Stand: 21.09.2015 09:28 Uhr  | Archiv

Schweinefleisch zu Dumpingpreisen

von Claus Hesseling

Niedersachsen ist Schweineland

Fast nirgendwo in Deutschland leben mehr Schweine als in den Kreisen Cloppenburg, Vechta und Emsland. Allein im Landkreis Emsland sind es über 1,3 Millionen - bundesweiter Rekord. Der Kreis Cloppenburg ist bei der Schweinedichte Spitzenreiter: Dort kommen auf jeden Einwohner statistisch gesehen 7,9 Schweine. Neben Nordrhein-Westfalen ist Niedersachsen das Schweineland schlechthin, auf jeden Einwohner kommt mindestens ein Schwein. Bei der letzten Zählung 2010 waren es 8,42 Millionen.

Dass diese Region sich auf die Tierzucht spezialisiert hat, liegt in der Geschichte begründet. Das katholisch geprägte Oldenburger Münsterland hatte eine andere Erbschaftsregelung als der Rest Niedersachsens. Durch Teilungen entstanden kleine Höfe, die mit Ackerbau allein nicht überleben konnten. Deswegen mussten sie sich spezialisieren - auf die Haltung von Schweinen, Kühen und Geflügel.

Immer mehr Großmastanlagen

Die offiziellen Zahlen des Landesamt für Statistik Niedersachsen zeigen aber auch: Der Strukturwandel in der Landwirtschaft ist in vollem Gange. Das Bild ist eindeutig. Viele kleine Höfe werden aufgegeben und müssen Groß-Mastanlagen weichen. Gab es bei der Zählung 1999 noch über 24.000 Betriebe mit Schweinehaltung in Niedersachsen, waren es 2010 nur noch knapp 11.000 Betriebe. Gleichzeitig stieg die Zahl der Schweine von 7,5 Mio auf 8,4 Millionen.  

Schlachtkonzerne beherrschen den Markt

16,8 Millionen Schweine wurden 2014 in Norddeutschland geschlachtet. Das ist eine deutliche steigende Tendenz, 1998 waren es nur rund 9,5 Millionen. Und laut den ersten Quartalsberechnungen des Statistischen Bundesamts könnte 2015 ein Rekordjahr in der Schweineproduktion und -Schlachtung werden.

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Schlachten im Akkord: Die meisten Tiere werden in Großschlachtereien getötet und weiterverarbeitet.

Nicht nur die Aufzucht und Mast, auch die Fleischverarbeitung hat sich zu einem Wirtschaftszweig entwickelt, der immer mehr von Großbetrieben und Konzernen beherrscht wird. Kleine Schlachter müssen ihr Geschäft aufgeben, weil es sich nicht mehr lohnt oder sie keinen Nachfolger finden. Die Top 10 der Schlachtkonzerne teilen sich 75 Prozent der Schlachtmenge für Schweine. Ganz vorne sind die Tönnies-Gruppe, Vion Food, Westfleisch und Danish Crown. 2010 haben die Dänen mit der D&S Fleisch GmbH in Essen (Oldenburg) einen der größten deutschen Schlachthöfe übernommen. Laut Angaben des Unternehmens schlachten dort 1.300 Mitarbeiter rund 64.000 Schweine pro Woche.

Durch ihre Konzentration in den vergangenen Jahren haben die Schlachtkonzerne eine enorme Marktmacht und können dadurch die Erlöse für die Bauern drücken. Der Umsatz der Fleischbranche mit ihren 105.700 Beschäftigten betrug in 2013 über 40  Milliarden Euro, davon 27 Prozent im Auslandsgeschäft. Knapp 60 Prozent des Schweins wird als Fleisch-, Wurst- oder ähnliche Produkte verkauft, der Rest wird in der Industrie verwendet. Am Ende bleibt vom Schwein fast nichts mehr übrig.

Was kann der Verbraucher tun?

Fleisch aus artgerechter Haltung schafft es nur sehr selten in den Discounter. Wer Landwirte unterstützen möchte, kann versuchen, direkt beim Landwirt in der Nähe oder beim ortsansässigen Metzger zu kaufen. Das wird aber immer schwieriger, da die kleinen Schlachtereien auf dem Land preislich mit den Konzernen nicht mithalten können oder keine Schlachtmöglichkeiten mehr finden. Die Chance ist groß, auf dem Wochenmarkt noch Fleisch zu finden, das in der Region produziert wurde. Das muss nicht immer ein Bio-Siegel tragen, wobei die Haltung bei Bio-Ware in der Regel strenger kontrolliert wird.

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