Reinhold Beckmann (links) und Uwe Seeler © picture alliance / dpa Foto: Marcus Brandt

Beckmann über Seeler: "Es gab immer diese heiligen Momente"

Stand: 05.11.2021 15:17 Uhr

Zu seinem 85. Geburtstag wollen wir der Fußball-Legende Uwe Seeler gratulieren und seinem Geheimnis auf den Grund gehen. Reinhold Beckmann hat jüngst einen viel gelobten Dokumentarfilm über "Uns Uwe" gemacht.

Reinhold Beckmann (links) und Uwe Seeler © picture alliance / dpa Foto: Marcus Brandt
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Herr Beckmann, was macht Uwe Seeler - auch für Nicht-Fußballfans - zu einer so wichtigen Persönlichkeit?

Reinhold Beckmann: Zum einen ist da eine lange persönliche Verbindung zu Uwe. Für viele Menschen ist es diese gelebte Bodenständigkeit, diese Normalität, nie abgehoben zu sein. Wenn man mit Uwe durch die Stadt geht, ist es ein Phänomen: Selbst junge Leute kommen auf Uwe zu, bitten um ein Gespräch, um ein Autogramm. Uwe ist nach wie vor irre geduldig und hat ein Auge für jeden anderen - und das auch jetzt noch mit klapprigen 85 Jahren.

"Einer von uns" heißt der Untertitel Ihres Films über Uwe Seeler. Wie kommt es, dass so jemand zu einer solchen Ikone wird? Star-Appeal hat doch meistens mit einer Aura der Unerreichbarkeit zu tun, oder?

Beckmann: Ein schönes Bild - aber Uwe Seeler ist der Gegenentwurf davon. Diese Bodenständigkeit resultiert auch aus seinem Verhalten als Fußballer in den 50er-, 60er- und auch noch ein bisschen in den 70er-Jahren. Wenn man andere Kollegen oder andere Fußballer aus der Zeit fragt, berichten die von einem Sozialverhalten, das für einen Star überhaupt nicht typisch ist. Er hat den Koffer getragen, als wenn er Zeugwart wäre, wenn der HSV daheim oder auswärts gespielt hat. Er hat nebenbei einen Job bei Adidas gehabt und ist 70.000 Kilometer im Jahr gefahren, um Fußballschuhe und Trikotagen zu verkaufen.

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Was ihn heiliggesprochen hat, ist die Entscheidung in den 60er-Jahren gewesen, das sündige Angebot von Inter Mailand nicht angenommen zu haben, also dem HSV Solidarität, Loyalität und Treue gegeben zu haben. Das war damals - ich kann mich selbst erinnern als kleiner Bengel - ein Aufschrei, eine Erlösung, die durchs ganze Land ging: Uwe bleibt in Hamburg! Das fanden die Leute große Klasse. Heute gibt es so viele Fußballer, die, wenn sie ein Tor geschossen haben, Richtung Tribüne rennen und das Vereinsemblem auf dem Trikot küssen - und ein halbes Jahr später sind sie weg und können sich nicht mehr daran erinnern. Das hätte es bei Uwe nie gegeben.

All das klingt nach einem netten Typen, vor allem im Vergleich zu anderen Fußball-Idolen. Aber hat auch Uwe Seeler seinen Ecken und Kanten?

Beckmann: Uwe war auf dem Platz auch ein Biest, weil er einen Willen zum Erfolg hatte wie kaum ein anderer. Er war nicht satt zu kriegen und hat nachgesetzt. Er hat eine Körperlichkeit auf dem Platz gehabt, er war in den besten Zeiten 1,72 Meter als Mittelstürmer und hatte eine Sprungkraft und so eine Durchsetzungsfähigkeit, dass ein Innenverteidiger von 1,90 Meter große Schwierigkeiten hatte, mit Uwe im Kopfballspiel klarzukommen. Das ist das Phänomen Uwe, in ausweglosen Situationen plötzlich einen heiligen Moment zu kreieren. Bei der Qualifikation für die WM 1966 hatte sich Uwe ein halbes Jahr vorher schwer verletzt, und dann schoss er in seinem ersten Länderspiel nach dieser schweren Verletzung dieses entscheidende 2:1 gegen Schweden, und Deutschland war durch dieses verrückte Tor erst qualifiziert. Das ist Uwe Seeler gewesen - es gab immer diese heiligen Momente.

Sie begegnen ihm im Film auf einer sehr persönlichen Ebene, sind sehr dicht an ihm und an seiner Frau Ilka. Sie haben aber auch prominente Verehrer, Weggefährtinnen und -gefährten ins Gespräch geholt, von Wolfgang Schäuble bis Dagmar Berghoff, in erster Linie leicht angegraute Zeitgenossen. Was wird von Uwe Seeler bleiben, auch über diese Generation hinaus?

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Beckmann: Dieses Idol, dieses Bild von Uwe, für das er steht, das wird die nächsten 100, 200 Jahre bleiben. Er wird eine Symbolfigur - die er jetzt schon ist - für Bodenständigkeit, für Loyalität, für Treue sein, und, wie er selber sagt: "Leben ist doch einfach nur normal zu sein." Und das in so einer überindividualisierten Gesellschaft, wo jeder sein Ding machen muss. Nach Uwes Karriere, da war das erledigt, er hatte sein Ding gemacht und ist danach nicht durchs Leben geirrt und hat gesagt: Ich muss das noch tun, muss noch jenes tun, muss mich da verwirklichen. Mit einer Ausnahme - und die ist nicht ganz glücklich ausgegangen: Das war seine Zeit als HSV-Präsident, als man ihn fast angebettelt hat, diesen Job zu übernehmen und in einer schwierigen Situation etwas für den Verein zu tun. Das war nicht Uwes Ding, Präsident zu sein, durchsetzungsfähig zu sein. Uwe bleibt halt Uwe. Er war das Bild für das Erfolgreiche und für das Bodenständige.

Haben Sie Uwe heute schon gratuliert?

Beckmann: Ich habe ihm etwas geschrieben. Aber wir haben noch gar nicht über Ilka geredet. Ilka an seiner Seite - das ist das wirkliche Phänomen. Ich sage immer: Ilka war die erste Frauenrechtlerin im Fußball. Die hat damals alles klargemacht, mit der war nicht einfach zu verhandeln. Es gibt diesen schönen Satz im Film, wo sie sagt: "Der Italiener Helenio Herrera hat damals einen großen Fehler gemacht: Er hätte doch mal mit mir reden müssen, ob Uwe zu Inter Mailand kommt. Das hat er nicht gemacht, und das war ein großer Fehler." Diese Verbindung Ilka und Uwe - das ist ein weiteres Phänomen. Das hat ihn stark gemacht im Leben, mit so einer starken, durchsetzungsfähigen Frau zusammen zu sein. Ich habe ihm einen langen Brief geschrieben, auch Ilka geschrieben. Es gibt ein schönes Foto, wo beide am Hafen stehen: Das ist so ein göttliches Bild geworden; das haben wir groß aufgezogen und es zu Uwe und Ilka rübergeschickt.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.11.2021 | 18:00 Uhr

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