Stand: 06.02.2018 12:25 Uhr

Kind zufrieden: "Alle Proficlubs entscheiden"

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Zunächst einmal zufrieden: Martin Kind.

Hannover-96-Präsident Martin Kind hat die Entscheidung der Deutschen Fußball Liga (DFL), eine "ergebnisoffene Grundsatzdebatte" über die sogenannte 50+1-Regel zu führen, begrüßt. Es sei ein guter Entschluss, weil nun nicht nur das DFL-Präsidium, sondern alle 36 Bundesliga-Vereine in den Prozess eingebunden würden und so die Möglichkeit erhielten, "in Eigenverantwortung die Zukunft des deutschen Fußballs zu erarbeiten", sagte der Chef des niedersächsischen Erstligisten am Dienstag: "Eine Garantie auf Neugestaltung der 50+1-Regel gibt es nicht, einen Zeitraum auch nicht, aber jetzt entscheiden alle Proficlubs." Er lade alle Vereine zum konstruktiven Mitmachen ein. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung wollen 12 der 18 Erstligaclubs die 50+1-Regelung lockern.

Wir müssen gemeinsam Veränderungen in der Bundesliga gestalten und das nicht Gerichten überlassen. Man muss die Eigenverantwortung der Clubs stärken und jetzt ein Konzept für die Zukunft erarbeiten, über das dann 36 Clubs abstimmen werden. Martin Kind

"Es gab keine Entscheidung gegen meinen Antrag"

Eigentlich hatte das DFL-Präsidium am Montag darüber entscheiden sollen, ob Kind die Mehrheit an Hannover 96 übernehmen darf. Doch kurz vor dem Treffen in der Ligazentrale in Frankfurt hatten Kind und Hannover den Bossen mitgeteilt, dass sie ihren Antrag auf Erteilung einer Ausnahmegenehmigung ruhen lassen. Die DFL musste deshalb keine Entscheidung fällen, kündigte aber eine umfassende Grundsatzdebatte über die Thematik an. Zuvor hatte es Gerüchte gegeben, die DFL habe Kinds Plänen eine Absage erteilt. Am Dienstag betonte der 73-Jährige erneut: "Es gab keine Entscheidung der DFL gegen meinen Antrag. Hätte es eine Entscheidung gegen uns gegeben, hätten wir Klage eingereicht. Dann hätten wir keinerlei Gestaltungsmöglichkeit gehabt. Der Konsens eröffnet uns die Möglichkeit, zügig an dem neuen Konzept zu arbeiten." Ein juristische Klärung hätte nach Ansicht des Clubchefs "bis zu zwei Jahre" gedauert. Nun hoffe er, "dass die Liga zügig zu Potte kommt", sagte Kinds Anwalt Christoph Schickhardt.

Profifußball vor einschneidenden Veränderungen?

Wie können sich die deutschen Vereine künftig für externe Geldgeber öffnen, um im internationalen Vergleich nicht weiter den Anschluss an Clubs aus England oder Spanien zu verlieren? Und wie kann gleichzeitig sichergestellt werden, dass die Vereine ihren Einfluss behalten und sich nicht vollständig an Investoren aus China, den USA oder dem arabischen Raum ausliefern? Diese Fragen werden den deutschen Profifußball, der nun womöglich vor einschneidenden Veränderungen steht, in den kommenden Monaten beschäftigen. Kind, der sich bereit erklärte, in einem Gremium zur Neugestaltung von 50+1 mitzuarbeiten: "Investoren fallen nicht vom Himmel und übernehmen etwas. Es muss immer jemand etwas abgeben. In Hannover haben wir uns selbst regionale Beschränkungen auferlegt."

Vielleicht keine Ausnahmeregelung mehr nötig

Die 50+1-Regel schreibt vor, dass die Stammvereine der Bundesligisten die Mehrheit bei den ausgegliederten Kapitalgesellschaften halten müssen. Allerdings wurde in den DFL-Statuten 2011 nach einem von Kind erreichten Urteil des Ständigen Lizenzliga-Schiedsgerichts verankert, dass eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden kann. Dafür muss ein Unternehmen oder eine Privatperson einen Verein mehr als 20 Jahre "ununterbrochen" und "erheblich" gefördert haben. Dieses Maß war bei Dietmar Hopp und seiner TSG Hoffenheim zum Beispiel gegeben.

Auch Kind wollte sich darauf berufen. Er habe einen hohen zweistelligen Millionen-Betrag aus seinem Privatvermögen bei 96 investiert, sagte er am Dienstag: "In den 20 Jahren waren die Hauptsponsoren-Einnahmen 46 Millionen plus X. Ich habe in dieser Zeit mehr aufgewendet - das wurde von einem Wirtschaftsprüfungsinstitut testiert und liegt der DFL vor." Sollte sich die DFL zu einer Satzungsänderung entschließen und die 50+1-Regel kippen, wäre allerdings keine Ausnahmeregelung mehr nötig. Kommt es "wider Erwarten" zu keiner entsprechenden Einigung der 36 Profivereine, "dann würden wir den Antrag aktivieren und auch klagen", kündigte Kind bereits an.

  • Das sagen die Vereine:

    Frank Wettstein (HSV-Finanzvorstand): "Die Entscheidung vom Montag hat an meiner Haltung nichts geändert und zeigt, dass die Liga längst in einer komplizierten Situation steckt. Die Entscheidungshoheit sollte bei der Mitgliederversammlung der jeweiligen Clubs liegen."

