Stand: 22.06.2019 10:00 Uhr

Seglertraum vom Ocean Race: mit der "Einstein" über vier Ozeane

von Frauke Hain

Im Juni 2002 wurde in Kiel ein Kapitel deutsche Segelgeschichte geschrieben: Die Landeshauptstart war Ziel der letzten Etappe des Volvo Ocean Race - und das deutsche Boot "illbruck" gewann als erstes und bislang letztes deutsches Boot das Rennen um die Welt. Rund 300.000 Menschen empfingen damals die Flotte. Michael Illbruck, der damalige Eigner der Yacht, war mit dabei und erinnert sich an ein unvergessliches Erlebnis: "Kieler Leuchtturm und dann darunter zu segeln. Das war unsere Mondlandung."

Knapp 20 Jahre später will ein junger Kieler Segler an der Seite eines erfahrenen Skippers aus Berlin wieder mit einem deutschen Boot zum legendären Ocean Race. Zum Auftakt der Kieler Woche sind Phillip Kasüske und Robert Stanjek mit ihrem Boot nach Kiel gekommen. Das Boot ist noch jungfräulich weiß und sieht noch gar nicht aus wie eine typische Rennyacht. Bunte Werbeaufkleber fehlen noch - und dazu knapp acht Millionen Euro. Erst wenn die Finanzierung geklärt ist, steht der Teilnahme am Ocean Race nichts mehr im Weg.

Die Hochseeyacht hört auf den Namen "Einstein"

Angespannte Stimmung: Hält das alles?

Phillip Kasüske war bei der Überführung des Bootes mit an Bord. Rund 1.000 Seemeilen ging es von England nach Kiel - durch den Ärmelkanal, die Nord- und Ostsee, rund um Skagen. "Das Boot war für alle neu. Keiner wusste so genau: Wie weit können wir gehen? Hält das alles? Deshalb waren wir am Anfang alle ein bisschen angespannt. Aber das hat sich schnell gelegt, als wir das Boot kennengelernt haben", beschreibt er die Stimmung der vergangenen Tage. Das Boot ist eine 60 Fuß lange Imoca Rennyacht. Sie gehört zu den schnellsten und modernsten Einrumpfbooten der Welt. Und in den vergangenen Monaten wurde sie aufwändig umgebaut.

Bild vergrößern
Phillip Kasüske: 24-jähriger Sportsoldat aus Kiel.

Der 24-jährige Sportsoldat muss sich nicht nur an ein großes Boot gewöhnen. Es wird im Schichtsystem gesegelt: "In der Nacht ist man drei Stunden wach und muss alleine das Boot segeln und das dann wochenlang. Das ist schon eine andere Hausnummer." Bislang segelt Kasüske in der olympischen Bootsklasse Finn alleine ein viereinhalb Meter langes Boot. Ein Rennen dauert rund eine Stunde und davon werden während einer Regatte maximal drei am Tag gesegelt. Vor der Überfahrt hatte er ein mulmiges Gefühl, denn es war die längste Strecke, die er bislang je gesegelt ist. "Aber man kommt dann in so einen Tunnel. Und dann ist das ganz normales Bordleben", beschreibt er.

Starbootweltmeister will in die Fußstapfen der "illbruck" treten

Robert Stanjek aus Berlin hat Kasüske in sein Team geholt. Der 38-jährige ist der Teamkapitän. Sein Ziel ist es, ein deutsches Boot beim nächsten Ocean Race 2021/22 am Start zu haben. Dafür will er unter dem Namen Offshore Team Germany ein deutsches Team auf die Beine stellen und dieses wieder ins Hochsee-Segeln bringen. Und das auf seiner Imoca, die seit dem 21. Juni auf den Namen "Einstein" hört - getauft in Kiel. Die Verbindung zwischen Berlin und Kiel war Vorbild für diese Namensgebung, denn Albert Einstein segelte in beiden Städten.

Bild vergrößern
Skipper Robert Stanjek: Starbootweltmeister, zahlreiche internationale Titel und Platz sechs bei den Olympischen Spielen 2012.

Stanjek ist einer der erfolgreichsten deutschen Segler. Im Starboot feierte er seine größten Erfolge. Aber nach 2012 wurde seine Klasse aus dem Olympischen Programm gestrichen. "Mir ist die sportliche Bühne genommen worden. Das war gerade zu meiner Blütezeit. Wir waren damals Vizeweltmeister, dritter der Weltrangliste - waren das jüngste Team bei den Olympischen Spielen", beschreibt er seinen Frust von damals. Er wollte kein frühes Karriereende. Stanjek wechselte ins Offshore-Segeln und gründete seinen eigenen Rennstall. Jetzt baut er das Team auf, holt erfahrene Profis mit Offshore-Erfahrung dazu - denn auch er selbst muss noch viel lernen. Als Skipper verantwortet er am Ende, was auf dem Wasser passiert.

