Stand: 11.08.2020 08:00 Uhr

Corona-Irrsinn: Die Reisen der TuS Dassendorf

von Hanno Bode, NDR Sport
Die Spieler der TuS Dassendorf bei einer Trinkpause während ihrer Partie in Ahlerstedt © Hanno Bode Foto: Hanno Bode
Die Spieler des Hamburger Meisters TuS Dassendorf müssen zum Fußballspielen derzeit in andere Bundesländer ausweichen.

Hamburgs Fußball-Meister TuS Dassendorf kommt aus Schleswig-Holstein und hat ein Problem: In beiden Bundesländern darf noch nicht wieder gespielt werden. Also nimmt der Club weite Reisen auf sich, um Wettkampf-Praxis zu bekommen.

Nach beinahe einstündiger Autofahrt knurrt Jan Schönteich der Magen. Also steuert der Sportchef der TuS Dassendorf kurz vor der Ankunft im niedersächsischen Ahlerstedt, wo der Hamburger Fußball-Meister an diesem Tag ein Freundschaftsspiel bestreitet, eine Tankstelle an. Blöd nur für den 52-Jährigen und seinen Beifahrer Alexander Knull (Ligamanager der TuS), dass sich vor dem Verkaufsraum bereits eine lange Schlange gebildet hat. Also müssen Schönteich und Knull warten, bis sie endlich ein paar Köstlichkeiten in den Händen halten. Wären sie doch nur ein paar Meter weiter gefahren zum dort beheimateten Bäcker - dort stehen zu diesem Zeitpunkt lediglich ein paar Kunden an.

"Schön, andere Orte kennenzulernen..."

Aber Schönteich und Knull sind eben nicht ortskundig. Sie hätten vermutlich ohnehin nie hier in der Provinz Halt gemacht, wäre die TuS nicht gezwungen, zum Fußballspielen in andere Bundesländer auszuweichen. Denn in Schleswig-Holstein, wo Dassendorf beheimatet ist, und Hamburg sind Amateurpartien wegen der Coronavirus-Krise weiterhin nicht erlaubt. Also verbringen Spieler und Verantwortliche des Dorfclubs in diesen Wochen viel Zeit auf der Autobahn. Am Wochenende zuvor hatte die TuS in Hagenow (Mecklenburg-Vorpommern) gekickt, nun misst sie ihre Kräfte auf dem flachen niedersächsischen Land mit der SV Ahlerstedt/Ottendorf. "Es ist ja schön, auch mal andere Orte kennenzulernen", sagt Dassendorfs Fußball-Abteilungsleiter Frank Flatau mit einem gequälten Lächeln.

Nur in Hamburg und Schleswig-Holstein ruht der Ball

Verständnis bringt der 54-Jährige nicht mehr dafür auf, dass inzwischen in allen Bundesländern außer eben in Hamburg (Ausnahme: Pokalpartien der vergangenen Saison) und Schleswig-Holstein auch auf Amateurebene wieder gespielt werden darf. "Wir sind der Meinung, dass es gerade im Bereich Fußball keine großartigen Probleme gibt, da wir draußen spielen. Wir trainieren seit acht bis zehn Wochen in den erlaubten Zehnergruppen. Und bisher gab es keinen einzigen Fall, der Corona-bedingt zum Abbruch des Trainings geführt hat. Deswegen wäre es schon schön gewesen, wenn wir zumindest Testspielbetrieb haben dürften", erklärt Flatau im NDR Interview. Insbesondere für die Kinder sei es eine "Katastrophe", dass zwar inzwischen wieder Training mit Körperkontakt in Gruppen von maximal zehn Personen erlaubt ist, Spiele aber nicht stattfinden dürfen.

Kinderfußball ruht seit fast einem Jahr

"Sie hatten ihre letzten Spiele im vergangenen Herbst. Dann kam die Hallenrunde und danach der Lockdown", sagt der TuS-Abteilungsleiter. Die Situation sei für viele Vereine "existenzbedrohend", meint der 54-Jährige mit Blick auf drohende Austritte. Dassendorfs Ligarivale SV Curslack-Neuengamme hat diesbezüglich bereits bittere Erfahrungen machen müssen. Die komplette A-Jugend verabschiedete sich nach monatelanger Zwangspause aus dem Hamburger Club.

