Stand: 25.02.2019 09:05 Uhr

Bessermacher Kohfeldt: "Jeder Tag eine Prüfung"

von Andreas Bellinger, NDR.de

Der Termin für sein Debüt im NDR Sportclub hätte glücklicher gewählt sein können. Vielleicht aber auch nicht, denn so hatte der Trainer von Werder Bremen zwei Tage Zeit, die Enttäuschung vom 1:1 gegen Abstiegskandidat VfB Stuttgart zu verdauen. "Jetzt bin ich wieder im Normalmodus", sagt Florian Kohfeldt und genießt strahlend die Sympathien des Hamburger Publikums. Der Frust über den unnötigen Punktverlust im Weser-Stadion hat sein Wochenende zwar einigermaßen verhagelt. Der Europacup steht nach Jahren sportlicher Tristesse in der Hansestadt aber weiter ganz oben auf Werders Agenda. "Es gibt überhaupt keinen Grund, irgendwelche Ziele zu verändern", sagt Kohfeldt und gibt sogleich das nächste Etappenziel aus: "Beim VfL Wolfsburg ist ein Sieg Pflicht."

Florian Kohfeldt im Sportclub

Kohfeldt: "Riesenprivileg, Bundesligatrainer zu sein"

Sportclub -

Florian Kohfeldt ist seit November 2017 Cheftrainer des SV Werder Bremen. Über seinen Weg dorthin, seine Methoden und seine Ziele mit dem Fußball-Bundesligisten sprach er im Sportclub.

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Kruse: "Hoffentlich bleibt Kohfeldt noch lange Trainer"

Die Partie am Sonntag (18 Uhr) ist ein Topspiel der Fußball-Bundesliga - nicht nur aus norddeutscher Sicht. Fast vergessen ist beider Kampf um den Klassenerhalt in der vergangenen Saison. Ein komisches Gefühl, wie Kohfeldt zaghaft andeutet: "Dass wir seit sechs Spielen ungeschlagen sind und trotzdem das leichte Gefühl von Unzufriedenheit da ist, zeigt, wie sich die Ansprüche entwickelt haben." Der Trainer hat Werder auf links gedreht, wie es so schön heißt. Kohfeldt der Bessermacher. "Hoffentlich bleibt er noch sehr lange Trainer", sagt Max Kruse. Klingt wie ein Bekenntnis des Kapitäns zum Bleiben. Was Kohfeldt übrigens auch vom umworbenen Maximilian Eggestein erwartet: "Ich bin schon der Meinung, dass wir sehr gute Argumente haben, ihn zu halten. Werder ist für seinen nächsten Schritt ein sehr guter Verein."

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Dabei sei sein Musterschüler, den er schon in Werders Nachwuchsmannschaft trainiert hat, keinem zur Dankbarkeit verpflichtet. Weder ihm noch dem Verein. "Es war seine Entwicklung", betont Kohfeldt. Ehrliche und offene Worte. Sicherlich sind auch sie ein (gewichtiger) Grund dafür, dass dem 36 Jahre alten Bundesliga-Novizen die Sympathien zufliegen, und die Stimmung im Team kaum besser sein könnte. Überheblichkeit ist seine Sache nicht. "Es wäre doch eine arrogante Herangehensweise, wenn ich sagen würde, alle warten auf mich. Es ist ein Riesenprivileg, Bundesligatrainer zu sein", sagt der ehemalige Torhüter, der nach einem 0:5 in der Jugend schon mal mit den Worten "wenn ihr es nicht ernst nehmt, dann gehe ich eben" vorzeitig in die Kabine ging. Und dem Trainer hernach seine Vorstellungen aufzeigte. Eine Geschichte, die er heute übrigens als "viel zu hoch gehängt" empfindet.

"Emotionen dürfen wir uns nicht verbieten"

Den Fußballlehrerschein hat Kohfeldt 2017 als Jahrgangsbester bekommen und bei seinem damaligen DFB-Ausbilder, Frank Wormuth, einen großartigen Eindruck hinterlassen. "Er ist ein sehr guter Trainer. Kein Streber - einer von uns", sagt Wormuth über den "Master of Arts" der Sport- und Gesundheitswissenschaften. Ausraster wie beim Unentschieden gegen Eintracht Frankfurt haben ihn irritiert. "Eigentlich ruht er in sich", dachte Wormuth. Tatsächlich ärgert sich Kohfeldt noch immer über seine "Rote Karte", obschon er sie für komplett unberechtigt hält. "Ich kann versichern, dass ich noch nie einen Schiedsrichter beleidigt habe", hat er dem Fußballmagazin "11Freunde" jüngst zu diesem Thema gesagt. Subjektiv habe er sich ungerecht behandelt gefühlt. "Emotionen dürfen wir uns nicht verbieten, aber diese Reaktion war zu viel." Er werde versuchen, "diese Seite so gut wie möglich zu unterdrücken".

