Stand: 20.05.2019 10:36 Uhr

Europa verpasst - Aber Werder ist wieder wer

von Andreas Bellinger, NDR.de

Mit der Europa League ist es für Werder Bremen nichts geworden. Platz acht in der Abschlusstabelle darf trotzdem als Indiz einer Werder-Renaissance gewertet werden - vor allem aber die Art und Weise, wie sich die Grün-Weißen unter Trainer Florian Kohfeldt entwickelt haben. Auch der Abgang von Kapitän Max Kruse wird sie nicht aus der Bahn werfen. Voller Selbstvertrauen blicken die Bremer bereits auf die neue Spielzeit: "Ich kann schon jetzt unser Saisonziel verraten", sagt Abwehrchef Niklas Moisander: "Wir wollen nach Europa."

Am Ende fehlten ein Punkt und drei Tore. Im Bremer Weser-Stadion herrschte nach Werders 2:1-Erfolg im Saisonfinale gegen RB Leipzig trotzdem Partystimmung. Die 42.100 Zuschauer feierten die beste Bundesliga-Bilanz ihrer Mannschaft seit acht Jahren, in denen es meist gegen den Abstieg ging. Zwar wurde das ambitionierte und mancherorts belächelte Ziel vom Europapokal nicht erreicht. Sehr wohl gelang aber die Rückkehr in den erlauchten Kreis der Top-Teams der Fußball-Bundesliga. Werder ist wieder wer. Dabei sehen die Macher von der Weser ihre "Jungs" erst am Beginn eines Prozesses, in dessen Zentrum unverrückbar die Idee vom Offensivfußball steht.

Durch ihren mutigen, technisch wie taktisch enorm verbesserten und nie verzagenden Spielstil haben die Grün-Weißen Erinnerungen an erfolgreiche Zeiten geweckt und mit 53 Zählern als bester Tabellenachter seit Einführung der Drei-Punkte-Regel in der Saison 1995/1996 einen Rekord aufgestellt. "Wir haben uns auf jeden Fall entwickelt", sagt Trainer Kohfeldt. "Und wir spielen sehr viel besseren Fußball."

Riesige Fortschritte - fehlende Konstanz

Auch wenn es mit einem neuerlichen Wunder von der Weser nichts wurde, der Respekt der Konkurrenz ist wieder da. Insgesamt 14 Siege, darunter so unerwartete wie in Leverkusen (3:1) oder Hoffenheim (1:0), waren allerdings nur die eine Seite der Medaille. Wären die teils törichten Auftritte in Nürnberg (1:1), Stuttgart (1:2) oder Düsseldorf (1:4) nicht gewesen, hätten sich die Bremer das Zitterfinale am 34. Spieltag, das der VfL Wolfsburg (8:1 gegen Augsburg) für sich entschied, ersparen und frühzeitig den ersten Einzug in einen europäischen Wettbewerb seit der Saison 2010/2011 feiern können.

Auf Augenhöhe mit den Besten

Trotz fehlender Konstanz sind in der Rückschau riesige Fortschritte zu erkennen, was allein die Spiele gegen Rekordmeister FC Bayern verdeutlichten. Nachdem die Bremer zuletzt Jahr für Jahr fast nur an die Isar gereist waren, um sich eine Packung abzuholen, schlugen sie sich in München diesmal beim 0:1 quasi selbst, weil Innenverteidiger Milos Veljkovic schon zu Beginn der zweiten Hälfte einen dummen Platzverweis kassiert hatte. Dass im Pokal ein ungerechtfertigter Elfmeter den Sieg für die Bayern brachte, ist hinlänglich bekannt. Die wichtigste Erkenntnis gerade dieser Partien war, dass Werder den Besten wieder auf Augenhöhe begegnet. Mutig, selbstbewusst und bisweilen raffiniert; mehrfache taktische Umstellungen während des Spiels sind üblicherweise kein Problem mehr für das Mannschaftsgefüge.

