Stand: 16.05.2020 10:33 Uhr

Bundesliga-Neustart: Eine Reise ins Ungewisse

von Sebastian Ragoß, NDR.de

An diesem Wochenende nehmen die Fußball-Bundesliga und die Zweite Liga ihren Spielbetrieb wieder auf. Es wird ein nie dagewesenes Experiment mit Geisterspielen und zahllosen offenen Fragen, vor allem denen nach Fairness und Chancengleichheit.

Selbst der Chef des Liga-Verbandes will nicht beschönigen, was die Zuschauer ab Sonnabend geboten bekommen: "Was Sie da sehen werden, ist ein absoluter Notbetrieb an Bundesliga", betonte Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), mit Blick auf den Wiederbeginn der ersten beiden Profiligen.

Der Fußball wird auf das Minimum reduziert

Eine Branche, die sich noch vor wenigen Wochen für beinahe unverwundbar hielt und ständiges Wachstum propagierte, reduziert sich in der Corona-Krise beim Kampf um ihr wirtschaftliches Überleben auf das Minimum: Geisterspiele ohne Publikum, die nach strengen Regeln ausgetragen werden. Den schönen Schein des Profi-Fußballs mit wirkstarken Bildern - ihn wird es nicht geben. Stattdessen: Trainer mit Gesichtsmasken, halbleere Auswechselbänke, komplett leere Tribünen - und Spieler, die Tore nicht gemeinsam bejubeln dürfen.   

Die meisten organisierten Fans haben sich mit der Ultima Ratio abgefunden, sehen es aber wie ProFans-Sprecher Sig Zelt: "Geisterspiele geben uns nichts."

Ist ein fairer Wettbewerb möglich?

Die sportliche Kernfrage lautet: Ist unter den derzeitigen Bedingungen überhaupt ein fairer Wettbewerb möglich? Die Teams starten fast ohne Vorbereitung quasi in eine neue Saison. Zudem sind sie unterschiedlich lange wieder im Mannschaftstraining. Wie hoch ist die Verletzungsgefahr? Welche Strategie sollen die Trainer für den Rest der Saison entwickeln? Schwer zu sagen.

Bobic: "Könnte auch mal ein 5:5 geben"

"Aus der Situation das Beste zu machen, ist der Weg, mit dem man nun Spiele gewinnt oder nicht. Es werden nicht alle Mannschaften so eingespielt und so taktisch geschult sein wie vor der Corona-Krise", ist sich Werder Bremens Trainer Florian Kohfeldt sicher.

"Es wird nicht darauf ankommen, wer die größere Qualität im Kader hat, sondern darauf, wem es am besten gelingt, sich auf das Spiel und die ungewohnte Situation einzulassen und die größte Teamdynamik zu entwickeln", glaubt Borussia Dortmunds Lizenzspielerchef Sebastian Kehl. Kollege Fredi Bobic von Eintracht Frankfurt blickt mit einer Prise Humor auf die Situation: "Zum Spaß haben wir gesagt, es könnte auch mal ein 5:5 geben."

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Dynamo Dresden 14 Tage in Quarantäne

Doch zum Spaßen ist den meisten derzeit nicht zumute. Die positiven Corona-Befunde bei Dynamo Dresden und die daraus folgende zweiwöchige Quarantäne für das gesamte Team haben gezeigt, dass der Plan, die Saison bis zum 30. Juni zu beenden, auf tönernen Füßen steht. "Wenn es so kommt, dass generell die ganze Mannschaft in Quarantäne geschickt wird, dann können wir diese Saison nicht fertig spielen. Mit Sicherheit nicht", sagte Hoffenheims Teamarzt Thomas Frölich der "Süddeutschen Zeitung".

Im Fußball ist sich jeder selbst der Nächste

Vom eklatanten Wettbewerbsnachteil der Sachsen ganz abgesehen. Im Fall Dresden sei es "schon so, dass der Wettbewerb nicht komplett gleich ist, damit müssen wir leider leben. Aber das tun wir gerne im Sinne des Fußballs“, sagte Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl.

Aber würde das auch gelten, wenn Gladbach durch einen vorzeitigen Saisonabbruch nicht mehr die Chance hätte, sich noch für die Champions League zu qualifizieren? Wenn es hart und auf hart kommt, ist sich im Fußball jeder selbst der Nächste, das zeigen auch die Debatten in anderen europäischen Ligen.

Was passiert bei einem Saisonabbruch?

Die DFL will sich erst "in den kommenden zwei Wochen" mit den Folgen eines möglichen Saisonabbruchs befassen. Das teilte die Liga nach der Mitgliederversammlung am Donnerstag mit. Das Thema sei "nicht vertiefend erörtert" worden. Nach der Sitzung war Werder Bremens Geschäftsführer Frank Baumann aber zuversichtlicher als davor: "Nachdem es in dieser Frage durch den DFL-Antrag kurzfristig zu Diskussionen in der Liga gekommen ist, war heute ein gemeinsames Interesse an einer Lösung in der gesamten Liga spürbar, und wir hoffen natürlich, dass die Solidarität in der Liga gerade in der für alle schwierigen Phase weiter erhalten bleibt."

Am Mittwoch hatten bei einer Telefon-Schalte laut "kicker" zehn Erstliga-Clubs für den DFL-Vorschlag gestimmt, bei einem Saisonabbruch die dann aktuelle Tabelle zu werten - acht aber votierten dagegen.

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Nur wenige Spieler äußern sich kritisch

Bei der Debatte um Statuten wird ein Aspekt fast an den Rand gedrängt: Wie fühlen sich eigentlich die direkt Betroffenen - die Profis? Kritische Stimmen gibt es relativ wenige. Kölns Birger Verstraete äußerte Bedenken, wurde aber sofort vom Verein zurückgepfiffen und relativierte seine Aussagen.

Neven Subotic von Union Berlin beklagte den seiner Meinung nach zu frühen Wiederbeginn und eine mangelnde Einbindung der Spieler in Entscheidungen: "Wir haben keinen Sitz am Tisch, wir wurden nicht konsultiert." Auch die Spielergewerkschaft VDV bemängelte, die Ängste der Hauptpersonen um ihre Gesundheit und die Infektionsgefahr für Familie und Freunde seien zu wenig gehört worden.

Der Fußball hat sein Schicksal nicht in der Hand

Der Profi-Betrieb hat sich jedoch für die Fortsetzung entschieden und wird genau beobachtet werden. Seriös voraussagen kann die Entwicklung niemand. Keiner weiß, ob und wie viele Covid-19-Infektionen es noch bei den Profis geben wird. Ob die Spieler überhaupt in der Lage sind, dass Hygiene-Konzept über mehrere Wochen umzusetzen. Keiner, ob sich nicht doch noch Fans in großen Gruppen vor den Stadien versammeln und so gegen Kontaktverbote verstoßen.

Der Fußball hat sein Schicksal derzeit nicht in der eigenen Hand - eine Situation, die es in dieser Form noch niemals gab: eine Reise ins Ungewisse.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 17.05.2020 | 22:50 Uhr

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