Stand: 10.01.2020 17:05 Uhr

Werder Bremen: Viele Sorgen, wenige Hoffnungsträger

von Moritz Cassalette, NDR Hörfunk

Wieder viele Ausfälle, wenig Training, keine neuen Spieler: Eine Woche vor dem Bundesliga-Rückrundenstart ist Werder Bremens Zustand besorgniserregend. Das Trainingslager auf Mallorca verlief für Werder so, wie manche Spiele der Hinrunde: eigentlich vieles richtig gemacht, aber trotzdem verloren. NDR Reporter Moritz Cassalette war dabei und zieht eine Bilanz.

Die Bremer hatten ihre Lehren aus der bemerkenswerten Verletztenmisere der vergangenen Monate gezogen und das Thema Regeneration von sich aus in den Vordergrund gestellt. In einer zu starken Belastung sehen die Verantwortlichen einen triftigen Grund für die vielen muskulären Probleme und Verletzungen der Spieler in der Hinrunde. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass das Pensum auf Mallorca so gering war. Wenn man bedenkt, dass die Mannschaft nach der historisch schlechten Hinrunde mit Tabellenplatz 17 eigentlich jede Trainingseinheit gut gebrauchen könnte.

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Auffallend viele Pausen auf Mallorca

Doch Trainer Florian Kohfeldt baute auf der Baleareninsel auffallend viele Pausen in sein Programm ein. Nach einem trainingsintensiven Auftaktwochenende spielte Werder am Montag gegen den italienischen Drittligisten AC Monza (2:2), mit maximal 50 Einsatzminuten für die meisten Spieler. Am Dienstag traf sich die Mannschaft nur zu einer Pflegeeinheit, am Mittwoch hatte sie sogar ganz frei. Manch ein Beobachter sah darin ein schlechtes Signal im Abstiegskampf.

Neun Spieler verpassen das Mannschaftstraining

Obwohl die Belastung wirklich überschaubar war, kam am Donnerstag - dem vorletzten Tag auf Mallorca - der Rückschlag: Neun Spieler verpassten das Mannschaftstraining. Die Gründe waren Unwohlsein, kleine Verletzungen und muskuläre Beschwerden. Kohfeldt sprach am Freitag vor dem Rückflug von einer großen Frustrationstoleranz, die er und alle anderen im Umfeld bräuchten: "Wir müssen in dem Moment akzeptieren, dass es nicht geht. Es ist ja nicht so, dass keiner will, es geht einfach nicht." Dafür hätten es aber alle gut hinbekommen.

Es stimmt hinten und vorne noch nicht

Im letzten Training fehlten "nur" noch sechs (Ludwig Augustinsson, Philipp Bargfrede, Fin Bartels, Leonardo Bittencourt, Michael Lang und Milos Veljkovic). Die wiederum könnten teilweise aber auch im ersten Rückrundenspiel am 18. Januar bei Fortuna Düsseldorf nicht zur Verfügung stehen. Dabei braucht Werder so viele Gelegenheiten wie möglich, um sich einzuspielen. Gefühlt kommt das erste Pflichtspiel drei Wochen zu früh. Denn es stimmt hinten und vorne noch nicht.

Beim Test gegen Monza hatte die Mannschaft sofort Schwierigkeiten, wenn der Gegner hoch angelaufen ist und so Druck ausgeübt hat. Das Kombinationsspiel aus der Abwehr heraus hat noch nicht gut funktioniert. Viele Torchancen erspielte sich Werder auch nicht. Die Treffer von Marco Friedl und Maximilian Eggestein fielen durch Distanzschüsse, einer davon war sogar abgefälscht.

"Werden nicht den besten Werder-Fußball sehen"

Als "okay" bezeichnete Kohfeldt das Spiel seiner Stammelf und fügte treffend hinzu, dass noch Luft nach oben sei. "Wir werden in Düsseldorf nicht den besten Werder-Fußball aller Zeiten sehen", sagte er. Die Mannschaft müsse kleine Schritte machen. Davy Klaassen erwartet auch keine Gala beim Tabellennachbarn, verweist aber auf den Rückrundenstart vor einem Jahr in Hannover. "Da haben wir auch nicht gut gespielt, aber trotzdem 1:0 gewonnen. Und danach lief es besser bei uns", sagte der Niederländer, der wie viele seiner Kollegen in der Hinrunde nicht in Form war.

