Stand: 17.01.2019 13:54 Uhr

Labbadia: "Grat zwischen Platz 5 und 13 ist schmal"

Bruno Labbadia hat den VfL Wolfsburg wieder zu einem Europapokal-Anwärter gemacht.

Bruno Labbadia und der VfL Wolfsburg, das scheint zu passen. Im vergangenen Mai rettete der Trainer den Club vor dem Bundesliga-Abstieg, ein gutes halbes Jahr später rangieren die Niedersachsen auf Platz fünf und haben Europa im Blick. Vor dem Rückrundenstart am Sonntag (18 Uhr, im NDR Livecenter) auf Schalke spricht der 52-Jährige im Interview über diese rasante Entwicklung, die Unterschiede zu seiner Zeit beim HSV und seine noch ungeklärte Zukunft über die Saison hinaus bei den "Wölfen".

Herr Labbadia, nur acht Monate nach dem Fast-Abstieg startet der VfL Wolfsburg am Sonntag von einem Europa-League-Platz aus in die Bundesliga-Rückrunde. Hätten Sie im Sommer damit gerechnet?

Bruno Labbadia: Ich habe mir im Sommer mehr Gedanken darüber gemacht, wo wir hin wollen und was wir dafür tun müssen. Es war mir damals klar: Wir müssen einiges verändern. Und nach den ersten Wochen der Vorbereitung habe ich auch schon gemerkt: Da kann was gehen. Überraschend ist sicherlich, dass wir uns so schnell in allen Bereichen statistisch extrem verbessert haben. Bei intensiven Läufen sind wir die Nummer eins der Bundesliga. Beim Umschaltspiel schießt nur Leipzig innerhalb von zehn Sekunden nach einer Balleroberung mehr Tore als wir. Wir haben die meisten Kontertore gemacht und haben den drittmeisten Ballbesitz. Dass wir insgesamt so gut Fußball spielen - das ist die größte Leistung.

Korrigieren Sie jetzt das Saisonziel und wollen einen Europapokal-Platz?

Labbadia: Nein, denn mein persönliches Ziel ist es ohnehin, so weit wie möglich nach oben zu kommen. Ich habe keine Lust darauf, eine Saison einfach herzugeben. Es kommt aber immer darauf an, welche Möglichkeiten einem eine Mannschaft gibt. Wir sehen jetzt auch bei der Verletzung von Daniel Ginczek, was alles passieren kann. Wir müssen einfach weiter arbeiten und die Mannschaft darin bestärken, dass das jetzt nicht das Ende der Fahnenstange sein muss. Aber der Grat zwischen Platz 5 und Platz 13 ist schmal. Das sind Nuancen. An unserem nächsten Gegner FC Schalke 04 sieht man doch, wie schnell es gehen kann, wenn ein paar Dinge nicht funktionieren. Aber klar ist auch: Wir gehen mit sehr viel Freude in die Rückrunde.

Sie und Sportchef Jörg Schmadtke sind zwei völlig unterschiedliche Charaktere. Wie klappt da die Zusammenarbeit?

Labbadia: Wir arbeiten relativ autark. Das Trainerteam kümmert sich um die Mannschaft. Und Jörg kümmert sich um die Struktur im gesamten Verein. Jeder in seinem Bereich. Es ist wichtig, dass er mir bei vielen Dingen, die die Mannschaft betreffen, einfach auch vertraut. Das war für mich eine Grundvoraussetzung für die Zusammenarbeit.

Gehen Sie denn bei der Beurteilung der Mannschaft und der künftigen Ausrichtung des Vereins in dieselbe Richtung?

Labbadia: Im sportlichen Bereich ja. Aber Jörg muss natürlich auch immer das Wirtschaftliche im Auge behalten. Für mich war im Sommer wichtig, dass wir etwas verändern. Wäre der Verein dazu nicht bereit gewesen, hätten sie sich besser einen anderen Trainer gesucht. Momentan mache ich mir relativ wenig Gedanken über das, was im Sommer kommt. Mich interessiert nur, wie wir in die Rückrunde starten. Ich möchte da nicht zu weit in die Zukunft schauen.

Weitere Informationen

Trotz Höhenflugs: VfL bewahrt Bodenhaftung

Vor ein paar Monaten noch mit einem Bein in Liga zwei, darf der VfL Wolfsburg nun von Europa träumen. Doch trotz Rang fünf nach 17 Spielen bleiben die Verantwortlichen bescheiden. mehr

Das heißt, sie haben tatsächlich noch gar nicht über einen neuen Vertrag gesprochen? Ihr jetziger läuft nach dieser Saison aus.

Labbadia: Nein, das haben wir noch nicht. Das ist von meiner Seite her auch gar kein Thema. Ich will erst einmal sehen, wohin der Weg geht. Passt das so, wie wir uns das vorstellen?

Wovon machen Sie das denn abhängig?

Labbadia: Auch damit beschäftige ich mich jetzt noch nicht. Ich bin momentan relativ frei und das gibt mir ein gutes Gefühl.

Wollen Sie nicht irgendwann Klarheit in dieser auch für den Verein so wichtigen Frage?

Labbadia: Ich habe schon vor Monaten gesagt, dass mir der April in dieser Frage reicht. Ich fühle mich einfach wohl zur Zeit. Das Trainerteam hat dem Verein auch vorgelegt, wie wir die nächsten Transferperioden angehen sollten. Ich will schon so nachhaltig arbeiten, dass diese Arbeit auf die nächsten Jahre angelegt ist. Auch wenn ich weiß, dass man in diesem Geschäft nur schwer planen kann.

