Stand: 23.03.2019 08:24 Uhr

Wohin führt Hannovers Weg? Mitglieder entscheiden

von Matthias Heidrich, NDR.de

Bei Hannover 96 steht eine Richtungsentscheidung an. Heute wählen die Mitglieder über den neuen Aufsichtsrat des Gesamtvereins quasi auch einen neuen Club-Präsidenten. Pro oder contra Martin Kind ist dabei die Frage. Der in der Kritik stehende Unternehmer zieht sich zwar als e.V.-Vorsitzender zurück, greift als Gesellschafter aber weiterhin nach der Mehrheit im komplizierten Konstrukt Hannover 96.

Die Gemengelage bei Hannover 96 ist seit Jahren brisant, mitunter komplett festgefahren. Auf der einen Seite kämpft Martin Kind mit einigen Gesellschaftern an seiner Seite um die Mehrheitsübernahme beim abstiegsbedrohten Fußball-Bundesligisten. Auf der anderen Seite versuchen viele Fans und die vereinsinterne Opposition "Interessengemeinschaft Pro Verein 1896" Kinds Übernahmepläne zu stoppen. Die heutige Mitgliederversammlung (ab 14 Uhr, Tagesordnung/Anträge) kommt nun als eine Art Showdown daher.

Kind tritt als e.V.-Präsident ab

Stichwort 50+1

Durch die sogenannte 50+1-Regel wird bislang verhindert, dass Investoren mehr als 50 Prozent der Anteile an einem Fußball-Club erwerben können. In anderen Ligen - zum Beispiel in England - gibt es eine solche Regelung nicht. Besonders Hannover 96 mit Clubpräsident Martin Kind an der Spitze macht sich dafür stark, die Regel zu kippen, um die "Kapitalsituation der Clubs zu verbessern". Die Regelung wurde bisher beibehalten, steht aber permanent in der Diskussion. Befürworter der Regelung kritisieren, dass beim Wegfall der Markt für ausländische Investoren geöffnet werden könnte, die kein sportliches Interesse an einem deutschen Bundesliga-Club haben.

Das liegt vor allem daran, dass der 74-Jährige am Sonnabend seinen Hut als langjähriger Vereins-Vorsitzender nimmt. Auf der Versammlung wird ein neuer fünfköpfiger e.V.-Aufsichtsrat gewählt. Das Kontrollgremium wiederum bestimmt den neuen Vorstandsvorsitzenden des Gesamtvereins, also den Nachfolger von Präsident Kind. Gleichzeitig bleibt der Unternehmer als Geschäftsführer mehrerer Club-Organe (siehe 96-Organigramm) der mächtigste Mann der ausgelagerten 96-Profifußballabteilung. Als solcher versucht Kind seit Jahren, eine Ausnahmeregelung von der 50+1-Regel zu erstreiten, die besagt, dass der Stammverein, also der e.V., die Mehrheit an der Profifußball-Kapitalgesellschaft halten muss. Aktuell liegt Kinds Antrag beim Ständigen Schiedsgericht des DFB, nachdem die Deutsche Fußball Liga (DFL) diesen zunächst negativ beschieden hatte.

"Fußballgott" Linke übt Kritik

Die zur Wahl stehenden Lager sind grob in pro und contra einzuteilen. Elf Kandidaten bewerben sich um fünf Plätze des neu zu besetzenden Aufsichtsrates, der auf die Pläne der ausgegliederten Profiabteilung Einfluss ausüben kann. Prominentester Vertreter der Kind-Widersacher ist Carsten Linke. Der in Hannover einst als "Fußballgott" gefeierte Ex-Profi stößt sich schon seit einiger Zeit an dem Kurs der 96-Führung um Kind. "Die demokratischen Mittel im Verein Hannover 96 sind anscheinend außer Kraft gesetzt", sagte der 53-Jährige jüngst im Sportclub.

Kramer Kandidat der Opposition

Hintergrund
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Die Kandidaten für den 96-Aufsichtsrat

Wer bewirbt sich bei Hannover 96 für den Aufsichtsrat? Der Verein gibt einen Überblick. extern

Als möglichen Kandidaten für die Kind-Nachfolge schickt die Opposition Sebastian Kramer ins Rennen, amtierendes Aufsichtsratsmitglied und ehemaliger Fanbeauftragter bei 96. Er will das Mitspracherecht der Mitglieder stärken. "Es wird wichtig sein, alle Mitglieder zu fragen, bevor die Anteile des Vereins an die Gesellschafter durchgewunken werden. Wenn die Mitglieder dafür sind, ist es okay, sind sie dagegen, ist es auch okay", sagte der 42-Jährige der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".

Verein schickt Herter ins Rennen

Dem Kind-Lager ist unter anderem Karsten Surmann, Teil der Pokalsieger-Mannschaft von 1992, zuzurechnen. Vorstandskandidat der Vereinsseite ist Matthias Herter, langjähriges 96-Mitglied und Vorsitzender der Geschäftsführung einer Immobiliengruppe, der kurz vor der Wahl allerdings auch Kind-kritische Töne anschlägt. "Wir sind nicht das Team von Kind, nicht seine Gehilfen. Aber ein Martin Kind gehört in den Aufsichtsrat der Profiabteilung. Das ist meine Überzeugung", sagte der 55-Jährige.

Kind: "Wir entscheiden über die Zukunft von 96"

Kind selbst hat sich vor der Mitgliederversammlung merklich zurückgehalten mit öffentlichen Äußerungen. Im "kicker" ließ der scheidende Präsident allerdings keinen Zweifel daran aufkommen, worum es geht. "Wir entscheiden über die Zukunft von 96", sagte der 74-Jährige. Die Frage ist, ob es eine in seinem Sinne oder dem der Opposition ist.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 23.03.2019 | 14:00 Uhr

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