Stand: 27.05.2019 11:21 Uhr

Hendrik Weydandt: Hannovers Hoffnungsträger

von Andreas Bellinger
Mit sechs Toren erfolgreichster 96-Stürmer der Saison: Hendrik Weydandt (Mitte).

Höhenflug und Abstieg bei der Premiere in der Bundesliga: Hendrik Weydandt hat bei Hannover 96 ein Wechselbad der Gefühle durchlebt. Nach märchenhaftem Aufstieg von der Kreisliga in den Profifußball und Absturz in die Zweitklassigkeit will der mit sechs Treffern erfolgreichste Stürmer der "Roten" weiter durchstarten. Als Hoffnungsträger und Identifikationsfigur gehandelt, fixiert er das wichtigste Ziel der Niedersachsen: "Wiederaufstieg! Möglichst schon nächstes Jahr."

Wo gibt es so etwas im professionellen Fußball eigentlich noch? Ein bodenständiger Publikumsliebling, der nicht hinter dem großen Geld herjagt, sondern mit dem Salär bei seinem Heimatverein zufrieden ist und dort für Furore sorgt. "Ich bin jemand vom Dorf", sagt Hendrik Weydandt. Schon der erste Eindruck bei seinem Debüt im Sportclub macht klar, warum dem vom Boulevard "Märchen-Stürmer" getauften 23-Jährigen sein ungewöhnlicher Weg ins Bundesliga-Team von Hannover 96 so gar nicht den Kopf verdreht hat. Sympathisch, schlagfertig und in der Region verwurzelt. So könnte man Weydandt vielleicht beschreiben. Beste Voraussetzungen also, das (neue) Gesicht des Absteigers beim Neuanfang in der Zweiten Liga zu werden?

Hendrik Weydandt

Weydandt: "Schwer zu sagen, was bei 96 passiert"

Sportclub -

Vor fünf Jahren kickte Hendrik Weydandt noch in der Kreisliga, jetzt ist er Stammspieler bei Hannover 96 - und einer der wenigen Gewinner beim Bundesliga-Absteiger. Am Sonntag war er zu Gast im Sportclub.

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Abstieg hat "emotional sehr tiefe Narben hinterlassen"

"Hoffnungsträger, Identifikationsfigur? Das sind doch nur Schlagworte", sagt Weydandt. "Es wird sich zeigen, welche Rolle ich übernehmen werde und kann, wenn wir am 17. Juni die Vorbereitung beginnen." Runterfahren, den Reset-Knopf drücken und noch ein bisschen Urlaub machen, hat er sich vorgenommen. Der Abstieg hat auch bei ihm "emotional sehr tiefe Narben hinterlassen". Überhaupt war die Saison gespickt mit gemischten Gefühlen, einigen Hochs und vielen Tiefs. "Gefühlt habe ich alles erlebt in meinem ersten Bundesligajahr." Das zu verarbeiten, halfen auch die beiden Kumpels in der WG, in der er sich schon vor seinem persönlichen Fußball-Märchen zuhause gefühlt hat - von den monatlichen Putzeinsätzen mal abgesehen.

Weydandts Credo: Erfolgreich nur im Team 

"Was für ein Jahr", heißt es in der Saisonbilanz der 96er über den am 16. Juli 1995 in Gehrden, 13 Kilometer von Hannover entfernt geborenen Torjäger, der Claudio Pizarro von Werder Bremen sein größtes Vorbild nennt. Ursprünglich wurde Weydandt "nur" für die U23 der Hannoveraner verpflichtet, schaffte dann aber den Durchbruch in der Bundesliga. Der Torjäger, der vor vier Jahren noch für den TSV Groß Munzel in der Kreisliga gekickt hat, gab von allen 96-Profis die meisten Torschüsse ab (61) und traf auch am häufigsten (sechs Mal).

Weydandt weiß aber nur zu gut, dass der Abstieg als Mannschaft und ein persönlicher Aufstieg so gar nicht zusammenpassen. "Wer nur seine eigenen Ziele verfolgt, wird im Team nicht erfolgreich sein", sagt er. "Was mit der Mannschaft passiert, passiert auch mit mir."

Erstes Bundesligator nach 75 Sekunden

Bescheidenheit und ehrliche Arbeit bevorzugt der wuchtige, 1,95 Meter große Mittelstürmer, der als Kopfballungeheuer laut 96-Homepage an die Zeiten eines Horst Hrubesch erinnert. In der abgelaufenen Saison gewann der Stürmer auch die meisten Kopfballduelle (124) im Hannoveraner Team. Es könnte eine Erklärung sein, warum ihn der damalige Trainer André Breitenreiter in den Profi-Kader holte. Im Pokal gegen Karlsruhe (6:0) traf er gleich zweimal. Beim Bundesliga-Saisonauftakt in Bremen (1:1) dauerte es nur 75 Sekunden für den Treffer zum Punktgewinn. "Natürlich ein extrem besonderer Moment", so Weydandt. In 28 der 34 Saisonspiele war er schließlich dabei. Was aber bleibt, sei ein doofes Gefühl: "Du wurdest für deine Fehler bestraft. Nun heißt es, diesen Fehler gutzumachen."

BWL als zweites Standbein

"Man braucht Glück, muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Hinzu kommen Fleiß und Engagement", sagt Weydandt über seinen besonderen Werdegang. Ursprünglich sollte der ganz anders verlaufen. Nach dem BWL-Studium mit Schwerpunkt Steuer- und Wirtschaftswesen (Note 1,7) wollte er in die Fußstapfen seines Vaters treten. Profifußball und Studium? Für Weydandt mehr Ausgleich als Arbeit. Seine Bachelor-Arbeit hat er vergangenen Dezember abgegeben, die Prüfungen im Januar abgelegt. Einige Stunden die Woche arbeitet er zudem in der Kanzlei seines Vaters, die er eines Tages vielleicht übernehmen wird. Noch aber will er als Kicker reüssieren, was schon Begehrlichkeiten anderer Clubs geweckt haben soll: "Das freut mich natürlich. Aber ich fühle mich in Hannover, meiner Heimatstadt, sehr wohl."

"Gerüchte, Gerüchte sein lassen"

Sein persönliches Happy End blieb im Abstiegskampf bekanntlich aus. "Du musst jetzt alles Positive aufsammeln, alles Negative wegwischen und mit einem veränderten Kader und einer neuen Spielidee einen neuen Glauben entwickeln", sagt der Hoffnungsträger der "Roten". Tatsächlich hat 96 drei Wochen vor dem Start in die neue Saison aber viele Baustellen: Trainer, Sportdirektor, der neue Kader. Wer kommt, wer geht, wer darf bleiben? Es sei schon einigermaßen turbulent, sagt der Senkrechtstarter vorsichtig und ergänzt: "Das Klügste, was wir Spieler jetzt machen können, ist: Gerüchte, Gerüchte sein lassen."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 26.05.2019 | 23:25 Uhr

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