Das hört sich so an, als würden Sie erst abwarten wollen, ob ihre Vorstellungen von der Kaderplanung auch so umgesetzt werden.

Labbadia: Nein, darum geht es nicht. Dass ich einen Plan vorlege, hat einfach mit der Art zu tun, wie ich arbeite. Ich tausche mich natürlich mit Jörg Schmadtke und Marcel Schäfer aus, wie sie den Kader sehen. Da sind wir komplett d’accord. Die andere Frage ist, was wir umsetzen können. Ich bin mittlerweile in einem Alter, in dem ich nur das machen will, worauf ich Lust habe. Und nach den ersten vier Monaten hier war für mich klar, dass ich auf Abstiegskampf keinen Bock mehr habe. Das habe ich jetzt dreimal gemacht. Ich will nach Möglichkeit wieder dahin zurück, wo ich am Anfang meiner Karriere weitestgehend war: nach oben. Verein und Mannschaft wollen das auch.

Sie haben vor Ihrer Zeit in Wolfsburg bereits den HSV und den VfB Stuttgart vor dem Abstieg gerettet und den VfB sogar zweimal in den Europapokal geführt. Sehen Sie Ihre Arbeit eigentlich ausreichend gewertschätzt? Beim VfL mussten Sie sich zu Beginn sogar im Stadion von den eigenen Fans verhöhnen lassen.

Labbadia: Das hatte nichts mit meiner Person zu, sondern war der Frustration nach zwei erfolglosen Jahren geschuldet. Das habe ich relativ schnell gemerkt und das ist mir auch so erklärt worden. Was die anderen Vereine angeht: Nachdem ich Stuttgart verlassen musste, hat der VfB nur noch gegen den Abstieg gespielt und ist letztlich sogar abgestiegen. Auch der HSV ist nach meiner Zeit abgestiegen. So gesehen war dieser Empfang hier schon sehr eigenartig. Aber: Vor Jahren habe ich mir darüber mehr den Kopf zerbrochen. Heute habe ich meine eigene Wertung. Ich weiß, was dazu gehörte, diesen Verein in der Liga zu halten und ich weiß, was dazu gehört, den Verein dahin zu führen, wo wir jetzt stehen.

Bruno Labbadia: Torjäger, Pistolero, Sofort-Helfer

Trotzdem scheint Ihnen die Öffentlichkeit als Trainer zumeist weniger zuzutrauen, als Sie am Ende überall erreichen.

Labbadia: Sowas tangiert mich nicht mehr. Ich habe einfach Lust, mit meiner Mannschaft zu arbeiten, und den Rest der Zeit möchte ich mit meiner Familie verbringen. Natürlich wäre es schöner, wenn unsere Arbeit hier mehr gewürdigt würde. Ich habe mich in der Winterpause manchmal gefragt, wie wohl über andere Clubs berichtet worden wäre, wenn sie auf Platz fünf stünden. Über Wolfsburg wird relativ wenig geredet.

Kann das nicht auch ein Vorteil sein? Hier deutlich ruhiger arbeiten zu können als in Hamburg oder auch Stuttgart?

Labbadia: Es ist anders. Und das hat immer zwei Seiten. Natürlich ist Hamburg im Vergleich eine mondäne Stadt, aber es gibt dort eben auch jede Menge Ablenkungen. Man hat viele Leute im Umfeld des Vereins, jeder quatscht mit, es gibt weniger Ruhe beim Training. Aber kann es dort auch eine Riesen-Euphorie geben. Hier dagegen gibt es ein sehr, sehr gutes Pflaster, um sich nur auf Fußball zu konzentrieren und Karriereschritte zu machen. Ich finde das gar nicht schlimm, wenn Spieler sagen, dass sie über Wolfsburg den Schritt zu einem größeren Verein machen wollen. Wichtig ist mir nur, dass die Spieler in der Zeit, in der sie hier sind, alles geben.

Sie gehören schon seit Jahrzehnten erst als Spieler und jetzt als Trainer zur Bundesliga. Inwiefern hat sich die Arbeit und auch die Wahrnehmung der Trainer in dieser Zeit geändert?

Labbadia: Als Spieler habe ich jedem Trainer Unrecht getan, denn ich hatte überhaupt keine Ahnung davon, was alles zum Trainerjob dazu gehört. Das Aufgabengebiet ist schon extrem umfangreich geworden. Heute wird man für so gut wie alles verantwortlich gemacht. Damit habe ich auch überhaupt kein Problem, denn wenn man eine Führungsposition hat, steht man auch in der Verantwortung. Aber wenn das so ist, erwarte ich auch, dass unsere Arbeit nicht ständig hinterfragt wird. Das stört mich. Da stimmt die Relation nicht mehr.

dpa

Weitere Informationen

VfL Wolfsburg: Sogar die Königsklasse ist möglich

Der VfL Wolfsburg ist das Überraschungsteam der Hinrunde. Die "Wölfe" haben sich vom Relegationsteilnehmer zum Europapokal-Aspiranten gemausert. Der Rückrunden-Check. mehr

Ergebnisse und Tabelle Fußball-Bundesliga

Ergebnisse, Tabellenstände und die Spieltage im Überblick. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 20.01.2019 | 22:50 Uhr