Stand: 08.06.2020 09:37 Uhr

Gegen Rassismus: Der Sport geht auf die Knie

von Andreas Bellinger, NDR.de
Zeichen gegen Rassismus: Die Spieler von Werder Bremen und Wolfsburg knien vor dem Anpfiff der Bundesliga-Partie am Mittelkreis. © Witters Foto: Valeria Witters
Die Werder- und Wolfsburg-Profis setzten mit ihrem gemeinsamen Kniefall ein Statement gegen Rassismus.

Fußballer sinken auf ein Knie und zeigen dem Rassismus die Rote Karte. Die Basketball-Bundesliga (BBL) spielt ihr Saisonfinale unter dem Hashtag "United against Racism". Und die Funktionäre beugen sich den weltweiten Protesten nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd - und verzichten auf die üblichen Sanktionen. "Sich gegen Rassismus zu stellen, ist kein politisches Statement, sondern ein Grundwert", sagt Marvin Willoughby im NDR Sportclub. "Eine menschliche Einstellung und Zeichen dafür, wie wir miteinander umgehen." Die Spieler der Hamburg Towers würde der Sportliche Leiter und Geschäftsführer der Basketballer aus dem Stadtteil Wilhelmsburg niemals sanktionieren: "Diese Haltung ist erbeten."

Genug ist genug

Der globale Aufschrei ist nicht mehr zu überhören. Allein in Deutschland demonstrierten am Wochenende trotz Corona-Verboten zigtausend Menschen in 25 Städten. "Eine breite Masse ruft, 'enough is enough' (genug ist genug)", sagt Willoughby und lächelt zufrieden, weil das Thema nicht länger totgeschwiegen wird. "Und wenn gerufen wird 'no justice - no peace' (keine Gerechtigkeit - kein Frieden), ist das schließlich keine Drohung, sondern Verzweiflung, Trauer."

Nowitzkis Angst um seine Kinder

Bisweilen gesellt sich sogar Furcht hinzu, die sein in Texas lebender früherer Nationalmannschafts-Kollege Dirk Nowitzki bei Twitter so beschreibt: "Ich bin am Boden zerstört und traurig, dass wir so etwas immer und immer wieder sehen. Ich habe Angst um die Zukunft meiner Kinder." Willoughby kann die Sorgen gut verstehen. "Dirk hat mit mir gemeinsam, dass unsere Kinder nicht blond und blauäugig sind, sondern dass sie mit Farbe auf der Haut aufwachsen werden."

Kehrtwende der Basketball-Bundesliga

Von Dortmund bis Bremen, wo sich die Bundesliga-Kicker vor dem Geisterspiel gegen den VfL Wolfsburg (0:1) in Leibchen mit der Aufschrift "Klare Kante gegen Rassismus" aufwärmten, waren die Arenen zwar leer. Doch die Botschaft blieb nicht ungehört in einer Sport-Welt, in der viele Top-Ligen eine Corona-Zwangspause einlegen müssen. "Wir werden die Haltung der Basketball-Bundesliga deutlich adressieren", kündigte Geschäftsführer Stefan Holz vor dem am Wochenende gestarteten Finalturnier an. Nachdem er eine 180-Grad-Wendung hingelegt und sich von dem Grundsatz, dass "politische Äußerungen im Ligabetrieb verbal oder non-verbal nicht gestattet sind", verabschiedet hatte.

DFB-Präsident als später Fürsprecher

Tatsächlich verbieten der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und andere Verbände laut Statut politische Aktionen und Zeichen des Protests auf der Spielkleidung, wie sie nach dem Tod Floyds vielfach zu sehen waren. Der 46-Jährige war bei einem brutalen Polizeieinsatz in den USA gestorben. DFB-Präsident Fritz Keller äußerte "Respekt und Verständnis für die Aktionen der Spieler" und kündigte an, dass der Verband auch weitere Aktionen dieser Art nicht sanktionieren werde.

Büchse der Pandora geöffnet?