Kohfeldt: Zum Profi zu schlecht

"Wir müssen noch lernen, aber wir lernen schnell", sagt Kohfeldt. Und nimmt sich von diesem Prozess nicht aus. Auch von seinen Spielern könne er einiges lernen. Von Kruse beispielsweise die Mixtur aus Lockerheit und Ernsthaftigkeit. Kohfeldt: "Ich beobachte das ganz genau, und meistens bin ich sehr zufrieden." Wie der Kapitän Stresssituationen meistert, beeindruckt den Fußballlehrer, der offen damit umgeht, es als Torwart nicht in die Bundesliga geschafft zu haben. "Dazu war ich nicht gut genug."

Rezept gegen Selbstzufriedenheit

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Als Trainer aber macht er vieles richtig. Auch wenn die auferlegte Stabilität und Kontinuität bei zehn von achtzehn möglichen Punkten in diesem Jahr (noch) nicht zu erkennen ist. Das Ziel Europa, das trotz zahlreicher Rückschläge weiterhin möglich ist, soll nicht zum sportlichen Bumerang werden - die umfänglichen Lobeshymnen, welche die Grün-Weißen seit Kohfeldts Amtsantritt am 30. Oktober 2017 in spielerischer Hinsicht zu hören bekommen, auch nicht. "Bei aller Gelassenheit, die wir uns bewahren wollen: Wir können nicht zufrieden sein, wenn wir am Ende auf Platz elf landen", sagt der in Siegen geborene und in Delmenhorst vor den Toren Bremens aufgewachsene Kohfeldt. Europa als Ziel war sozusagen sein Rezept gegen die Selbstzufriedenheit, die sich bei Werder in den vergangenen Jahren bisweilen allzu leicht eingestellt hat.

Kohfeldt hat dem Team Struktur gegeben

Das Team hat unbestritten viel gelernt, zeigt eine breite Brust und neu erwachtes Spielfreude. Junge Spieler wie Milot Rashica, Joshua Sargent oder Johannes Eggestein zahlen das Vertrauen zurück - aber auch die Arrivierten wie Kruse, Nuri Sahin oder Claudio Pizarro profitieren von den Qualitäten des Chefs. "Er hat dem Team Struktur gegeben", sagt Sebastian Langkamp, dem der Trainer enorme Fortschritte in der Spieleröffnung bescheinigt. Nicht nur die Jungen werden besser, auch die "erwachseneren Spieler", wie es Kohfeldt nennt. Sein Verdienst mit einer Mannschaft, die unter Viktor Skripnik und Alexander Nouri einen zarten Aufschwung bestenfalls sporadisch angedeutet hatte.

"Werder ist mein Herzensverein"

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Der Coach und der Routinier: Kohfeldt gibt Nuri Sahin Anweisungen.

Das Schicksal seiner Vorgänger lässt Kohfeldt nicht kalt. "Es ist jeden Tag eine Prüfung, in die Kabine zu gehen, mit den Jungs zu arbeiten und sich selbst auch anzutreiben. Man sollte sich nie sicher sein, immer weiter machen." Zu Höherem fühlt sich der bodenständige und selbstkritische Kohfeldt längst noch nicht berufen. Außerdem zieht ihn auch nichts fort in die Fremde. Die Verbundenheit zu Bremen spricht dagegen und überdies: "Werder ist mein Herzensverein." Dass er einmal weit mehr als ein Jahrzehnt Trainer an der Weser sein könnte, wie weiland Otto Rehhagel und der heutige Technische Direktor Thomas Schaaf, hält er gleichwohl für wenig wahrscheinlich.

Ruhige Werder-Welt war einmal

"Ich glaube nicht, dass es in heutigen Zeiten noch möglich ist, so lange Zeit bei einem Bundesligisten zu arbeiten. Weil sich die Beobachtung, unter der dieser Job steht, weiter verstärkt hat", sagt Kohfeld im "11Freunde"-Interview. Die ruhige Werder-Welt von einst gebe es längst nicht mehr. "Ich bin skeptisch, dass ich in dieser Gemengelage 14 Jahre überstehe." Irgendwann ist immer Schluss. Aber dann ist das größte Problem ein ganz anderes, sagt Familienvater Kohfeldt: "Natürlich mache ich mir manchmal Gedanken, wie ich irgendwann meinen Kindern beibringe, dass der Papa nicht mehr bei Werder arbeitet. Denn sie kennen es in ihrem Leben noch nicht anders."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 24.02.2019 | 22:50 Uhr

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