Stand: 21.10.2019 10:24 Uhr

Werders Groß: "Einfach nur genießen"

von Andreas Bellinger, NDR.de

Er kam als Aushilfe - und war am Wochenende beim Unentschieden gegen Hertha BSC (1:1) wieder einer von Werders Besten. Christian Groß, der eigentlich als Kapitän für das Nachwuchsteam der Bremer gebucht war, hat sich abgeklärt und beachtlich souverän beim Fußball-Bundesligisten eingefügt und der von Verletzungen gebeutelten Abwehr des Tabellenzwölften Stabilität verliehen. "So tief kann man sich gar nicht verneigen, wenn man sieht, wie 'Grosso' Bundesliga spielt", sagt Werder-Trainer Florian Kohfeldt, der den 30-Jährigen in weiser Voraussicht im Sommer schon mit ins Trainingslager genommen hatte.

Christian Groß im Sportclub

Christian Groß: Bundesliga ein Privileg

Sportclub -

Christian Groß lebt seinen unverhofften Traum von der Fußball-Bundesliga. Der 30-Jährige über die plötzliche Höhenluft, Glücksgefühle und seine Zukunft bei Werder Bremen.

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Premiere mit einer Minute Erfahrung

Der "geile Typ ist so entspannt", sagt Theodor Gebre Selassie über seinen Abwehr-Kollegen, der von Beginn an eine gute Figur machte und nicht den Hauch von Selbstzweifeln zeigte - oder gar Nervosität. Das war schon bei seiner Startelf-Premiere am vierten Spieltag bei Union Berlin (2:1) so, obwohl er zuvor nur eine Bundesliga-Minute beim 3:2 in Augsburg absolviert hatte. "Ich habe einfach nur versucht, es zu genießen", sagt Groß im Sportclub des NDR. Die Erfahrung aus zehn Jahren Profifußball habe ihm sicherlich dabei geholfen, die Anspannung nicht zur ungezähmten Aufregung werden zu lassen.

Groß: "Ein Privileg"

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Bundesliga-Premiere mit 30 Jahren: Werder Bremens Christian Groß.

"Wenn wir den Osterdeich runterfahren, bin ich nicht nervös", sagt Groß. "Dann freue ich mich, im Weserstadion spielen zu dürfen. Das ist ein Privileg." Gegen Hertha war es nach der glatten Niederlage gegen Leipzig erst das zweite Mal für den gebürtigen Bremer. "Krass, wie sich alles entwickelt hat", sagt Groß, der gegen die Berliner auch mit gebrochenem linken Ringfinger groß aufspielte. "Ich lebe gerade meinen Traum. Eine unglaubliche Geschichte." Wie viele Kapitel aus dem Fußball-Märchenbuch noch geschrieben werden? Bei aller Wertschätzung des Cheftrainers dürfte Groß' Zeit als Stammspieler wie geplant vorüber sein, wenn sich das Lazarett der Hanseaten lichtet und sich insbesondere Abwehrchef Niklas Moisander gesund zurückmeldet.

Scouting als zweite Karriere?  

"Ich freue mich einfach über den Moment. Mal sehen, wohin die Reise geht", sagt der "Notnagel", dessen am Ende der Saison auslaufender Vertrag bis 2021 verlängert wurde. Noch wichtiger dürfte dem selbstbewusst und zugleich bescheiden auftretenden Groß das von Werder vorgelegt Angebot für eine Karriere nach der Karriere sein. "Der Verein bietet so viele Möglichkeiten", sagt der Teilzeitstudent, dem zum BWL-Abschluss vier Prüfungen fehlen. Ein Praktikum im Scouting hat er nach dem Wechsel von Osnabrück an die Weser schon gemacht. "Ich könnte mir vorstellen, dass es in diese Richtung geht", sagt der schon als Aufsteiger der Saison gehandelte Groß, der auch ein Management-Studium vorweisen kann.

Bremen statt Bremer Brücke

Wann die zweite Laufbahn starten soll, steht nach dem Höhenflug in der Belétage aber noch in den Sternen. Groß hat Blut geleckt, will sich mit dem Abschied als Kicker noch nicht festlegen, obwohl er die Bremer Brücke vor gut einem Jahr mit dem Ziel eines Anschluss-Jobs bei Werder verlassen hatte.

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"Ich wollte auch für die Zeit nach dem Fußball gut aufgestellt sein." Nicht im Traum hätte er damals daran gedacht, in der Bundesliga zu reüssieren - vor den Fans im Weserstadion, wo er als Kind seine Idole angefeuert hat und am "Tag der Fans" Keeper Frank Rost prüfen wollte. Hat aber nicht geklappt, wie er im Sportclub grinsend verrät: "Da hat Werder wohl gedacht, den Jungen schicken wir mal lieber vom Hof."

So führte ihn seine Laufbahn über Cloppenburg und Osnabrück zum Hamburger SV, wo er in der U19 sowie der zweiten Mannschaft zum Einsatz kam. 2009 folgte der Aufstieg in den Bundesliga-Kader - spielen durfte er aber nicht und kehrte den "Rothosen" den Rücken. Für die Sportfreunde Lotte, Babelsberg 03 und den VfL Osnabrück absolvierte er 182 Drittliga-Einsätze. Als Stabilisator für Werders Zweite nahm er 2018 sogar einen persönlichen Abstieg in die Regionalliga in Kauf. Bundesliga adé, nicht im Traum dachte Groß mehr an die große Fußball-Bühne oder sogar an Auftritte vor 80.000 Zuschauern wie bei Werders 2:2 in Dortmund.

Schnell, zweikampfstark - und penibel

"Er ist mutig im Aufbau, schnell, zweikampf- und kopfballstark", lobt Kohfeldt. Aber der Kabinen-Nachbar von Claudio Pizarro kann auch penibel sein. Zum Beispiel, wenn er seine sieben Sachen faltet und akribisch auf Kante legt, wie sein guter Freund aus Osnabrücker Tagen, Halil Savran, im Sportclub verrät. "Das mache ich doch nur noch mit meinem Handtuch", wiegelt Groß ab. Und auch Flugangst sei inzwischen kein Thema mehr. Daran wird die Geschichte vom wundersamen Aufstieg des Aushilfsverteidigers also nicht scheitern. Zumal es zum Auswärtsspiel nach Leverkusen am Sonnabend (18.30 Uhr/im Livecenter bei NDR.de) mit dem Bus geht.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 21.10.2019 | 22:50 Uhr