Stand: 03.05.2013 19:42 Uhr  - 45 Min  | Archiv

"Senioren-TÜV" ab 60?

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Eine jährliche medizinische Untersuchung von Autofahrern ab 60 hält Stefanie Jeske für sinnvoll.

Laut Statistischem Bundesamt stieg die Zahl der Unfälle, in die Senioren verwickelt sind, von 2001 bis 2011 um fast 32 Prozent. Wie könnte solchen Unfällen vorgebeugt werden, brauchen wir einen "Senioren-TÜV" und wie sollten sich Unfall-Versursacher gegenüber den Unfall-Opfern verhalten? Diese und andere Fragen hat die Gründerin des Opfer-Hilfevereins "subvenio e.V.", Stefanie Jeske, im Interview mit NDR.de beantwortet.

Wie könnte die Zahl der Opfer von Unfällen, die von Senioren verursacht werden, gesenkt werden?

Stefanie Jeske: Da gibt es mehrere Maßnahmen, die helfen könnten, solche Unfälle zu vermeiden:

  • Eine jährlicher Fahrtauglichkeitscheck samt Nachweispflicht gegenüber der Führerscheinstelle. Dieser sollte auf einer medizinischen Untersuchung basieren, aber natürlich aus Datenschutzgründen keine Diagnosen enthalten.
  • Eine umfassendere Aufklärung von Auswirkungen diverser Medikamente auf die Fahrtauglichkeit. Idealerweise müssten die direkt von den Pharmaunternehmen kommen und gut sichtbar auf den Verpackungen platziert sein.
  • Auch eine deutlichere Beschilderung und eine verbesserte Verkehrsführung könnten helfen. Stichwort Schilderwald: Es ist ja oft so, dass wahrscheinlich auch die älteren Verkehrsteilnehmer davorstehen und sich fragen, was denn nun gemeint ist. Auch mehr Tempo-30-Zonen und Kreisverkehre erscheinen uns sinnvoll.

Warum brauchen wir einen "Senioren-TÜV"?

Jeske: Weil die subjektive Einschätzung weit von der Realität entfernt sein kann und zudem alles, was nicht reglementiert ist, selten von sich aus gefördert wird.

Ab welchem Alter sollte eine solche Überprüfung eingeführt werden und wie häufig sollte sie stattfinden?

Jeske: 60 Jahre scheint uns ein sinnvolles Alter zu sein, um damit anzufangen. Denn manche fangen auch dann schon an, abzubauen. Wir sprechen uns zudem für eine jährliche Überprüfung aus. Ein Zeitraum von beispielsweise fünf Jahren wäre zu lang, da bereits in einem Jahr viel passieren kann. Sämtliche Eventualitäten sind hier selbstverständlich schwer zu berücksichtigen.

In anderen europäischen Ländern gibt es bereits bindende Tests. Warum gibt es die Ihrer Meinung nach in Deutschland nicht?  

Jeske: Nach unserer Ansicht versteckt sich der deutsche Gesetzgeber gern hinter der "Autofahrernation Deutschland". Insbesondere wirken jedoch auch Interessenverbände darauf hin, dass notwendige Schritte unterbleiben, die zu mehr Verantwortung der Verkehrsteilnehmer führen. So wird beispielsweise die Notwendigkeit einer solchen regelmäßigen Fahrtauglichkeitsfeststellung bestritten. Es wird allerdings verkannt, dass der Gesetzgeber Autofahren unter einen Erlaubnisvorbehalt, nämlich der Fahrerlaubnis, gestellt hat und somit weit engere Anforderungen durchaus möglich sind, ohne gegen die Grundrechte des einzelnen Bürgers zu verstoßen. Weit wichtiger ist der Schutz der körperlichen Unversehrtheit sowie des Lebens.

Die Tauglichkeitsprüfungen sollten sich unserer Meinung nach jedoch nicht ausschließlich auf Senioren beschränken. Ebenso wäre zum Beispiel auch die Auffrischung der Ersten-Hilfe-Maßnahmen sowie Fahrsicherheitstrainings für alle Verkehrsteilnehmer mindestens alle zwei Jahre notwendig.

"subvenio e.V."

Der Opfer-Hilfeverein sieht sich als eine Art Weißer Ring, aber eben für Unfall-, nicht für Gewaltopfer. Stefanie Jeske hat ihn 2009 gegründet, nachdem sie selbst Opfer einer Hundeattacke geworden war. "Subvenio" berät Betroffene und sieht einen weiteren Teil seiner Aufgabe darin, aufzuklären und gesetzliche Veränderungen zu erwirken. Bisher arbeiten alle Mitarbeiter des Vereins ehrenamtlich.

Was können Unfall-Verursacher für die Opfer und ihre Angehörigen tun?

Jeske: Wir hören immer wieder, wie betroffen es Opfer und ihre Angehörigen macht, dass sich Verursacher überhaupt nicht dafür interessieren, wie es ihnen geht. Weder werden sie in ihren Augen ausreichend bestraft noch zeigen sie in irgendeiner Art und Weise Reue, für das, was sie getan haben. Dabei handelt es sich übrigens nicht nur um Senioren, das gilt generell für die meisten Verursacher von Un- oder Schadensfällen. Das hat unterschiedliche Gründe. Manch einer ist total unsicher und weiß nicht, will derjenige überhaupt von mir hören. In den meisten Fällen ist es so, dass die Leute Angst haben, selbst Nachteile davon zu haben, weil sie glauben, dass die Versicherung nicht zahlt, wenn sie ein Schuldanerkenntnis geben.

Insgesamt sollten Menschen, die andere geschädigt haben, Verantwortung dafür übernehmen und Anteilnahme zeigen. Die Verursacher könnten einen Brief schreiben oder sich an Vereine wie unseren wenden, damit diese dann bei den Unfallopfern als unabhängige "Partei" vorfühlen und bei Bedarf den Kontakt herstellen. Und zur Anteilnahme kann auch eine konkrete Unterstützung gehören, wie etwa einem Unfallopfer Hilfe beim Einkaufen anzubieten. Für diese alltäglichen Dinge müssen Betroffene nicht selten einen Dienstleister beauftragen und bezahlen.

Was ist nach einem Unfall zu beachten?

- Zeugen ansprechen und Kontaktdaten aufschreiben.
- Ein fremdverschuldeter Unfall, egal welcher Art, sollte immer polizeilich aufgenommen werden.
- Dokumentation: Fotos machen und alles aufschreiben, alles belegen.
- Arztbesuche: Dafür sorgen, dass alle Arztberichte lückenlos sind und sich auf den Unfall beziehen.
- Dann sollten Sie sich immer rechtlichen Rat einholen.
- Nutzen Sie niemals den Service der Versicherungen, die dann behaupten, 'Wir regeln das schon alles für Sie'. Die Versicherung wird niemals alle Schadenpositionen freiwillig nennen, die das Unfallopfer geltend machen kann.

Tipps von "subvenio e.V."

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 17.03.2014 | 22:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/senioren-tuev-ab-60,tuev201.html

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