Stand: 11.03.2020 13:22 Uhr

Coronavirus: Wirtschaftliche Schäden für die Nordclubs

von Christian Görtzen, NDR.de

Ließe sich die Enttäuschung der norddeutschen Sportfans adressieren - das Coronavirus würde niedergepfiffen und ausgebuht werden. Das grassierende Virus Sars-CoV-2 sorgt auch im Sport für Absagen, Verschiebungen und Veranstaltungen unter Ausschluss der Zuschauer. Geisterspiele und sogar der Abbruch von Meisterschaften sind die Folge. So traurig und frustrierend das für die Fans ist - für die Vereine ergibt sich durch das Coronavirus ein enormer wirtschaftlicher Schaden.

Eishockey: Drastische Maßnahme der DEL

So weitreichend wie im Eishockey ist bislang noch keine andere Entscheidung getroffen worden.

Am Dienstag um 18:04 Uhr lief die Meldung über den Nachrichtenticker, dass die Deutsche Eishockey Liga (DEL) die Play-offs um die 100. deutsche Meisterschaft Meisterschaft abgesagt hat. Es gibt somit keinen deutschen Meister 2020. Diese drastische Maßnahme trifft auch zwei norddeutsche Vereine - die Fischtown Pinguins Bremerhaven, die mit dem direkten Einzug in die Play-offs gerade erst den größten Erfolg ihrer Vereinshistorie gefeiert hatten, und die Grizzlys Wolfsburg, die von Mittwoch an eigentlich in den Pre-Play-offs gegen die Nürnberg Ice Tigers spielen sollten.

Einnahmeverluste für Grizzlys und Pinguins

Die DEL entschied sich gegen Geisterspiele. Die finanziellen Folgen wären bei Play-offs ohne Fans noch größer gewesen. Die Clubs hätten nur Kosten, aber keine Einnahmen gehabt. Bruttoeinnahmen von 60.000 bis über 200.000 Euro fallen pro Spiel allein durch den Ticketverkauf weg. "Natürlich zieht das einen Schaden nach sich, woanders geht es allerdings noch um wesentlich mehr Geld", sagte Wolfsburgs Manager Karl-Heinz Fliegauf. Zu den Grizzlys kamen in der Vorrunde im Schnitt nur 2.888 Fans.

Bei den Pinguins waren es dagegen in der Hauptrunde immerhin 4.484 Zuschauer gewesen. Dennoch bewerteten die Bremerhavener die sportlichen Folgen drastischer als die finanziellen: "Wir hätten das Zeug gehabt, für eine Überraschung zu sorgen", sagte Teammanager Alfred Prey, wirtschaftlich sei der Saison-Abbruch "nicht verheerend".

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Unterklassigen Eishockey-Clubs droht die Pleite

Womöglich gar als existenzbedrohend könnte sich die Corona-Krise für unterklassige Clubs erweisen - Oberligist Hamburg Crocodiles etwa befand sich vor einem Jahr erst in einem Planinsolvenzverfahren und muss folglich genau kalkulieren. Für die Spiele der am Freitag beginnenden Play-offs müssen die Crocodiles unter anderem Hallenmiete, Reise- und Übernachtungskosten aufbringen. Ohne Zuschauereinnahmen droht fast allen Clubs der Liga die Pleite. "Bevor wir in einer leeren Halle spielen, spielen wir dann lieber gar nicht", meinte Crocodiles-Geschäftsführer Sven Gösch.

Fußball: Werder beklagt Ausfall im siebenstelligen Bereich

Anders als im Eishockey wird es im Fußball in den nächsten Wochen reihenweise Geisterspiele geben. Für die Clubs hat dies ebenfalls erhebliche wirtschaftliche Folgen.

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Geisterspiele: Werder-Boss fordert einheitliche Lösung

Die wirtschaftlichen Folgen durch den Zuschauerausschluss gegen Leverkusen bezeichnete Hubertus Hess-Grunewald, Präsident von Werder Bremen, als immens. Es gehe um eine siebenstellige Summe. mehr

Nach Informationen von Radio Bremen betrugen bei Bundesligist Werder Bremen im vergangenen Geschäftsjahr die Einnahmen aus dem Spielbetrieb 28,2 Millionen Euro. Jedes Heimspiel spülte durchschnittlich rund 1,5 Million Euro in die Vereinskasse. Eine Ausfallversicherung für Spielabsagen oder Zuschauerausschlüsse hat Werder nicht. Ein Geisterspiel gegen Leverkusen bedeutet Mindereinnahmen in Millionenhöhe. "Wir erstatten die Tagestickets und finden eine faire Lösung mit Dauerkarteninhabern und Partnern. Die wirtschaftlichen Folgen liegen im siebenstelligen Bereich. Es geht jetzt darum, die Folgen abzumildern", sagte Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald.

