Ein an einem Hüttchen befestigtes Schild weist die Zuschauer des Oberligaspiels zwischen Curslack und Hamm United darauf hin, dass auf dem Sportplatz die Abstandsregeln einzuhalten sind. © Hanno Bode

Amateurfußball in Corona-Zeiten: Ein Vabanquespiel

Stand: 28.09.2020 13:25 Uhr

Im Hamburger Amateurfußball wird wieder um Punkte gekämpft. Die Anforderungen an die Clubs sind in Pandemie-Zeiten hoch. Dennoch gab es trotz komplexer Hygienekonzepte bereits Spielabsagen.

von Hanno Bode, NDR.de

Der SV Curslack-Neuengamme hat sich für sein erstes Heimspiel in der Oberliga Hamburg nach der Corona-bedingten Fußball-Pause gegen Hamm United herausgeputzt - so scheint es jedenfalls. Messingständer mit roten Absperrkordeln stehen direkt hinter dem Eingang des Sportplatzes am Gramkowweg. "Die habe ich im Ohnsorg-Theater geklaut", scherzt Teammanager Darco Dorcic. Doch die dicken Seile hängen natürlich nicht zur Zierde hier. Sie dienen als Personenleitsystem, weisen den Zuschauern den Weg zur Tribüne und trennen zudem den Bereich vor dem Verkaufsstand vom Kunstrasenplatz. Was vornehm aussieht, ist Teil des umfangreichen Hygienekonzepts, das der Club ausarbeiten musste, um seine Partien überhaupt vor Fans stattfinden lassen zu dürfen. Ziel aller Maßnahmen: Die größtmögliche Verringerung des Ansteckungsrisikos.

Begrenzte Zuschauerzahl, kein Alkoholausschank

200 Zuschauer darf der SVCN auf seine Anlage lassen. Der Ausschank von Alkohol ist untersagt. Am Verkaufsstand, dem "Blauen Eck", schenkt der Kassierer hinter einer Plexiglasscheibe Kaffee und Limo aus. Die "Ballerbude", wie der Container von den Curslackern auch gerufen wird, ist an diesem Tag bei Weitem nicht so gut frequentiert wie in Vor-Corona-Zeiten. Die meisten Besucher gehen schnell zu ihren Plätzen, nachdem sie vor dem Eingang ein Kontaktformular ausgefüllt haben. Eine Vielzahl von Ordnern, die alle Mund-Nasen-Maske tragen, achtet darauf, dass sich die Schaulustigen an die Abstandsregeln halten. Auf der eigentlich 302 Personen fassenden Tribüne ist deshalb jede zweite Sitzschale mit Plastikband abgesperrt.

Es ist eine Szenerie, die vor Monaten auf den Amateurfußballplätzen noch undenkbar war. Wo vor der Pandemie ungezwungene Stimmung herrschte, muss sich nun diszipliniert verhalten werden.

Enormer organisatorischer Aufwand

"Das war eine Riesenaufwand, das alles auf die Beine zu stellen. Wir haben mit 16 Ehrenamtlichen versucht, das Hygienekonzept umzusetzen. Es ist nicht einfach. Aber es ist unser Hobby und macht Spaß", sagt SVCN-Ligamanager Oliver Schubert im NDR Interview. Bereits viereinhalb Stunden vor dem Anpfiff hatten er und die anderen Curslacker Helfer mit dem Platzaufbau begonnen. Es mussten unter anderem diverse Desinfektionsständer aufgestellt, Wegmarkierungen angebracht und ein zusätzlicher Tisch zum Kassieren hingestellt werden.

Erst eine Stunde vor Spielbeginn durfte der Club mit dem Einlass beginnen. Die Zuschauer sollen sich nicht länger als nötig auf den Sportanlagen aufhalten, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Dass es ob dieser Vorgabe bei einigen Partien in der Hansestadt zu kleinen Warteschlangen vor den Eingängen kam - es war gewiss nicht im Sinne des Erfinders. Und es ist fraglos nicht zielführend.

Duschen nach dem Spiel nicht überall erlaubt

Aber nicht nur die Vereinsverantwortlichen und Zuschauer müssen sich an gravierende Veränderungen gewöhnen. Auch für die Spieler ist vieles nicht mehr so, wie es einst war. Erst 60 Minuten vor dem Anpfiff sollen sie sich treffen und dann in Etappen umziehen, damit in den Kabinen der Abstand eingehalten werden kann.