Eine nicht unumstrittene Haltung, wie der Sportrechts-Experte Jan F. Orth in der "Frankfurter Allgemeinen Zeiten" ausführt. "Die Basketball-Bundesliga, der DFB und die anderen Verbände öffnen die Büchse der Pandora - die werden sie nicht mehr schließen können." Natürlich sollten die Spieler nicht bestraft werden, sagt der Professor von der Uni Köln. "Wenn man Meinungsäußerungen aber genehmigen will, muss man die Regeln ändern", so der Vorsitzende Richter am Kölner Landgericht. Und: "Wenn man darüber entscheiden möchte, was zulässig und was unzulässig ist, muss man dafür ein Gremium bestimmen."

Lückenkemper: Aus für Maulkorb bei Olympia 

Die Regeln ändern? Das fordert auch Top-Sprinterin Gina Lückenkemper und plädiert für freie Meinungsäußerung auch in den Sportstätten der Olympischen Spiele. "Gerade bei einem so wahnsinnig wichtigen Thema wie aktuell der Rassismus-Debatte." Die Sportler hätten die Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen, so die EM-Zweite von 2018 im ZDF-Sportstudio. Doch laut Regel 50 der Olympischen Charta des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sollen das olympische Dorf sowie die Austragungsstätten "frei von Werbung oder jeglicher Art von Demonstrationen oder politischer, religiöser und rassistischer Werbung" bleiben.

DOSB will meinungsstarke Athleten

Dabei wünscht sich Alfons Hörmann meinungsstarke Athleten. Wenn inakzeptable Themen weltweit passierten, "ist es nicht nur das gute Recht, sondern die Pflicht des Sports, die Stimme zu erheben", sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) im ARD-Morgenmagazin. "Sagt das, was Ihr denkt, zeigt das, was Ihr empfindet." Für die 23-jährige Lückenkemper ist das keine Frage: "Sport verbindet, und gerade diese Macht, die der Sport an der Stelle hat, die sollten wir nutzen, und da sollten wir auch das Recht zu haben."

Willoughby und Esume kennen den "kleinen Rassismus"

"Wer behauptet, dass es Polizeigewalt gegen Minderheiten oder Rassismus an sich nicht gibt, der guckt nicht hin", sagt der für sein soziales Engagement mehrfach ausgezeichnete Willoughby.

Auch American-Football-Experte Patrick Esume kennt ihn, den "kleinen Rassismus, den wir überall erfahren - nicht täglich, aber viel zu oft". Rassistische Gewalt gebe es natürlich auch in Deutschland, so der 46-Jährige aus Hamburg, der momentan bei den Zweitliga-Fußballern des HSV hospitiert. "Ich glaube, dass in jedem Menschen drin sein muss", so Chef-Trainer Dieter Hecking, "dass auszuschließen ist, Menschen mit anderer Hautfarbe zu diskriminieren".

Kaepernick und die Folgen seines Kniefalls

Die Geste des friedlichen Protestes hat ihren Ursprung 2016 im American Football. Der Quarterback der San Francisco 49ers, Colin Kaepernick, kniete damals nieder, während die amerikanische Hymne gespielt wurde. Es brachte ihm viel Ärger ein und wenig Unterstützung. Seit 2017 ist er ohne Vertrag in der NFL. "Der Grund ist", so Esume, "dass der Präsident der Vereinigten Staaten (Donald Trump/d.Red.) immer von Rassismus umgelenkt hat zu mangelndem Respekt vor dem Militär und der Nationalflagge - was nichts miteinander zu tun hat."

Zivilcourage bitter nötig

Tatsächlich reichen Gesten nicht aus, rassistische Anfeindungen, verbale Übergriffe und mehr zu verhindern, meint der Trainer von Fußball-Zweitligist VfL Osnabrück, Daniel Thioune, dessen Vater aus dem Senegal stammt, im Podcast der NDR 2 Bundesligashow. Im vorigen Jahr kam es laut Bundesinnenministerium in Deutschland zu 7.909 rassistischen Straftaten - drei Prozent mehr als 2018. Rassismus sei längst noch nicht verschwunden, Zivilcourage bitter nötig. Thioune: "Die Frage ist, wie wir damit als Gesellschaft umgehen."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 07.06.2020 | 23:05 Uhr

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