HSV-Spieler Sonny Kittel © picture alliance/dpa Foto: Christian Charisius

Aufstieg verpasst? HSV auf den Spuren von Hessen Kassel

Stand: 30.04.2021 15:17 Uhr

Dem Hamburger SV droht zum dritten Mal der vierte Platz in der Zweitliga-Abschlusstabelle. Ein solches Blech-Triple hat es im Unterhaus erst einmal gegeben - durch Hessen Kassel vor 36 Jahren.

von Christian Görtzen

Wie es in normalen Zeiten wohl gewesen wäre, als das Volksparkstadion regelmäßig voll war? Wäre der Schlusspfiff des Schiedsrichters von einem gellenden Pfeifkonzert der Fans förmlich verschluckt worden? Oder wäre den Profis des Hamburger SV von den Rängen eisiges Schweigen entgegengeschlagen, weil der ganze Frust in den mehr als 90 Minuten zuvor durch Flüche längst entladen worden wäre und es jetzt nichts mehr zu sagen gäbe? Weit entfernt von der Spielstätte, vor den heimischen Fernsehern, werden am Donnerstagabend während der Partie gegen den Karlsruher SC (1:1) mit Sicherheit sehr, sehr viele HSV-Fans vor Entsetzen in ihre Sessel versunken sein und gezetert und mehrmals ungläubig ausgerufen haben: "Das! gibt's! doch! nicht!"

HSV liefert verlässlich Unbestelltes

Gibt's nicht? Gibt's doch! Der HSV liefert auch in diesen trüben Corona-Zeiten verlässlich Kreationen der Geschmacksnote "reichlich bitter" direkt nach Hause. Der Haken an der Sache ist nur, dass die Anhänger schon längst vor Übersättigung immer wieder diesen flehentlichen Wunsch an ihre kickenden Lieblinge adressieren: "Bitte das nicht liefern!" Irgendwie aber scheint das nicht anzukommen.

VIDEO: HSV-Sportdirektor Mutzel: "Auf den Trainer zu zeigen, ist zu einfach" (2 Min)

Im Spiel gegen den KSC dürften den HSV-Fans vor allem die Ereignisse in den Minuten 56 und 57 heftig auf den Magen geschlagen haben. Zunächst bugsierte Stürmer Simon Terodde einen Handelfmeter im Nachschuss zum vermeintlich so befreienden 1:0 ins Tor. Doch schon im Gegenzug wurde alles durch den postwendenden Ausgleich zunichte gemacht. "Man hat da einen Moment und kriegt dann direkt wieder eins auf die Fresse", beschrieb es HSV-Sportdirektor Michael Mutzel.

Fünf sieglose Spiele in Folge

Das, was die HSV-Profis mühsam zustande gebracht hatten, fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. An einem Neuaufbau scheiterten die Norddeutschen. Mit der Konsequenz, dass nach dem fünften sieglosen Spiel in Folge der Glaube an eine Rückkehr in die Bundesliga schwindet. "Wir brauchen nicht über Dinge zu reden, die sich nicht realisieren lassen, wenn man keine Fußballspiele gewinnt", sagte Trainer Daniel Thioune.

"Wir haben in den letzten Wochen sehr wenig gewonnen. Da brauchen wir uns nicht über irgendwelche Relegationsplätze zu unterhalten." HSV-Trainer Daniel Thioune

Den direkten Aufstieg hat der 46-Jährige offenbar bereits abgehakt, was bei fünf Punkten Rückstand auf den Zweiten Greuther Fürth (57) auch naheliegend erscheint. Und im Hinblick auf Platz drei und die Relegation gegen den Bundesliga-Drittletzten, sieht es, wie Thioune richtig anmerkt, auch nicht gut aus. Holstein Kiel liegt nur zwei Punkte hinter dem HSV und hat noch drei Nachholspiele in der Hinterhand.

Kassel von 1983 bis 1985 Zweitliga-Vierter

"Natürlich muss man sich Sorgen machen", räumte Torhüter Sven Ulreich ein. Dem sechsmaligen deutschen Meister droht das Blech-Triple in der Zweiten Liga - zum dritten Mal hintereinander der vierte Platz in der Abschlusstabelle des Unterhauses. Der HSV wandelt diesbezüglich auf den Spuren des KSV Hessen Kassel. Der nach mehreren Neuanfängen heute in der Regionalliga Südwest spielende Club belegte 1983, 1984 und 1985 stets Rang vier - das ist bislang in der eingleisigen Zweiten Liga ein Novum. Eine damalige Voraussagung, dass 36 Jahre später der zweimalige Europapokalsieger diesen Rekord einstellen könne, wäre wie ein besonders bizarres Kapitel einer Fußball-Utopie erschienen.

Trainer Daniel Thioune vom Fußball-Zweitligisten Hamburger SV © Witters Foto: Valeria Witters
AUDIO: Thioune: "Es ist zu wenig für unseren Anspruch" (4 Min)

Oder zieht sogar noch St. Pauli vorbei?

Es könnte noch auf eine andere Weise ganz schlecht ausgehen für den HSV, der mit einem der höchsten Etats der Zweitligavereine endlich die Rückkehr in die Bundesliga schaffen wollte und dem abermals im Aufstiegsrennen im Frühjahr die Puste ausgeht. Es besteht die Gefahr, dass der nur noch fünf Punkte dahinter liegende Stadtrivale FC St. Pauli noch vorbeizieht.

Sportdirektor Mutzel: Keine Trainerdiskussion

Mutzel glaubt durchaus, "dass der Kopf eine Rolle spielt. Vielleicht ist dann doch ein bisschen zu viel Druck auf dem Kessel." Eine Trainerdiskussion hält der 41-Jährige für unangebracht. "Das ist immer einfach, wenn man eine solche Phase hat, dass man mit dem Finger auf den Trainer zeigt. Das wollen wir nicht machen", sagte Mutzel.

Weiter geht es für den HSV am 10. Mai mit einem Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Die Franken haben seit sieben Spielen nicht verloren (drei Siege, vier Remis). Es folgen Partien beim VfL Osnabrück und zu Hause gegen Eintracht Braunschweig - gegen Clubs, die beide dringend Punkte für den Klassenerhalt benötigen. Thioune mutmaßt: "Als letzter Impuls ist vielleicht die Scheißegal-Mentalität etwas, das helfen kann." Der HSV ist beim Trotz und Zweckoptimismus angekommen.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 30.04.2021 | 19:30 Uhr

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