Holstein-Boss: "Sehr schmerzhaft"

Die Anordnung zu Geisterspielen reißt auch bei Zweitligist Holstein Kiel eine Lücke im Etat auf. "In wirtschaftlicher Hinsicht ist ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit für alle Vereine, so auch für die KSV Holstein, sehr schmerzhaft", wird Holstein-Präsident Steffen Schneekloth auf der Club-Homepage zitiert. Die "Störche" erwarten am 21. März den Tabellenzweiten VfB Stuttgart - unter normalen Bedingungen wäre die Partie wohl ausverkauft gewesen. "Die Entscheidung der Landesregierung schafft zwar eine Klarheit. Allerdings hätten wir uns gewünscht, dass die jeweilige Entscheidung, wie auch im Infektionsschutzgesetz vorgesehen, von der zuständigen örtlichen Gesundheitsbehörde getroffen worden wäre, da die Verhältnisse nach wie vor regional sehr unterschiedlich sind. Oder aber, dass aus Gründen der sportlichen wie wirtschaftlichen Wettbewerbsgleichheit eine bundesweit einheitliche Handhabung, unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu spielen, beschlossen worden wäre."

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Dritte Liga: DFB beschäftigt sich auch mit Saisonabbruch

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus hat der Deutsche Fußball-Bund die kommenden zwei Spieltage der Dritten Liga abgesagt. Auch mit einem Saisonabbruch beschäftigt sich der DFB. mehr

Spielergewerkschaft fordert Solidarität mit kleinen Clubs

Die Spielergewerkschaft FIFPro forderte am Mittwoch Solidaritätsmaßnahmen im Profifußball, um nicht die Grundlage des Geschäfts zu gefährden. "Spiele ohne Zuschauer und Absagen treffen vor allem kleinere und mittlere Klubs finanziell. Die Fußball-Industrie sollte daher außerordentliche solidarische Maßnahmen in Erwägung ziehen und betroffene Klubs unterstützen, zum Beispiel durch finanzielle Hilfen oder Vorschusszahlungen", hieß es in einer Mitteilung von FIFPro.

Existenzsorgen im Handball

Im Handball gehe es um "existenzielle Fragen", wie Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), erklärte.

"Es geht nicht nur um drei oder vier Heimspiele. Die Clubs sind aus gutem Grund sehr angespannt", sagte Bohmann. "Anders als im Profifußball verdienen unsere Clubs ihr Geld in erster Linie aus Sponsoring und Ticketing." Der Erlös aus Eintrittskarten macht rund ein Viertel des Etats der Bundesliga-Clubs aus. Bis zum 10. April sind in Schleswig-Holstein Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Zuschauern verboten - in den Zeitraum fallen zwei Flensburger Heimspiele und das Topduell des THW Kiel mit dem SC Magdeburg.

Dierk Schmäschke, Geschäftsführer des amtierenden deutschen Meisters SG Flensburg-Handewitt wurde auf der Club-Homepage wie folgt zitiert: "Die wirtschaftlichen Folgen dieser Entscheidung der Landesregierung sind derzeit für die SG nicht vollumfänglich absehbar." Oberstes Ziel sollte es sein, die laufende Saison in der HBL und in der Champions League möglichst so zu beenden, dass ein Überleben aller teilnehmenden Vereine gewährleistet werden könne. "Dazu bedarf es Besonnenheit, ein hohes Maß an Solidarität und klare Kommunikation auf allen Ebenen. Auch der Staat seitens des Bundes und der Länder muss hierbei seiner Verantwortung nachkommen, die wirtschaftliche Lage der Vereine abzusichern." Die HBL trifft sich am Montag, um über Maßnahmen zu beraten.

Unklare Situation im Basketball

Im Basketball gehe es "ans Eingemachte", wie Stefan Holz, der Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga (BBL), sagte. "Wenn die Spieltagserlöse wegbrechen, funktioniert das nicht." Die BBL kommt bereits am Donnerstag am Stuttgarter Flughafen zu einer Krisensitzung zusammen. "Wir haben noch keinen Beschluss gefasst. Es wird keine hundertprozentige Lösung geben", sagte Holz: "Jede Lösung ist irgendwie schlecht, wir müssen abwägen." In der BBL wird rund ein Drittel der Etats mit Spieltagseinnahmen bestritten. Wie es nun weitergeht, ist noch nicht klar. Gleich fünf norddeutsche Clubs spielen in der BBL: Baskets Oldenburg, SC Rasta Vechta, BG Göttingen, Löwen Braunschweig und Hamburg Towers. Letztgenannter Club plant, sein Heimspiel am Sonntag (15 Uhr) gegen Ulm unter erhöhten Hygienestandards mit Zuschauern stattfinden zu lassen.

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Sport aktuell | 11.03.2020 | 11:25 Uhr