Ein Mann mit Maske desinfiziert eine Eckfahne im Fußballstadion © imago images/PA Images

Immer mehr Fälle: Corona überrollt den Sport

Stand: 12.11.2020 21:15 Uhr

Corona stürzt den Sport im Eiltempo immer tiefer in die Krise. Vor allem die internationalen Wettbewerbe verschärfen die Situation. Die Profis fühlen sich wie Marionetten im Machtkampf zwischen nationalen Ligen und großen Verbänden.

von Matthias Heidrich

Die ganze Absurdität der derzeitigen Situation zeigt das Beispiel Domagoj Vida. Der Kapitän der kroatischen Fußball-Nationalmannschaft absolvierte am Mittwochabend die ersten 45 Minuten des Freundschafts-Länderspiels in Istanbul gegen die Türkei (3:3) mit einem positiven Corona-Befund - unwissentlich. Bei der eigentlichen Testreihe für das Spiel war der Abwehrspieler noch negativ gewesen. Bei weiteren Abstrichen am Mittwochmorgen wurde der 31-Jährige dann positiv getestet, wie auch ein Mitglied des kroatischen Betreuerstabes. Diese Ergebnisse trafen zur Pause der Partie gegen die Türken ein. Vida, ohnehin für eine Auswechslung vorgesehen, ging vom Platz und wurde direkt isoliert.

Zu spät möglicherweise. Zusammen mit dem Profi von Besiktas Istanbul standen auch Josip Brekalo und Marin Pongracic vom VfL Wolfsburg auf dem Feld und teilten zuvor die Kabine mit ihrem Kapitän. Bei den Türken spielte der Schalker Ozan Kabak mit. Die Bundesliga dürfte entsprechend alarmiert sein.

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Mittlerweile vier Handball-Nationalspieler positiv

Es ist offensichtlich: Die unzähligen Testreihen und Hygienekonzepte können den Profisport bei steigenden Infektionszahlen insgesamt nicht mehr ausreichend schützen. Das Coronavirus findet seinen Weg, sticht in der zweiten Welle munter Löcher in die "Blasen", die bei genauerer Betrachtung ohnehin keine sind. Vor allem, wenn Profis quer durch Europa reisen.

"Es war fast zu erwarten, dass da etwas passiert", sagte Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), dem NDR. "Das erschwert unseren Ritt auf der Rasierklinge, den wir schon seit Anfang Oktober machen." Bei der deutschen Handball-Nationalmannschaft haben sich neben Torwart Johannes Bitter (TBV Stuttgart) auch Marian Michalczik (Füchse Berlin), Juri Knorr (GWD Minden) und Finn Lemke (MT Melsungen) infiziert. Die Kritik an den internationalen Spielen wächst. Dierk Schmäschke, Geschäftsführer der SG Flensburg-Handewitt, sieht die Profis in ihren Vereinen "in einem stärker abgeschotteten Umfeld", als das bei den Nationalmannschaften möglich ist.

VIDEO: HBL-Boss Bohmann: "Die Alarmstufe ist Gelb" (5 Min)

Viele Spielabsagen und komplette Teams in Quarantäne

Allerdings häufen sich auch die Fälle bei Spielern, die nicht international im Einsatz sind. So wie in der Dritten Liga im Fußball oder in der Basketball-Bundesliga. Die Folge: zahlreiche Spielabsagen und komplette Teams in Quarantäne - zu Hause bei ihren Familien, sozusagen in ihren privaten "Blasen", die ebenso löchrig sind. Gut möglich zudem, dass sich die Lage in den kommenden Monaten noch weiter verschärft. Denn der Winter ist noch lang, und die Experten prophezeien mit Blick auf die Infektionszahlen, dass er hart wird.

"Pandemie trifft uns nun knüppelhart"

Der Profisport wirkt rat- und hilflos. "Für mich ist unerklärlich, was Ursache der Infektion ist", sagte Handball-Nationalspieler Johannes Bitter nach seinem positiven Test: "Wir haben uns während des gesamten Lehrgangs sehr sicher gefühlt. Die Abläufe waren sehr gut und professionell." Ähnliches ist aus Hoffenheim zu hören. Die komplette Mannschaft des Fußball-Bundesligisten ist nach zahlreichen positiven Fällen in Quarantäne. "Wir halten uns seit Monaten akribisch und gewissenhaft an das Hygienekonzept. So kamen wir über Monate ohne einen einzigen positiven Fall durch die Pandemie, die uns nun knüppelhart trifft", sagte Hoffenheims Direktor Profifußball Alexander Rosen.

