Stand: 07.07.2020 10:00 Uhr

Werder muss Werder bleiben - nur anders

von Andreas Bellinger, NDR.de
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Gerettet - aber wie geht es bei Werder weiter?

Werder Bremen hat das kleine Wunder geschafft und bleibt in der Fußball-Bundesliga. Das 2:2 im Relegations-Rückspiel beim 1. FC Heidenheim reichte, um die Klasse zu halten. Die schlechteste Saison der Vereins-Geschichte verlangt dennoch nach schonungsloser Aufarbeitung. "Ich werde mich nicht aus dem Staub machen", hatte der Aufsichtsratsvorsitzende Marco Bode bereits zuvor klargestellt - und die Richtung vorgegeben: "Werder muss Werder bleiben. Unsere Werte, unsere Philosophie darf man nicht leichtfertig aufgeben." Ungeachtet dessen müssten aber alle und alles auf den Prüfstand gestellt werden. "Ich erwarte heftige Diskussionen und eine schonungslose Analyse", hat Ex-Manager Willi Lemke unlängst im NDR Sportclub gesagt. Und dabei dürfte es vordringlich um diese Baustellen gehen:

Der Trainer: Bleibt er oder nicht?

Florian Kohfeldt hat bis zuletzt keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass er sich als Werder-Trainer für den am besten geeigneten Fußballlehrer hält.

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Kohfeldt: "Brutal, was wir hier geleistet haben"

Florian Kohfeldt hat Werder Bremen trotz vieler Widrigkeiten in dieser Saison und Kritik an seiner Person zum Klassenerhalt geführt. Der Coach war nach dem verhinderten Abstieg sichtlich mitgenommen. Video (01:05 min)

Auch der Club signalisierte nach dem dramatischen Saisonfinale seine Bereitschaft, mit dem Coach weiterzumachen. "Wir haben Florian immer das Vertrauen ausgesprochen, auch in schwierigen Phasen. Er hat in dieser Saison gezeigt, dass er auch schwierige Situationen meistern kann. Deshalb gibt es für mich da keine Frage. Ich bin weiter absolut von ihm überzeugt", sagte Sportchef Frank Baumann. Er gehe davon aus, dass der Trainer, dessen Vertrag bis 2023 läuft, "auch die Lust hat, den Weg weiterzugehen. Er hat definitiv genug Power."

Zaghafte Bestrebungen, in der Not einen gestandenen Trainer zu holen, soll Bode zwischenzeitlich abgewehrt haben. Wie es scheint, wird Kohfeldt auch in der nächsten Saison Cheftrainer bleiben. Ein Risiko, das nicht größer erscheint als eine Neubesetzung. Vorausgesetzt, der 37-Jährige zieht aus den Fehlern der Saison die richtigen Schlüsse und hat ein kritisches Auge auf sein Trainer-Team. "Er hat den Draht zur Mannschaft nie verloren", sagte Bremens Kaufmännischer Geschäftsführer Klaus Filbry im Sportclub.

Das Betreuer-Team: Schwachstellen ausmerzen

Zwei Dinge sind augenfällig: die Schwächen in der Abwehr und die - zumindest über viele Monate - in der medizinischen Abteilung. Dass sich Kohfeldt stets vor den speziell für die Standards engagierten Co-Trainer Ilia Gruev gestellt hat, änderte nichts an einer Flut an Gegentoren nach Ecken und Freistößen. Die groteske Verletzungsserie gibt ebenso Rätsel auf. "Wir mussten die ganze Saison basteln", so Kohfeldt. Zeitweise zwölf verletzte Stammkräfte und kolportierte acht Verletzungen in der Reha sind wohl kein Zufall.

Die Fehler seien teilweise schon aufgearbeitet, meinte Baumann. Teamarzt sowie die Chefs der Physio- und Athletikabteilungen wurden nicht weiter beschäftigt. Viel zu spät, wie Kritiker monieren. Dabei gilt eine über die Fachgebiete hinweg eingespielte medizinische Abteilung als genauso wichtig für den Erfolg wie Technik, Taktik und natürlich die sensible Psyche der Kicker.

Der Kader: Zu gut für Abstiegskampf?

Die Schwächen des Kaders sind angesichts der vielen Verletzten lange überdeckt und schöngeredet worden. Dass Yuya Osako den ablösefrei in die Türkei gewechselten Max Kruse ersetzen kann, war eine der nachhaltigsten Fehleinschätzungen. Der Ex-Kapitän fehlte insbesondere als kreativer Ballverteiler. Warum die Mannschaft lange im Glauben gelassen wurde, zu gut für den Abstiegskampf zu sein, ist so rätselhaft wie der Umstand, dass die Leistungsträger nie zur Form der Vorsaison gefunden haben. Leichter wird es in der kommenden Saison nicht, die Prognosen stehen erneut eher auf Abstiegskampf und Sparkurs - sportlich wie wirtschaftlich. Milot Rashica wird nicht der einzige Großverdiener sein, der Werder den Rücken kehrt.

Die Finanzen: Streitpunkt Investoren

Das Verhältnis zur Bremer Wirtschaft ist dem Vernehmen nach nicht störungsfrei. Immerhin werden die die Einschnitte bei Fernseh- und Sponsoreneinnahmen dank des Klassenverbleibs weniger dramatisch ausfallen. Die Diskussion um neue Investoren und der Zoff mit den Ultras, die schon gegen den Hauptsponsor (Wiesenhof) und Stadion-Namensgeber (Wohninvest) protestiert haben, werden trotzdem kommen. Zumal in der Corona-Krise erstmals Kredite beantragt werden mussten.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 05.07.2020 | 22:45 Uhr

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