Stand: 10.06.2020 12:38 Uhr

Brinkmann: "Geisterspiele emotional eine Katastrophe"

Ansgar Brinkmann © imago images/onemorepicture Foto: Thorsten Wagner
Ansgar Brinkmann spielte früher unter anderem für den VfL Osnabrück und Arminia Bielefeld.

Ansgar Brinkmann ohne Fußball ist schwer vorstellbar. Der 50-Jährige hat zwar nach seinem Karriereende nie ein Amt im Profifußball übernommen, ist dem Sport aber weiter eng verbunden. Ob in der Spielerberatung, als Experte für diverse Medien oder mit seinen beiden Büchern - auf 100 Lesungen bringt es der Ex-Profi mittlerweile. Natürlich hat der "Weiße Brasilianer", der selbst Zeit seines Lebens ein Straßenfußballer geblieben ist, auch zum Fußball in Corona-Zeiten einiges zu sagen. Im Interview mit NDR.de spricht der gebürtige Niedersachse über Geisterspiele, Entertainment und die großen Emotionen.

Herr Brinkmann, wie gefällt Ihnen der Fußball in Corona-Zeiten?

Ansgar Brinkmann: Corona ist für alle höhere Gewalt. Die Belastung ist enorm - menschlich, gesundheitlich und auch wirtschaftlich. Alle Branchen versuchen, wieder ins Rollen zu kommen. Auch der Fußball. Aber so, wie es gerade ist, macht das nicht so viel Spaß.

Was halten Sie denn von den Geisterspielen?

Brinkmann: Das ist eine Katastrophe! Emotional ist das so eine ganz andere Liga. Ich finde es legitim, dass der Fußball seine wirtschaftlichen Möglichkeiten nutzt, um sportliche Entscheidungen herbeiführen zu können. Und da hängen auch zigtausend Jobs dran. Viele Menschen hätten da sicher nicht so einen langen Atem mit ihren Gehältern wie die Fußballprofis. Trotzdem: Geisterspiele braucht eigentlich kein Mensch.

Aber Sie können am Fernseher doch die Ton-Option mit den Fan-Gesängen wählen...

Brinkmann: (lacht lange) Die wähle ich definitiv nicht. Wenn der Fußball gerade ohne Zuschauer im Stadion auskommen muss, dann ist das eben so. Und ich schaue "in natura". Aber wer eine solche Form Entertainment möchte... wir sind ja tolerant.

Dass der Ball wieder rollt, hat Deutschland dem Hygienekonzept von DFL und DFB zu verdanken. Hätten Sie sich zu Ihrer Zeit vorstellen können, dass nicht zusammen gejubelt werden darf oder dass die Bälle regelmäßig desinfiziert werden müssen?

Brinkmann: Nein, definitiv nicht. Das ist wie in einem schlechten Film. Als ich in Dortmund vor der "gelben Wand" gespielt habe, konnte mein Mitspieler mich nicht verstehen. Der stand fünf Meter von mir weg und ich konnte schreien, wie ich wollte. Der Fußball lebt von Emotionen. Aber aktuell hat niemand eine andere Wahl.

Ansgar Brinkmann © imago images/Jan Huebner Foto: Ulrich
Ansgar Brinkmann glaubt nicht an einen Wandel im Profifußball durch Corona.

Glauben Sie, dass die Corona-Zeit einen nachhaltigen Wandel im Profi-Fußball bewirken kann?

Brinkmann: Der Fußball ist bei den Ablösesummen und den Gehältern außer Kontrolle geraten. Ich hätte mir früher nicht gedacht, dass das mal so ausartet. Corona hat ganz sicher viele Menschen zum Nachdenken gebracht. Aber ich befürchte, dass alles wieder wird wie vorher. Wenn es wieder richtig losgeht, werden der Fußball und die Menschen schnell wieder am Limit agieren. Natürlich wäre es fairer mit einem Salary Cap oder einer Deckelung bei den Ablösesummen. Aber ich denke, es ist unrealistisch, dass sowas kommt. Gutes Geld gab es im Fußball schon immer zu verdienen. Aber ich wollte mit dem Ball immer Städte erobern, den Ruhm - und dann kam das Geld. In dieser Reihenfolge.

Es gab Kritik am straffen Programm der Dritten Liga mit durchgehend englischen Wochen. Ihnen als Spieler wäre das doch sehr entgegengekommen, oder?

Brinkmann: (lacht) Ich hatte wirklich viele Trainer, und Sie können jeden fragen: Ich war immer der erste Spieler, der da war und der letzte der gegangen ist. Aber natürlich habe ich den Wettkampf immer lieber gemocht. Gleichzeitig ist das Programm für die Dritte Liga schon brutal. Zumal es die Spieler nicht gewohnt und die Kader nicht darauf ausgelegt sind. Das ist der Unterschied zu den Topclubs. Ich hatte in meiner Karriere meist vier Spiele im Monat, in denen ich alles rausknallen konnte - und danach stand Pflege an. Aber diese Pausen gibt es jetzt nicht.

Fast alle Nordclubs kämpfen an den letzten Spieltagen noch um den Einzug in den Europapokal, um den Aufstieg oder gegen den Abstieg. Welche Entscheidungen beschäftigen Sie besonders?

Brinkmann: Ich denke, dass für Werder die Relegation sportlich noch machbar ist. Die Bremer machen alles, kämpfen und halten am Trainer fest. Aber wenn sie es in die Relegation schaffen, könnte der Gegner der HSV sein. Ich denke, dass Hamburg hinter Bielefeld und Stuttgart landen wird. Und wenn Werder wirklich auf den HSV trifft, bleibt leider ein Nordclub auf der Strecke. Das würde ein heißes Ding.

Meinem Ex-Club Osnabrück drücke ich die Daumen. Der Zweitliga-Aufstieg war schon unfassbar gut. Wenn sie jetzt drinbleiben, wäre das fantastisch. Der große Trumpf des VfL ist Trainer Daniel Thioune. Er lebt dem Team vor, dass sie an sich glauben müssen und ist fachlich und menschlich gut.

In der Dritten Liga kann man eigentlich keine Prognose abgeben. Ich würde den Aufstieg auch noch Meppen als Zehntem zutrauen. Wenn die Meppener in den englischen Wochen in einen Lauf kommen, haben sie gute Karten.

Eine besondere Beziehung haben Sie zu Ihrem Ex-Club Bielefeld. Den Arminen ist die Rückkehr in die Bundesliga kaum noch zu nehmen - aber gefeiert werden darf in Corona-Zeiten ja nicht so richtig...

Brinkmann: Ich bin seit zehn Jahren bei fast jedem Heimspiel gewesen - und genauso lange war die Arminia praktisch weg vom Fenster. Die Zweite Liga ist mein Zuhause gewesen, in meiner Karriere habe ich die Bundesliga ja nur gestreift. Wir wären alle richtig dankbar, wenn jetzt wieder die ganz Großen nach Bielefeld kommen würden. Bayern mit Lewandowski, Dortmund mit Sancho, wenn er dann noch da ist. Eigentlich müsste man, wenn der Aufstieg feststeht, durch jede Kneipe ziehen. Aber Bielefeld wird die Jungs gebührend feiern, das steht fest. Wann auch immer. Und womit? Mit Recht!

Das Interview führte Florian Neuhauss, NDR Sport

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 09.06.2020 | 23:03 Uhr

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