Ocean Race: Vier Ozeane, zehn Länder, sechs Kontinente

Das Ocean Race gilt als das spektakulärste Segelrennen rund um den Globus. Seit 1973 verbindet es alle Kontinente der Erde in einem Wettkampf. In neun Monaten geht es über vier Ozeane, mit Stopps in zehn Länder und auf sechs Kontinente. Die Crew an Bord besteht aus fünf Mitgliedern - darunter eine Frau. Über mehrere Wochen am Stück segelt sie die Yacht am Limit. Die 14. Ausgabe des Etappenrennens startet im Herbst 2021 im südspanischen Alicante. Im Sommer 2022 steht dann der Sieger fest. Auch Kiel möchte als Etappenstopp mit dabei sein. Voraussichtlich wird das Ocean Race Management noch diesen Sommer den genauen Rennverlauf bekanntgeben.

Abenteuer: Einmal um die Welt segeln

Stanjeks Augen strahlen, wenn er über das Ocean Race spricht: "Alle, die das schon gemacht haben, sagen - es treibt die Emotionen absolut in die Extreme - also krasses Leiden, aber auch riesige Freude." Diese Leidenschaft ist auch bei Michael Illbruck immer noch zu spüren: "Was für ein Hammer, was für eine Aufregung, was für ein Abenteuer - Gott sei Dank macht das mal einer", schwärmt er. "Man braucht Mut, weil so ein Ding kann auch schiefgehen. Da können Erwartungen auch nicht erfüllt werden."

Ein ganz langes Rennen ist weder Kasüske noch Stanjek bislang gesegelt. "Ich habe gehörigen Respekt davor, aber ich bin optimistisch, dass wir das cool packen. Und es wird eine geile Zeit", grinst der Berliner. Er freut sich auf sein Abenteuer, ist sich aber der Gefahr bewusst: "Man durchfährt auch Seegebiete, wo es überhaupt kein Notfallzugriff gibt. Man muss autark sein. Man muss mit der Mannschaft eine Unit sein - sich auf alle verlassen können."

Mehrere Wochen die Konzentration hochhalten

Bild vergrößern
Robert Stanjek (links) und Phillip Kasüske (rechts) wollen zusammen die Welt umsegeln.

Dafür braucht er zuverlässige Leute an seiner Seite - so wie Phillip Kasüske. "Er lernt extrem schnell. Und er wirft sich mit einem tierischen Engagement hier rein", sagt der Teamkapitän über Kasüke. Und der 24-Jährige hat schon gelernt, vorauf es ankommt: "Es ist im Vergleich zum olympischen Segeln der Marathon und kein Sprint. Man muss sich die Kraft viel besser einteilen, wenn man drei Wochen unterwegs ist. Am Ende kommt es darauf an, dass man sich gut verpflegt, die Konzentration hoch hält - auf Schlaf achtet." Für ein gutes Ergebnis müsse man auch nach mehreren Wochen immer noch konzentriert bei der Sache sein.

Kasüske ist als sogenannter Grinder einer der Jüngsten und Fittesten an Bord. "Ich weiß, was die Leinen machen und wie man alles bedient", beschreibt er seine Aufgaben. "Wenn die Segel getrimmt werden müssen, komme ich zum Einsatz. Oder wenn Manöver gefahren werden müssen. Die wichtigen Entscheidungen werden von anderen getroffen." Es werden harte Tage mit Sturm auf Stanjek und Kasüske zukommen. Phillip Kasüske hat noch keine großen Erwartungen. Sein großes Ziel vom Ocean Race scheint noch in weiter Ferne. Der 24-Jährige wirkt ruhig und sagt: "Ich freue mich riesig. Aber für mich ist es am Ende auch nur Segeln. Es ist kein Ausflug ins Weltall. Klar, es ist eine mega-krasse Sache. Aber am Ende auch ein Job, den man gut machen muss."

Zum Auftakt der Kieler Woche wird die "Einstein" das Welcome Race von Kiel nach Eckernförde segeln. Danach geht es für Robert Stanjek und Phillip Kasüske in den Ärmelkanal zum Fastnet Race - bevor die direkte Vorbereitung für das Ocean Race in die nächste Runde geht und die "Einstein" mit den Foils ihre Tragflächen bekommen wird.

Weitere Informationen

Kieler Woche: Die größte Party des Nordens

Sport, Spaß und Show auf der Kieler Woche 2019: Geschichten, Bilder und Videos - alles rund um das größte Volksfest an Land und auf dem Wasser finden Sie hier im Rückblick. mehr

Unsere Kieler-Woche-Highlights

Die Kieler Woche lockt jedes Jahr mit einem umfangreichen Programm zu Land und Wasser. Wir haben ein paar Highlights für jeden Tag - und jeden Geschmack - herausgesucht. mehr

Die Kieler Woche Tour - Audioguide von NDR SH

Segel- und Wassersport, Essen und Trinken, Konzerte und Kunst: Wir führen Sie über die Kieler Woche - mit Stadtplan und Geschichten zum Anhören in unserem Audioguide. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Sportreport | 22.06.2019 | 18:05 Uhr