VIDEO: Verboten, verkannt, erfolgreich: 50 Jahre Frauenfußball im Norden (30 Min)

50 Jahre Frauenfußball: Das Wolfsburger Erfolgsmodell

Stand: 31.10.2020 20:35 Uhr

Vor 50 Jahren ließ der DFB das Frauenfußball-Verbot fallen. Christel Klinzmann, Alexandra Popp und Lilly Damm erzählen, wie sich die Frauen in Wolfsburg emanzipierten und der VfL zum erfolgreichsten deutschen Club wurde.

von Ines Bellinger, Tabea Kunze und Patrick Halatsch

50 Jahre Frauenfußball - eigentlich ein trauriges Jubiläum. Denn es bedeutet, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erst am 31. Oktober 1970 das 1955 erlassene Verbot für Frauen am Ball aufhob. Es ist zudem ein Jubiläum, das es im Osten der Republik gar nicht gibt, denn in der DDR war Frauenfußball nie verboten, wenngleich als nicht sonderlich förderungswürdig eingestuft.

Die Entwicklung des Frauenfußballs im Norden hat Wolfsburg geprägt - von 1973 an beim VfR Eintracht, ab 1996 beim Wendschotter SV und seit 2003 unter dem Dach des VfL. Es kommt nicht häufig vor, dass sich Spielerinnen aus drei Generationen treffen, um über den steinigen Weg der Emanzipation auf dem Fußballfeld zu sprechen. Christel Klinzmann (66), Alexandra Popp (29) und Lilly Nele Damm (13) haben es getan. Sie erzählen eine Geschichte aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Wolfsburger Fußball.

VIDEO: Popp über blöde Kommentare: "Da platzt mir fast die Hutschnur" (3 Min)

Die Vergangenheit: Christel Klinzmann

Auch wenn sie es nicht wahrhaben will: Die ehemals beinharte Verteidigerin war eine Pionierin des Frauenfußballs in Wolfsburg. Die Helmstedterin kam über ihren damaligen Freund zum Fußball. Vier Wochen nach der Geburt ihres Sohnes wechselte sie 1975 zum VfR Eintracht Wolfsburg. Sie war 1982 beim ersten Länderspiel gegen die Schweiz dabei (5:1), stand mit Eintracht 1984 im Pokalfinale gegen Bergisch Gladbach im Frankfurter Waldstadion (0:2): "Als Vorspiel vor dem Männer-Finale Gladbach gegen Bayern vor fast 30.000 Zuschauern. Das war der Höhepunkt meiner Karriere."

Christel Klinzmann im Interview
Wolfsburger Pionierin: Christel Klinzmann

Alexandra Popp und Lilly Damm waren da noch nicht geboren. Die beiden kriegen große Augen und Ohren, wenn Christel Klinzmann von früher erzählt. "Wir haben auch viermal in der Woche trainiert, nach der Arbeit wohlgemerkt", sagt die 66-Jährige. "Und wir sind auch jedes Wochenende unterwegs gewesen, mit weiten Reisen und Übernachtungen." Sie erinnert sich an Prämien von 25 Mark pro Punkt, dazu wanderten 50 Mark pro Zähler in die Mannschaftskasse.

Macho-Sprüche oder dumme Bemerkungen über fußballspielende Frauen sind Christel Klinzmann nie zu Ohren gekommen, sagt sie: "Ich komme aus einem kleinen Dorf, da haben sich immer alle erkundigt, wie wir gespielt haben. Ich habe nichts Negatives feststellen können." Der Mann, der sie einst zum Fußball brachte, ist heute noch an ihrer Seite. Er hat die zwei gemeinsamen Kinder betreut, wenn Mama dem Ball nachjagte. "Mein Mann war natürlich immer davon begeistert, ist er heute noch", erzählt Klinzmann. "Er stand immer hinter mir."

Den Weg des Frauenfußballs in der öffentlichen Wahrnehmung hat sie über die Jahre mit Wohlwollen verfolgt. "Eine solche Entwicklung hätte ich mir damals nicht vorstellen können", sagt sie. Sie schaut jedes Spiel der VfL-Frauen - es sei denn, sie muss zur gleichen Zeit ihren Enkel anfeuern. Ein bisschen neidisch ist sie manchmal auf die "Super-Bedingungen", die die Mädels heute haben: "Nicht arbeiten, nur trainieren, das wäre mein Ding gewesen."

Die Gegenwart: Alexandra Popp

Alexandra Popp im Interview
Kapitänin des VfL-Erfolgsteams: Alexandra Popp.

Alexandra Popp kann es heute kaum fassen, dass Frauen das Fußballspielen einst verboten wurde, weil es angeblich nicht zur Physiologie des weiblichen Körpers passe und wegen Verletzungen zu gefährlich sei. "Das als Begründung zu nehmen, ist völliger Schwachsinn, dann dürften Frauen ja gar keinen Sport treiben", sagt die für offene Worte bekannte 29-Jährige. Die Nationalspielerin und VfL-Kapitänin kam 2012 aus Duisburg an den Mittellandkanal und zeichnet für die bislang erfolgreichste Zeit des VfL mitverantwortlich: Sechsmal holte sie seither mit Wolfsburg die Meisterschale, siebenmal den DFB-Pokal, zweimal die Champions-League-Trophäe.

Anders als Christel Klinzmann hat "Poppi" den einen oder anderen blöden Kommentar wegstecken müssen. "Ich habe bis 13, 14 in einer Jungenmannschaft gespielt, da hieß es manchmal: 'Ah, schau mal, die haben ein Mädchen in der Mannschaft, wie peinlich'", erzählt sie. Sogar Eltern ihrer Gegenspieler ließen chauvinistische Sprüche vom Stapel: "Was lässt du dir den Schneid von einem Mädchen abkaufen?"