Und geduscht werden darf nach den Partien auch nur in begrenzter Anzahl gleichzeitig. Oder gar nicht, weil einige Clubs die strikten Desinfektionsvorgaben nicht umsetzen können. "Wenn es regnet und feucht und nass ist, ist das natürlich keine optimale Bedingung für die Mannschaft. Die können sich dann etwas wegholen", sagt Carsten Wittiber, Sportlicher Leiter des Curslacker Liga-Rivalen Niendorfer TSV, im Gespräch mit NDR 90,3.

Spiel erst abgesagt, dann wieder angesetzt

Am Sonntag verlor der Club des früheren Angreifers gegen den SC Victoria mit 0:2. Der Hamburger Fußball-Verband (HFV) hatte die Begegnung zwischenzeitlich abgesagt, weil ein Niendorfer Spieler positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Nachdem die Ergebnisse aller anderen Kicker anschließend negativ waren, konnte das Duell dann doch stattfinden.

Aber eben auch unter Bedingungen, die nicht nur für Wittiber gewöhnungsbedürftig sind. "Das mit den Abständen einhalten und dem Einlass erst eine Viertelstunde vor dem Anpfiff ist schon ganz besonders. Und einige Fans haben gesagt, dass zu einem Fußballspiel eben auch eine Wurst und ein Bier gehört. Aber das ist halt derzeit nicht der Fall", erklärt der 51-Jährige.

Vereine nach lange Pause in finanziellen Nöten

Die fehlenden Erlöse aus dem Verkauf und die monatelange Pause haben viele Clubs in finanzielle Nöte gebracht. "Wir hatten keine Einnahmen mehr. Unsere Spieler mussten deshalb sogar ihre Schuh-Gutscheine abgeben. Und einen neuen Trikotsatz haben wir auch nur mit Mühe finanziert bekommen", sagt Sören Deutsch, Coach des Hamburger Bezirksligisten TSV Glinde. Als die Stormarner am Sonntagnachmittag den Farmsener TV empfingen (4:2), durfte am "Büdchen", wie ihr Verkaufsstand heißt, kein Alkohol ausgeschenkt werden - der Umsatz war im Vergleich zu früher geringer.

VIDEO: Der Sport in Not (11 Min)

"Für mich ist das unverständlich. Die Leute knallen sich doch während eines Spiels nicht zehn Biere in den Kopf", echauffiert sich Deutsch. Theoretisch hätte der Club zwar Hochprozentiges ausschenken können, dann aber nur die Hälfte der Zuschauer auf die Anlage lassen dürfen. Dies jedoch wäre monetär noch unattraktiver gewesen. Denn die Kosten (beispielsweise die Bezahlung der Schiedsrichter) sind wie in Vor-Corona-Zeiten.

Droht eine Saison-Unterbrechung?

Fehlendes Geld ist eine Sorge der Clubs, die Gesundheit der Spieler eine andere, größere. Mehrere Partien in verschiedenen Hamburger Staffeln mussten bereits wegen Corona-Fällen abgesagt beziehungsweise verlegt werden. Und die kalte Jahreszeit steht unmittelbar vor der Tür.

Schubert hat daher so seine Zweifel, dass die Saison störungsfrei durchgeführt werden kann. "Ich glaube schon, dass wir in den nächsten Wochen Fußball spielen werden. Aber umso weiter es in Richtung Herbst und Winter geht und die Infektionszahlen in Hamburg steigen werden, könnte das natürlich zum Problem werden. Wir hoffen natürlich, dass wir unbeschadet davon kommen. Aber es wird vielleicht auch uns irgendwann treffen. Darauf müssen wir vorbereitet sein", sagt Curslacks Manager am Sonnabendnachmitttag in der Halbzeit des Duells mit Hamm, das 2:2 enden wird.

Am Tag darauf hat der Vierländer Club seinen ersten Corona-Fall - wenn auch nur indirekt. Die Mutter eines Spielers der zweiten Mannschaft wurde positiv auf das Virus getestet, die Kreisliga-Partie beim FC Bergedorf daraufhin vorsorglich abgesagt. Es steht zu befürchten, dass sich solche und andere Fälle in den kommenden Wochen wiederholen, vielleicht sogar häufen werden. Das werden die besten Hygienekonzepte inklusive feiner Absperrkordeln wohl nicht verhindern können...

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Dieses Thema im Programm:

Sportplatz | 27.09.2020 | 18:00 Uhr

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