Stand: 02.05.2016 14:56 Uhr  | Archiv

Gefährliches Nervengift im Honig

von Alexa Höber, Steffen Eßbach
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An der Produktionsstätte Honigwabe sollte die Welt eigentlich in Ordnung zu sein. (Themenbild)

Reportern von Markt gelang es jedoch in mehreren Fällen, nicht mehr zugelassene Konzentrate noch nach dem 21. Februar 2016 im Internet problemlos zu erwerben. Eine Online-Händlerin, die Markt belieferte, sagte dazu, dass weder sie noch ihr Großhändler über den Widerruf der Zulassung informiert worden seien. Der Hersteller hält dagegen: "Bayer hat im Jahr 2015 Händler frühzeitig über den geplanten Verkaufsstopp informiert und eng mit ihnen und den zuständigen Behörden zusammen gearbeitet.“ In der Praxis scheint sich das noch nicht ausreichend herumgesprochen zu haben.

Thiacloprid auf Rapsfeldern

Auch berufliche Anwender wie Landwirte oder professionelle  Zierpflanzenzüchter können noch hoch konzentrierte Thiacloprid-Mittel (zum Beispiel 480 Gramm pro Liter) erwerben. Thiacloprid wird nach Aussage von Bayer  in Deutschland seit Jahren auf Rapsfeldern von mehr als einer Million Hektar ausgebracht.  Zudem werden in der Landwirtschaft auch Samen vorbeugend mit dem Wirkstoff behandelt, der sich dann in der ganzen Pflanze und damit auch in den Blüten verteilt.

EU-Grenzwert könnte angehoben werden

Außerdem erfuhr Markt: Der Grenzwert für Thiacloprid im Honig in der Europäischen Union könnte sogar wieder von 0,05 auf 0,2 Milligramm pro Kilogramm Honig angehoben werden. Grundlage ist eine Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) vom 1. März 2016, die zu dem Ergebnis kam, dass dieser Wert gesundheitlich unbedenklich sei. Die Bayer CropScience AG hatte sich für eine Heraufsetzung des Grenzwertes stark gemacht, wie ein Markt vorliegendes Informationsschreiben an den Handel zeigt.

Laut einer Einschätzung der Europäischen Chemikalienagentur ECHA kann das Mittel jedoch die Fortpflanzung des Menschen beeinträchtigen. Laut Sicherheitsdatenblatt des Herstellers selbst steht es zudem im Verdacht, krebserzeugende Wirkung beim Menschen zu haben.

BUND gewinnt Prozess gegen Bayer CropScience AG

Mancher Kleingärtner, der gutgläubig ein thiaclopridhaltiges Schädlingsbekämpfungsmittel mit der Kennzeichnung "nicht bienengefährlich" erworben und auf die eigenen Obstbäume gesprüht hat, kann sich angesichts dieser Umstände nur ärgern - oder wundern. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) konnte sich im Jahr 2015 gegen die Bayer AG in einem Prozess durchsetzen, in dem es um die Zulässigkeit seiner Bewertung der Kennzeichnung "nicht bienengefährlich" als "Verbrauchertäuschung" ging. Der BUND darf nun nach einem  Urteil des Düsseldorfer Landgerichtes  weiter behaupten, zwei von Bayer hergestellte Produkte mit dem Wirkstoff Thiacloprid seien schädlich für Bienen. Bayer verzichtete darauf, gegen dieses Urteil Berufung einzulegen. Die Bayer CropScience AG zu Markt: "Wir halten die Aussage des BUND nach wie vor für inhaltlich unzutreffend." Denn Bayer sieht in Thiacloprid weiter einen "wichtigen Baustein eines abgestimmten Resistenzmanagements in der Schädlingsbekämpfung".

"Wir sind Zeuge einer Bedrohung"

Jean-Marc Bonmatin, ein französischer Forscher, der an einer Metastudie mitgearbeitet hat, für die rund 800 Einzelstudien der vergangenen zwei Jahrzehnte zum Thema Neonicotinoide ausgewertet wurden, bewertet das anders: "Die Beweise sind eindeutig. Wir sind Zeuge einer Bedrohung der Produktivität unserer natürlichen und landwirtschaftlichen Umwelt, vergleichbar mit der Gefahr durch DDT."

Dieses Thema im Programm:

Markt | 02.05.2016 | 20:15 Uhr

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