  • Schalkes Sportvorstand Christian Heidel: "Wir werden keine Lösung finden, mit der alle zu 100 Prozent glücklich sind. Aber ich finde es gut, dass man darüber nachdenkt, ohne dass ich sage: 'Es muss weg.' Es ist besser, intern darüber zu sprechen und die beste Lösung zu finden, als dass morgen jeder der 36 Bundesliga-Clubs eine eigene Mitteilung dazu rausgibt."

  • Tim Schumacher (Geschäftsführer VfL Wolfsburg): "Die 50+1 Regel stellt aus unserer Sicht einen ausgewogenen Interessensausgleich dar. Gleichwohl begrüßt der VfL Wolfsburg die Entscheidung des DFL-Präsidiums und ist einer Grundsatzdebatte gegenüber aufgeschlossen."

  • Sportvorstand Rouven Schröder von Mainz 05: "Wichtig ist jetzt, dass man erst einmal alle Inhalte auf den Tisch legt. Es ist nicht so, dass wir grundsätzlich völlig gegen alles sind. Wenn es reformiert wird und es Ansätze gibt, bei denen man als Verein im operativen Bereich Herr der Lage bleibt, warum sollte man sich dann keine Gedanken machen, um neue Gelder zu generieren."

  • Geschäftsführer Andreas Rettig vom FC St. Pauli im "Hamburger Abendblatt": "Bisher ist Herr Kind bei den Diskussionen um 50+1 nicht durch Vorschläge aufgefallen, die sich außerhalb von Hannover 96 abspielten. Jetzt so zu tun, als wäre es immer nur um die Gestaltung des deutschen Profifußballs gegangen, überrascht sehr. Diesen Prozess hätte er bereits vor vielen Jahren, als er erstmalig mit Klage gegen 50+1 gedroht hatte, einleiten können."

  • Leverkusens Geschäftsführer Michael Schade: "Wir halten die Entscheidung der DFL für richtig, die Sinnhaftigkeit der 50+1-Regel für den deutschen Profifußball zu überprüfen. Die Clubs brauchen neue Finanzierungsquellen, um die immer größer gewordene Lücke zu den europäischen Top-Vereinen zu verkleinern. Der deutsche Fußball kann nun aus sich selbst heraus die notwendige Reform der Investorenregel initiieren und eine juristisch haltbare Direktive erarbeiten."

  • BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke in der "FAZ": "Wir werden weiter für 50+1 kämpfen. Solange mir keiner schlüssig erklären kann, warum man 50+1 abschaffen soll, obwohl Real Madrid und Barcelona als Vereine mit 50+1 die erfolgreichsten Clubs der Welt sind, kämpfe ich für den Bestand dieser Regel."

  • Frank Briel (1899 Hoffenheim, Geschäftsführer Finanzen und Organisation): "Wir begrüßen eine breite und ergebnisoffene Diskussion. Klar ist aber auch, dass alleine mit dem Wegfall der 50+1-Regelung weder eine komplette Veränderung der Wettbewerbssituation erreicht wird, noch werden die deutschen Clubs dadurch automatisch international erfolgreicher. Ich bin ein Befürworter strategischer Partnerschaften, die langfristig und stabil entwickelt werden müssten. Aber auch hier gilt, dass jeder Club für sich bewerten muss, was für den Verein gut ist."

  • Hertha-Geschäftsführer Michael Preetz: "Sollte 50+1 fallen, heißt das nicht automatisch, dass sich jeder Verein für einen Investor entscheiden muss." Die aktuelle Regelung habe sich bisher "grundsätzlich bewährt. Ob sie aber zukunftsfähig ist, wird sich zeigen." Es gebe mit 50+1 positive wie auch negative Beispiele.

  • Präsident Fritz Keller vom SC Freiburg: "50+1 ist eine gute Regel, die für die Solidarität in der Bundesliga steht. Diese gilt es zu bewahren. Wir werden weiter für eine gute Lösung kämpfen. Ich befürchte, dass es Kompromisse geben wird, aber wir werden uns dafür einsetzen, dass so viel wie möglich von 50+1 erhalten bleibt."

  • Wolfgang Dietrich (Präsident VfB Stuttgart): "Für den VfB Stuttgart stellt sich diese Frage so direkt nicht, weil wir seit dem 1. Juni 2017 eine klare Beschlusslage durch die Mitgliederversammlung vorliegen haben. Die Mitglieder haben mit diesem Beschluss die Legitimation erteilt, bis zu 24,9 Prozent der AG-Anteile zu verkaufen. Auf dieser Grundlage haben wir einen Fünf-Jahres-Plan entwickelt, von dem wir überzeugt sind, dass wir damit unsere strategischen Ziele erreichen. Wenn 50+1 kommt, würde das die Wettbewerbssituation nachhaltig beeinflussen."

  • Eintracht Braunschweigs Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt: "Die Debatte in den vergangenen Wochen und Monate hat gezeigt, dass eine ergebnisoffene Diskussion an dieser Stelle auf jeden Fall sinnvoll ist. In diesem transparenten Prozess geht es darum, wichtige Prinzipien der gelebten Fußball-Kultur in Deutschland zukunftssicher zu verankern und zu eruieren, ob gleichzeitig neue Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen sind. Wir brauchen diese ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema, nur so finden wir einen gemeinsamen, zukunftsorientierten Weg."

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 06.02.2018 | 13:25 Uhr

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