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"Diese Saison soll keine Eintagsfliege sein, sondern der Normalfall", sagt Kohfeldt. Das Gesicht für das, was werden soll, wie er es nennt, ist dem 36-Jährigen aber abhanden gekommen. Mit Kruse hat vor dem letzten Saisonspiel der Dreh- und Angelpunkt im Werder-Spiel die Segel gestrichen. Wie es heißt, weil ihm sein Salär (geschätzt 3,4 Millionen Euro pro Saison) nicht genug war. Nach Informationen der für gewöhnlich gut unterrichteten "Deichstube" soll ein Wechsel zu Eintracht Frankfurt bevorstehen, das sich mit 54 Punkten knapp vor den Bremern auf Platz sieben behauptet hat, der zur Qualifikation zur Europa League berechtigt. Dass der 31-Jährige nach drei Jahren und 32 Toren in 84 Spielen ablösefrei von Bord geht, sei menschlich und sportlich ein großer Verlust, erklärt der Coach, aber kein Weltuntergang: "Wir sind nicht abhängig von Max“, sagt er. "Es wird auch ohne ihn weitergehen, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen."

Kohfeldt: "Sind gut vorbereitet"

Das beharrliche Zögern des Kapitäns, den von Manager Frank Baumann vorgelegten Vertrag zu unterschreiben, hat Kruse am Ende noch viele Sympathien gekostet. Wohl auch beim Trainer, der immer ein besonderes Vertrauensverhältnis betont und Kruse allerlei Freiheiten gelassen hat. Genau das könnte bei taktischen Überlegungen nun aber sogar zum Vorteil werden, wie Kohfeldt glaubt: "Jeder kann sich sicher sein, dass wir gut vorbereitet sind." So wie vor Jahresfrist beim Abgang von Thomas Delaney (Dortmund), der durch Davy Klaassen mehr als adäquat ersetzt wurde.

Leitwolf: "Maxi" statt Max

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Maximilian Eggestein gibt künftig die Bremer Richtung vor.

"Es gibt verschiedene Varianten", sagt Kohfeldt, der seine Spieler bis zum 2. Juli in den Urlaub geschickt hat. Details zu Planungen und möglichen Transfers behält er vorerst für sich, deutet lediglich an: "Wir können die Lücke auch mit Bordmitteln füllen." Yuya Osako und die "jungen Wilden" Johannes Eggestein, Josh Sargent und Milot Rashica sind gemeint, aber auch Rückkehrer Niklas Füllkrug, "der", so Kohfeldt, "für einige Tore steht und auch schon ans Tor der Nationalmannschaft geklopft hat". So wie jüngst Maximilian "Maxi" Eggestein, der wie Bruder Johannes seinen Vertrag langfristig verlängert hat, und mit erst 22 Jahren als Leitwolf das neue Gesicht des Bremer Aufschwungs werden könnte. Kruses Abgang bietet jedenfalls die Möglichkeit, weniger berechenbar zu werden und endlich einen oft vermissten (echten) Mittelstürmer aufbieten zu können.

Pizarro machte Werder weiter besser

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Claudio Pizarro (M.) bleibt Werder noch ein Jahr erhalten.

"Das war erst der Anfang", kündigt "JoJo" Eggestein an: "Wir müssen diese Saison aber auch bestätigen." An ihrer Seite werden die Werder-Talente dabei weiter Claudio Pizarro wissen. Per Videobotschaft verkündete der Peruaner vor dem Leipzig-Spiel just in dem Moment seine Vertragsverlängerung, als die verhalten-freundliche Kruse-Verabschiedung mit vereinzelten Pfiffen garniert wurde. Der Jubel für den mit knapp 41 Jahren ältesten Profi der Werder-Geschichte kannte keine Grenzen, als der Bremer Bundesliga-Rekordtorschütze kurz vor Schluss mit dem Siegtreffer zum 2:1 seine immer noch besondere Klasse unterstrich.

"Jedes Mal, wenn er reinkommt, macht er uns besser", sagt Moisander. Kohfeldt stellt im NDR Sportclub klar: "Er strahlt Erfolg aus." Und: "Es war eine rein rationale und sportliche Entscheidung. Für einen Spieler seines Alters ist das eines der größten Komplimente." Pizarro ("Wenn ich könnte, würde ich nie mit Fußball aufhören") wird es auf dem Platz zurückgeben. Und wenn dann noch eintritt, was Kohfeldt verspricht - dass nämlich außer Kruse alle Stammspieler nach ihrem Urlaub an die Weser zurückkehren und bleiben - dürften die Bremer Europacup-Ambitionen vor der kommenden Saison zumindest nicht mehr belächelt werden.

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Sportclub | 19.05.2019 | 22:30 Uhr