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Alles, nur kein Zufall: Wie der HSV in die Krise rutschte

Stand: 06.12.2020 12:43 Uhr

Der Hamburger SV hat den Abwärtstrend der vergangenen Wochen auch im Zweitliga-Nordduell mit Hannover 96 nicht stoppen können. Die 0:1-Pleite kam unglücklich zustande. Und doch war sie typisch für eine Mannschaft, die sich immer wieder selbst im Weg steht.

von Hanno Bode

Die Erinnerung an (längst vergangene) bessere Tage dröhnte nach dem Schlusspfiff aus den Lautsprechern des Volksparkstadions. Der Song "Hey HSV" von der Rockband "Abschlach!" wurde abgespielt, während Coach Daniel Thioune die Seinen im Mannschaftskreis versammelte. "Von Norden weht der Wind. Wir sind die Macht von der Elbe, das weiß doch jedes Kind", heißt es unter anderem in dem Lied. Nun sieht die Realität beim sechsmaligen deutschen Meister gänzlich anders aus.

Eine "Macht" ist der HSV, dessen letzter Titelgewinn von 1987 datiert, im deutschen Profi-Fußball schon lange nicht mehr.

Der frühere Europapokalsieger der Landesmeister quält sich auch in seiner dritten Saison nach dem erstmaligen Bundesliga-Abstieg durch die Zweite Liga. Nach der dritten Pleite in Serie und dem insgesamt fünften sieglosen Spiel in Folge sind die Hamburger erstmals in dieser Saison aus den Aufstiegsrängen gerutscht, weil sie zum wiederholten Male in den Vorwochen Konzentration und Gier vermissen ließen.

Mit Vagnomans Aussetzer begann die Krise

Zu Beginn der Genese des Absturzes von Rang eins auf Platz vier stand ein haarsträubender Stellungsfehler von Youngster Josha Vagnoman in der Partie bei Holstein Kiel vor einem Monat, der zum 1:1-Ausgleich in der letzten Minute führte. Im anschließenden Duell mit dem VfL Bochum (1:3) zeigten die Hamburger dann ihre schwächste Saisonleistung und luden die Gäste durch katastrophales Defensivverhalten zum Toreschießen ein. In der Begegnung beim 1. FC Heidenheim verspielte die Thioune-Elf schließlich sogar eine 2:0-Führung.

Das Gegentor zum 2:3 wenige Sekunden vor Ultimo fiel nach einem Patzer des mit vielen Vorschusslorbeeren geholten Keepers Sven Ulreich, der bis dato noch nicht die erhoffte Verstärkung ist.

Wehe, wenn Terodde nicht trifft...

Gegen Hannover stemmten sich die Hanseaten trotz der frühen (und dusseligen) Gelb-Roten Karte gegen Sonny Kittel (25.) zwar eindrucksvoll gegen die Niederlage. Dass sie jedoch keine ihrer hochkarätigen Tormöglichkeiten verwerteten, zeugte zum einen von fehlendem Selbstbewusstsein. Andererseits war der Chancenwucher auch ein Zeichen dafür, wie es um den HSV steht, wenn sein Top-Torjäger Simon Terodde - wie gegen 96 geschehen - einen schwarzen Tag erwischt.

Bedenkenswert und für einen Aufstiegsaspiranten eigentlich inakzeptabel, dass die Hamburger nicht in der Lage sind, auch einmal durch eine Standardsituation oder einen Distanzschuss für Gefahr zu sorgen.

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Die Hannoveraner jubeln, die Hamburger sind enttäuscht. © WITTERS Foto: Valeria Witters

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Der HSV hat ein Standard-Problem

Das ist übrigens kein neues Phänomen bei den einst "Unabsteigbaren", die nun drohen, zu den "Unaufsteigbaren" zu werden. Schon in der Vorsaison unter Trainer-Routinier Dieter Hecking gehörten ruhende Bälle - gelinde ausgedrückt - nicht zu den Stärken der Mannschaft. Und auch die Anfälligkeit bei Standards gegen sich hat der HSV in die neue Serie "herübergerettet". Der Gegentreffer gegen 96 war dafür beispielhaft: Baris Basdas wurde bei seiner Kopfballverlängerung nach einem Eckstoß überhaupt nicht angegangen.

Dass Khaled Narey den Ball unglücklich ans Knie bekam und unfreiwillig zum Torschützen Hendrik Weydandt weiterleitete, war dann zwar Pech, irgendwie jedoch auch sinnbildlich für immer wiederkehrende Hamburger Abwehr-Schläfrigkeiten.

"Wir sind nicht abgestürzt"

Thioune ist trotz des rasanten Absturzes nach seinem Traumstart an der Elbe mit fünf Siegen in Folge noch weit davon entfernt, die mentale und sportliche Qualität seines Teams öffentlich infrage zu stellen. Stattdessen stellte er mit Blick auf das Klassement, in dem der HSV lediglich zwei Zähler Rückstand auf Rang eins hat, nüchtern fest: "Wir sind nicht abgestürzt. Wir sind nicht abgeschüttelt. Wir sind nicht abgefallen. Wir bewegen uns vielleicht aktuell in einem unruhigen Fahrwasser. Es ist an uns, das zu ändern."

Thiounes Startelf gab Rätsel auf

Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich den Hamburgern am kommenden Sonnabend (13 Uhr, im Livecenter bei NDR.de) im Auswärtsspiel bei Darmstadt 98. Der gegen 96 von Beginn an lustlos wirkende Kittel muss gegen die "Lilien" aussetzen. Warum Thioune den oftmals phlegmatisch agierenden Edeltechniker gegen Hannover überhaupt von Beginn an aufstellte und stattdessen Top-Vorlagengeber Manuel Wintzheimer auf die Bank setzte, war für den Außenstehenden schon ein wenig rätselhaft.

Zeit des Experimentierens vorbei

Überhaupt war die Thioune-Equipe erst griffig, nachdem Kittel Gelb-Rot gesehen hatte und sie das ursprünglich vom Coach verordenete 4-2-3-1-System zwangsläufig etwas modifizieren musste. Auch mit seinen Wechseln lag der Coach in den Vorwochen nicht immer richtig. Sie veränderten die Statik der Spiele zuweilen in eine Richtung, die nicht nach seinem Gusto waren. "Letztlich werden wir und auch ich an Ergebnissen gemessen", sagte Thioune nach der Hannover-Pleite.

Die Zeit es Experimentierens - das scheint dem 46-Jährigen bewusst zu sein - ist für ihn vorbei.

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Fußball-Tabelle © Panthermedia,  Screenshot/NDR Foto: Tobias Eble

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 06.12.2020 | 22:50 Uhr

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