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Eine Hand hält einen Handball. © Imago/Oliver Zimmermann Foto: Oliver Zimmermann

Handball-Bundesliga droht ein Termin-Chaos

Die Corona-bedingten Spielausfälle machen den Handball-Kalender noch enger. Ligachef Bohmann sieht wenig Raum für Nachholtermine. mehr

Die Handball-Bundesliga (HBL) hat bereits reagiert und vorsorglich mehrere Ligaspiele abgesagt. Was das nächste Problem mit sich bringt: Im Terminkalender wird es eng, vielleicht sogar zu eng. "Wir können nicht allzu viele Spiele nachholen. Wenn alle Wettbewerbe ausgetragen werden wie geplant, dann haben wir nur ganz wenig Raum", erklärte Bohmann. Der Fußball-Bundesliga könnte nach der Rückkehr der zahlreichen Nationalspieler ein ähnliches Szenario drohen. Allein der VfL Wolfsburg hat zurzeit zehn Internationale im Einsatz.

Handball-WM im Januar zu verantworten?

Die HBL stellt ob des hoffnungslos überfüllten Terminkalenders nun sogar die Mega-Weltmeisterschaft im Januar in Ägypten in Frage (14. bis 31. Januar). "32 Mannschaften aus der ganzen Welt mit unterschiedlichen Hygienekonzepten und auch einer unterschiedlichen Wahrnehmung, wie man mit so einer Pandemie umgeht, das muss man schon auf dem höchsten Level harmonisieren", so Bohmann. "Wenn das nicht funktioniert, dann muss man sich die Frage stellen, ob das zu verantworten ist."

"Langsam kommt der Zeitpunkt, das Fass WM wieder aufzumachen." THW-Geschäftsführer Viktor Szilágyi

Für die Internationale Handballföderation (IHF) hängen an der WM in Ägypten allein 30 Millionen Euro Einnahmen durch Fernsehverträge. Dazu kommen Sponsorenzahlungen. Geld, das zum Teil auch wieder an die nationalen Verbände zurückfließt. Im Fußball sind noch ganz andere Summen im Spiel. Die UEFA nimmt durch die Nations League dreistellige Millionenbeträge ein. Auch hier partizipieren die nationalen Verbände wie der DFB.

Bohmann: "Keimzelle des Handballs ist der Clubhandball"

Für Bohmann ist klar, dass die Ligen Vorfahrt haben: "Die Keimzelle des Handballs ist der Clubhandball. Da verdienen die Spieler ihren Lebensunterhalt. Das ist das Brot- und Buttergeschäft", sagte der HBL-Geschäftsführer. "Alle anderen Wettbewerbe sind aus meiner Sicht Sahnehäubchen, die man am Ende vielleicht zum Überleben nicht braucht."

Aber was ist tatsächlich wichtiger? Es ist absehbar, dass die bereits begonnenen Machtkämpfe zwischen nationalen Ligen und internationalen Verbänden zunehmen werden. Das Beispiel Vida offenbart das Motto im Fußball: "The show must go on". Denn während der kroatische Nationalmannschaftskapitän seine Quarantäne nun in Istanbul absolviert, soll der Rest des Teams wie geplant nach Stockholm reisen. Dort steht am Sonnabend für die Kroaten die Nations-League-Partie gegen Schweden an.

Kroos: "Sind nur die Marionetten der FIFA und UEFA"

"Es geht hier um die Gesundheit der Spieler und auch aller anderen Beteiligten. Erst dahinter kommen die Fragen: Wie können wir unsere Liga spielen und wie können die Clubs überleben?", sagte Bohmann. Fußball-Weltmeister Toni Kroos hat einen anderen Eindruck: "Am Ende der Tage sind wir als Spieler nur die Marionetten von FIFA und UEFA, um alles rauszusaugen. Da wird ja keiner gefragt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 12.11.2020 | 23:03 Uhr

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