Heute bekommt Popp so etwas nicht mehr zu hören, jedenfalls nicht von Angesicht zu Angesicht. Sie liest viel Grenzwertiges in den sogenannten sozialen Netzwerken, wo aus der Anonymität heraus häufig gegen kickende Frauen gepöbelt wird. "Ich finde das traurig", sagt sie. "Wir leben im Jahr 2020, es gibt schon so lange Frauenfußball. Dass da noch Kommentare kommen, die unter der Gürtellinie sind, das gehört sich einfach nicht mehr." Sie würde sich wünschen, dass die Frauen bei solchen Debatten mehr Unterstützung von ihren männlichen Kollegen bekommen.

Wie weit die Tradition der kickenden Frauen in Wolfsburg zurückreicht, weiß Popp erst seit Kurzem, das gibt sie zu. Neben Stolz, Teil dieser Geschichte zu sein, empfindet sie vor allem Respekt für die Leistung ihrer Wegbereiterinnen: "Vor Christel kann ich wirklich nur meinen Hut ziehen", sagt sie. "Sie hat für uns den Weg mit geebnet. Wir können glücklich sein, solche Frauen zu haben, die das für uns ermöglicht haben und für unseren Nachwuchs."

Die Zukunft: Lilly Nele Damm

Lilly Damm gehört zu jener Generation, in der es offenbar selbstverständlich geworden ist, dass Mädchen und Frauen Fußball spielen. "Meine Freunde finden es cool, dass ich in einer Mannschaft spiele", erzählt die 13-Jährige. Lilly stürmt für die B-Juniorinnen des VfL. Sie hat das Fußball-Gen geerbt, ihre Tante ist Petra Damm. Die heute 59-Jährige gehörte 1989 zu jenen Fußballerinnen, die in Osnabrück den ersten Europameister-Titel für Deutschland gewannen und dafür vom DFB mit dem legendären Kaffeeservice geehrt wurden.

Lilly Damm im Interview
Eine aus der neuen Wolfsburger Generation: Lilly Damm.

1992 sorgte Petra Damm für Schlagzeilen, als sie als erste Frau die Wahl zu Niedersachsens "Fußballer des Jahres" gewann. Manchmal kickt sie noch mit Lilly, die Ewa Pajor als ihr Vorbild auserkoren hat. In ihrem Team versuchten alle Mädchen, den erfolgreichen Frauen aus dem Bundesliga-Team nachzueifern, sagt Lilly. Männliche Idole haben die Mädchen nicht. Den Erzählungen von Christel Klinzmann und Alexandra Popp lauscht sie staunend. "Wenn man sieht, was die alles erreicht haben, will man das auch schaffen", sagt sie.

Sie ist auf dem besten Weg. Mit 13 steht sie in der U-15-Mannschaft des VfL, trainiert viermal in der Woche und wird regelmäßig in die Niedersachsen-Auswahl berufen. Dass Fußball für Frauen mal verboten war, kann sie sich nicht vorstellen. Sie sieht das mit einem erfrischend einfachen Blick auf die Welt: "Ob Männer oder Frauen: Wir machen doch das Gleiche, wir sind doch alle Menschen."

Der Ausblick

Lilly Damm wird vielleicht einmal zu jenen Frauen gehören, die auf ein Jahrhundert Frauenfußball in Deutschland zurückblicken werden. Was bis dahin zu tun bleibt? "Ein bisschen mehr Werbung müsste sein", sagt Christel Klinzmann. "Die Entwicklung geht nur über die Bundesliga-Mannschaften der Männer, da sind ganz andere finanzielle Möglichkeiten da."

Jubel bei den Frauen des VfL Wolfsburg © imago/foto2press Foto: Oliver Baumgart

AUDIO: Die Erfolgsgeschichte des VfL Wolfsburg (3 Min)

Sieben von zwölf Bundesliga-Teams bei den Frauen sind inzwischen unter dem Dach von Männer-Clubs aus der ersten Liga angesiedelt. Und was die fußballerisch zu bieten haben, sollte nach dem Geschmack von Alexandra Popp auch häufiger mal in der Primetime zu sehen sein, "zu Zeiten, wo auch wirklich Leute einschalten können, nicht wenn gerade mal was frei ist, um 14 oder 15 Uhr", sagt sie. Wenn die Frauen das hinnehmen, werde sich nie etwas ändern.

Wie Christel Klinzmann glaubt sie, dass die Profi-Clubs der Männer mehr Engagement im Frauenfußball zeigen müssten. "Schalke und Dortmund eröffnen gerade erst Frauenfußball-Abteilungen, die haben es jetzt auch mal verstanden", sagte die gebürtige Ruhrpottlerin. Auf die Erfolge des VfL Wolfsburg ist die Kapitänin stolz: "Der VfL hat wesentlich früher als andere erkannt, dass im Frauenfußball auch einiges möglich ist." Nun dürfe der Club jedoch nicht den Anschluss an die rasante Entwicklung in England, Spanien oder Frankreich verpassen: "Da sind wir mittlerweile an einem Punkt angekommen, wo auch der VfL Wolfsburg ein bisschen mehr tun muss als vielleicht in den letzten Jahren."

Weitere Informationen
Noelle Maritz (r.) vom VfL Wolfsburg © picture alliance/Pressefoto Baumann Foto: Hansjürgen Britsch

Spezial: 50 Jahre Frauenfußball - Geschichte einer Emanzipation

Am 31. Oktober 1970 ließ der Deutsche Fußball-Bund das Verbot für Frauenfußball fallen. Eine Erfolgsgeschichte begann. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 25.10.2020 | 23:35 Uhr

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