenen Dorfplatz gegen Osnabrück schon.

DFB änderte kurzfristig die Regeln

Der DFB bedauert zwar den weitgehend verlorengegangenen Reiz der ersten Pokalrunde, ist auf der anderen Seite aber froh, dass der Wettbewerb überhaupt starten kann. Dazu mussten erst einmal die Regeln kurzfristig geändert werden, da der Tausch des Heimrechts eigentlich gar nicht erlaubt ist. Mit der Neuerung, die einen Tausch möglich macht, "sofern das Hygienekonzept in der Heimspielstätte nicht umgesetzt werden kann oder durch den Heimrechttausch eine Kostenersparnis für den Amateurverein entsteht", kam der Verband den Amateuren entgegen.

Das gilt auch bei den Kosten. So erhalten alle Clubs ab der Dritten Liga abwärts 30.000 Euro für die Umsetzung des Hygienekonzeptes, wozu auch die Tests für die Spieler gehören. Den Zuschuss erhalten auch die Vereine, die das Heimrecht getauscht haben. Was die Clubs an Prämien erhalten, steht noch nicht fest. Erst bei der Sitzung des DFB-Präsidiums am Freitag soll die Verteilung der Medien- und Marketinggelder beschlossen werden. In der vergangenen Saison gab es 175.500 Euro für jeden Erstrunden-Teilnehmer.

"Das, was bleibt, ist ja viel mehr als Geld"

"Ich finde es schade für die anderen Vereine. Aber die machen das ja nicht nur aus finanzieller Sicht, sondern weil sie es einfach nicht geschafft haben", sagte Clubchef Böhm, der in dem Spiel des Jahres ohnehin mehr als David gegen Goliath in der ersten Pokalrunde sieht: "Das ist Herzblut, das ist Erinnerung und Identifikation mit der Region. Das, was bleibt, ist ja viel mehr als Geld."

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 08.09.2020 | 12:25 Uhr

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