Anwesenheitsliste und Klappstühle

Ein Zuschauer des Testspiels zwischen der SV Ahlerstedt/Ottendorf und der TuS Dassendorf trägt sich per Handy in eine digitale Anwesenheitsliste ein © Hanno Bode Foto: Hanno Bode
In Corona-Zeiten Pflicht: Zuschauer müssen sich - wie hier mit dem Handy - in eine Anwesenheitsliste eintragen.

Dabei zeigt sich an diesem heißen Morgen in Ahlerstedt, dass Amateurfußball auch in Corona-Zeiten möglich ist. Der Gastgeber hat sich bei der Organisation der Partie an dem Muster-Hygienekonzept des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) "Zurück ins Spiel" orientiert. Alle Kicker, Funktionäre und Zuschauer müssen sich vor dem Betreten des Stadions "Am Auetal" per Handy in eine digitale Anwesenheitsliste eintragen. Auf der gesamten Anlage muss der Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden. Zudem hatte der Lüneburger Landesligist darum gebeten, Klappstühle mitzubringen. Denn ab einer Zuschauerzahl von 50 Personen müssen alle Schaulustigen nach der aktuellen Verfügungslage des Landes Niedersachsen Sitzplätze einnehmen.

"Wir wollen demütig sein"

Diese Vorgabe führte in den vergangenen Wochen bei anderen Clubs, die über keine Tribünen oder nur sehr kleine verfügen, dazu, dass Partien unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Denn Regelverstöße - so die Befürchtung der Vereine - könnte die gerade wieder gewonnene Fußball-Freiheit in Gefahr bringen. "Wir als Fußballer genießen das Privileg, dass wir unseren Sport wieder ausüben dürfen. Deswegen wollen wir auch demütig sein", erklärte Tobias Wenck, Ligaobmann von Eintracht Elbmarsch. Der Bezirksligist kann sich derzeit vor Anfragen von Hamburger und Schleswig-Holsteiner Clubs für Freundschaftsspiele kaum retten. Seine drei Plätze sind am Wochenende nahezu den ganzen Tag über belegt. Bevor der Testspiel-Tourismus einsetzte, kickte die Eintracht überwiegend gegen Teams aus der Nachbarschaft.

Irgendwie fit halten für den Tag X

Auch Ahlerstedt war bis dato nicht als Fernweh-Ziel für Clubs aus anderen Bundesländern bekannt. Dassendorf hat die knapp 100 Kilometer lange Fahrt (einfache Strecke) in Kauf genommen, um überhaupt Fußball spielen zu können. "Wir müssen halt in den sauren Apfel beißen und dorthin ausweichen, wo schon gespielt werden darf. Wir müssen uns irgendwie fit halten und für den Zeitpunkt bereit sein, wenn es wieder losgeht. Da müssen wir einfach durch. Es ist, wie es ist", sagt TuS-Verteidiger Marcel Lenz nach dem 0:0 im Testkick bei knapp 30 Grad im Schatten. Dass die Rückfahrt in die Heimat wegen eines Staus auf der Autobahn auch nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig ist, gibt der Tortur, die viele Amateurfußballer derzeit auf sich nehmen, noch eine zusätzliche bittere Note.

Günther macht Hoffnung auf Lockerungen

Während es aus Hamburgs Politik noch keinerlei Signale gibt, dass sich vor dem 31. August, wenn die aktuelle Verordnung zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 endet, etwas für die Amateurfußballer der Stadt ändert, dürfen Schleswig-Holsteins Kicker nun doch auf baldige Lockerungen hoffen. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sagte Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) am Montag dem Präsidenten des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes, Uwe Döring, dieser könne im Hinblick auf eine vernünftige Lösung optimistisch sein. Günther verwies auf ein Spitzengespräch am Mittwoch von Innen- und Gesundheitsministerium mit den Landessportverbänden. Innen- und Sportministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) hatte dies am Freitag angekündigt. Die Landesregierung wolle den Vereinen helfen, doch noch ihre Saisonvorbereitung im Mannschaftstraining abschließen zu können.

TuS hat weitere "Fernreisen" schon gebucht

Am Reiseplan der Dassendorfer Ligamannschaft würden die in Aussicht gestellten Lockerungen allerdings nichts mehr ändern. Der Hamburger Branchenprimus hat längst weitere Testspiele fernab der eigenen Heimat vereinbart. Einige Ziele waren den Verantwortlichen bis dato noch völlig unbekannt. "Ich musste gestern bei einem Gegner, der uns eingeladen hat, noch einmal nachfragen, wie er heißt", gibt Ligamanager Knull mit einem Schmunzeln zu.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 10.08.2020 | 19:30 Uhr

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