Stand: 15.08.2019 14:08 Uhr

Werder Bremen: Geht der Weg nach Europa?

von Andreas Bellinger, NDR.de

Auf den ersten Blick hat sich bei Werder Bremen nicht viel verändert. Das Weserstadion trägt neuerdings zwar einen mit insgesamt 30 Millionen Euro dotierten Beinamen - und Max Kruse spielt nicht mehr am Osterdeich. Das übrige Stammpersonal der Grün-Weißen ist aber geblieben. Trainer Florian Kohfeldt kann auf ein eingespieltes Team setzen, das sich in der am Sonnabend (15.30 Uhr, im NDR Livecenter) gegen Fortuna Düsseldorf startenden Bundesliga-Saison reifer und variabler präsentieren soll. Damit es diesmal mit einem Platz unter den Top Sechs und dem Ziel Europa auch klappt. "Es wäre unlogisch gewesen, wenn wir das Ziel geändert hätten", erklärte Kohfeldt.

So lief die vergangene Saison

Nach Jahren des Abstiegskampfes und der sportlichen Tristesse setzten sich die Bremer fast über die gesamte Saison 2018/2019 in der oberen Tabellenhälfte fest. Bis zuletzt blieb das ambitionierte und vielerorts belächelte Ziel von der Europa League in Sichtweite. Am Ende fehlten ein Punkt und drei Tore. Mutig und offensiv boten die Hanseaten auch den Großen der Branche Paroli. Dabei überzeugte die einstige Schießbude der Liga vor allem dank Keeper Jiri Pavlenka und Abwehrchef Niklas Moisander. Nur 49 Gegentore - so wenige standen bei Werder nach 34 Spielen lange nicht zu Buche.

Im Angriff fokussierte sich fast alles auf "Freigeist" Kruse, der nach Belieben schalten und walten durfte. Der 31-Jährige zahlte es mit elf Toren und zehn Assists zurück. Ohne echten Vollstrecker im Strafraum blieb die Durchschlagskraft allerdings zuweilen auf der Strecke - der 40 Jahre alte Publikumsliebling Claudio Pizarro konnte es als inzwischen ältester Torschütze der Bundesliga in 26 Einsätzen fünfmal ändern. Als Prunkstück erwies sich das Mittelfeld mit Maximilian Eggestein und Davy Klaassen, der sich wie Nuri Sahin problemlos in der neuen Umgebung einfügte.

Wer kommt, wer geht?

Kruse wechselte ablösefrei nach Istanbul, Werder fehlt deshalb das Geld für große Einkäufe. Zumal der Transfer-Etat durch Rückkehrer Niklas Füllkrug (6,5 Millionen Euro Ablöse) und den bis dato von Bayern München ausgeliehenen Marco Friedl (3,5 Millionen Euro) ausgeschöpft scheint - und ertragreiche Verkäufe ausgeblieben sind.

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Die Verpflichtung des Augsburgers Michael Gregoritsch, den Kohfeldt als Ersatz für Kruse vorgesehen hatte, war vor diesem Hintergrund offenbar ebenso unerschwinglich wie die von Außenverteidiger und U21-Vizeeuropameister Benjamin Henrichs, für den die AS Monaco angeblich 35 Millionen Euro haben will.

Was "Maxi" Eggestein bei seinem Nationalmannschafts-Kollegen Henrichs offenbar nicht gelungen ist, hat Sahin bei seinem Freund Ömer Toprak geschafft. Der türkische Nationalspieler wechselte zunächst für ein Jahr auf Leihbasis an die Weser. Er soll neben dem neuen Kapitän Moisander die Innenverteidigung verstärken, in der die verletzten Milos Veljkovic und Sebastian Langkamp womöglich länger fehlen werden. Weiterhin gesucht werden ein Verteidiger für die rechte Seite, der idealerweise auch links spielen kann, sowie möglicherweise ein Kruse-Ersatz, obwohl sich Yuya Osako bisher in dieser Rolle ordentlich geschlagen hat.

Der Trainer: Kohfeldt flexibel und offensiv

Florian Kohfeldt hat sich in knapp zwei Jahren zum Gesicht von Werder Bremen gemausert. Anfangs kritisch beäugt, hat der 36-Jährige Werder auf links gedreht und alte Tugenden wieder geweckt. Obwohl allerhand in- und ausländische Angebote auf dem Tisch gelegen haben sollen, hat der aufstrebende Fußballlehrer seinen Vertrag vorzeitig bis 2023 verlängert.

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"Seit er das Amt des Cheftrainers im Oktober 2017 übernommen hat, ist eine deutliche Entwicklung in der Mannschaft zu erkennen", sagt Geschäftsführer Frank Baumann. "Florian hat eine klare Vorstellung von dem, wie jeder einzelne und die gesamte Mannschaft agieren sollen und somit einen Spielstil geprägt, der für attraktiven und offensiven Fußball steht."

Dabei passt Kohfeldt die taktische Ausrichtung seines Teams flexibel vom Spielfeldrand aus an - mitunter mehrfach während einer Partie. Einige Spieler kennen das noch aus den Zeiten, als Kohfeldt Jugendtrainer bei den Grün-Weißen war. Füllkrug zum Beispiel und die Eggestein-Brüder Johannes und Maximilian, der längst zu einer festen Größe in Kohfeldts System geworden ist. "Es gibt wohl keinen Spieler hier, der besser weiß, wie ich Fußball sehe und was ich sehen möchte", so der Werder-Trainer, der nach Platz acht in der vorigen Saison mutig prophezeit: "Ich bin überzeugt, dass das für uns erst der Anfang war."

Ausblick auf die Saison

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Werder muss die überzeugende Leistung der vorigen Saison bestätigen. Das sollte gelingen, wenn die Schwächen ausgemerzt und auch die Spiele gegen die vermeintlich Kleinen souverän zu Ende gespielt werden. Trainer Kohfeldt wird an seiner offensiven Einstellung festhalten, auch wenn der Wind mal von vorne kommt. Ein Plus sollte die Rückendeckung der vielzitierten Werder-Familie sein.

Entscheidender dürfte jedoch sein, ob es Werder in der Nach-Kruse-Ära gelingt, variabler im Angriff zu werden. In Osako und "Stoßstürmer" Füllkrug sowie US-Nationalspieler Josh Sargent stehen Alternativen bereit. Sollten trotzdem alle Stricke reißen, ist da noch immer ein Peruaner, der im Oktober seinen 41. Geburtstag feiert. Und der mit dem Erreichen der Europa League seine glanzvolle Karriere beenden will. Denn nach der Saison ist Schluss für Pizarro: "Ganz sicher; es ist genug jetzt."

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Bundesligashow | 17.08.2019 | 15:00 Uhr