Ich bin mir unsicher, ob die erwähnten kleinen Schritte reichen, um da unten rauszukommen. Das Trainingslager auf Mallorca gibt jedenfalls wenig Hoffnung. "Ich verstehe die kritischen Fragen total, ich verstehe, dass sich die Leute Sorgen machen, ich mache mir auch Sorgen. Aber ich bin komplett fokussiert darauf, die Situation zu lösen. Und das haben wir auch in die Köpfe der Jungs gebracht", sagte Kohfeldt.

Hoffnungsträger Toprak und Moisander

Es gibt aber auch Hoffnungsträger: Ömer Toprak und Niklas Moisander können als Abwehrchefs gemeinsam spielen - beide waren in der Hinrunde lange verletzt. Aber auch sie müssen sich noch finden, womit wir wieder beim Einspielen wären. Beide haben auf Mallorca betont, dass sie vor allem gesund bleiben wollen. Ich deute es so: aus Angst vor Verletzungen will Kohfeldt jedes Risiko vermeiden, die Spieler zu stark zu belasten. Die Folge sind weniger Trainingseinheiten und weniger Gelegenheiten, die Basics mit der Mannschaft zu üben.

Trainer Kohfeldt wird laut

Im Training war Kohfeldt engagiert und laut, schrie seine Spieler häufiger an, machte Marco Friedl rund, als der nach einem vermeintlichen Foulspiel nicht nachsetzte: "Das ist genau das, was ich nicht mehr sehen will: vier Gegentore in der Hinrunde, weil wir liegen bleiben." Ein anderes Mal unterbrach er ein Trainingsspiel lautstark, weil seine Spieler sich hängen ließen: "Es wird Rückschläge geben, es wird scheiße laufen. Aber wir müssen uns frei machen."

Seinen Spielern das zu verdeutlichen, war für Kohfeldt eine wichtige Aufgabe auf Mallorca. Auch im normalen Trainingsalltag ist Kohfeldt mit Leidenschaft auf dem Platz, aber seine lautstarken Ansagen auf der Insel waren auffällig. Mein Eindruck ist aber, dass er sich im normalen Umgang mit seinen Spielern und anderen Mitmenschen in der Krise nicht verändert hat.

Geduld ist gefragt - auch bei Neuzugängen

Neue Spieler hat der Trainer auf Mallorca nicht begrüßen dürfen. Auch das ist nicht optimal, aber auch nicht überraschend. Es ist im Winter besonders schwierig, die Mannschaft kurzfristig zu verstärken. Zudem sind Werders finanzielle Möglichkeiten begrenzt. Auch wenn Aufsichtsratschef Marco Bode angekündigt hat, noch mehr ins Risiko gehen zu wollen. Umso mehr Geduld ist gefragt, und die sollten die Fans auch haben. Ein neuer Spieler bringt ohnehin keine Garantie mit, eine Sofortverstärkung zu sein. Da muss schon alles passen. Andersherum passt es irgendwie zum Gesamtbild der bisherigen Vorbereitung, dass bis jetzt noch kein neuer Spieler da ist.

Kohfeldt: "Am Ende geht es nur um die Ergebnisse"

"Wir und die Mannschaft haben hier an jedem Tag alles probiert, um besser zu werden. Wir sind hier nicht hergefahren, um Urlaub zu machen. Und am Ende - sind wir mal ehrlich - geht es eh' nur um die Ergebnisse", sagte Kohfeldt. Wenn die nicht stimmen, wird es auch für den in Bremen sehr geschätzten Trainer irgendwann eng. Eine Woche hat Werder noch, um bereit zu sein für Düsseldorf. In dieser Woche müssen die Bremer vieles richtig machen.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 11.01.2020 | 10:25 Uhr

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