Stand: 20.10.2017 10:44 Uhr

"Wohnprojekte sind für alle da"

Bild vergrößern
Seit vielen Jahren befasst sich Josef Bura mit den Möglichkeiten, im Alter in Gemeinschaft zu leben.

Im Alter wollen die wenigsten Menschen ins Heim. Weil sie dennoch in der Gemeinschaft leben möchten, suchen immer mehr Senioren Anschluss in Wohnprojekten. Können sich auch Menschen mit wenig Geld leisten, in ein solches Projekt einzusteigen? Wo liegen die gesetzlichen Herausforderungen? Sozialwissenschaftler Josef Bura beantwortet diese Fragen. Er ist Vorsitzender des Forums Gemeinschaftliches Wohnen, Mitgründer von Stattbau Hamburg 1984 und seit mehr als 30 Jahren mit der Entwicklung neuer gemeinschaftlicher Wohnformen beschäftigt

Warum sind Wohnprojekte die Wohnform der Zukunft?

Josef Bura: Auf der einen Seite sind Wohnprojekte Versuche, sich Wohnraum anzueignen. Und auf der anderen Seite denken viele an andere Unterstützungskonstruktionen, weil die Familie nicht mehr wie früher funktioniert. Das nenne ich jetzt einfach mal die Wahlfamilie. Sie suchen lebendige Nachbarschaften, die sich um sie kümmern.

Sind Wohnprojekte für jeden geeignet?

Bura: Es gibt eine Vielzahl und Vielfalt von Wohnprojekten. Es gibt welche im Eigentum, es gibt welche zur Miete, es gibt welche, in denen Menschen junge Genossenschaften gründen. Es gibt welche, in denen Gruppen bei klassischen Genossenschaften unterkommen. Es gibt Angebote für Jung und Alt, es gibt Projekte, die Menschen mit Behinderung integrieren. Es muss aber auch keiner - das muss auch mal gesagt werden - in ein Wohnprojekt einziehen. Wer schon feuchte Hände bekommt, wenn drei Leute an einem Tisch sitzen, der sollte es besser nicht machen.

Weitere Informationen

Wohnprojekte finden und finanzieren

Für Senioren gibt es die unterschiedlichsten Wohnformen: von der Alten-WG zum Mehrgenerationenhaus. Wie Interessierte das passende Modell finden und welche Zuschüsse es gibt. mehr

Gibt es auch Wohnprojekte für Arme?

Bura: Wohnprojekte sind gewissermaßen für alle da. In einer Genossenschaftswohnung im geförderten Wohnungsbau kann man auch als Mensch einziehen, der nicht so viel Geld hat, sogar als Sozialhilfeempfänger.

Was muss passieren, damit mehr Arme in Wohnprojekte ziehen können?

Bura: Die Kommunen können sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, Wohnprojekte zu realisieren. Erst mal können sie Projektgruppen suchen und finden und ihnen Räume geben, wo sie sich treffen können. Und das kostet sie gar nichts. Der entscheidende Punkt ist aber, dass es auf dem klassischen Wohnungsmarkt nicht genug Grundstücke gibt. Das heißt, es müssen neue Wege gefunden werden, zum Beispiel in Großstädten wie Hamburg, Wohnprojekten zu helfen, an Grundstücke zu kommen.

Und dann gibt es das, was man die konzeptbezogene Grundstücksvergabe nennt. Es bedeutet, dass man den Kämmerern sagt: Es macht überhaupt keinen Sinn, unsere kommunalen Grundstücke so teuer wie möglich zu verkaufen, denn dadurch tragen wir als Kommune dazu bei, dass die Grundstückspreise und die Mietpreise sich erhöhen. Es ist viel sinnvoller, diese begrenzten Flächen, die die Kommunen noch haben, Investoren anzubieten, die sagen: Wir wollen etwas fürs Quartier oder für die Stadt anbieten.

Warum gibt es in manchen Gegenden gar keine Wohnprojekte?

Bura: Es liegt daran, dass viele noch nicht verstanden haben, dass es bei Wohnprojekten nicht darum geht, Inseln der Glückseligen zu schaffen. Sondern es geht darum, einen großen Bedarf sozialer Wohnqualitäten zu befriedigen, der sehr breit gestreut ist. Wir müssen gucken: Wie können wir Quartiere so ausstatten, dass Menschen sich dort aufgehoben fühlen? Kommunen müssen verstehen, dass sie, wenn sie Wohnprojekte fördern, etwas auch für den sozialen Zusammenhalt in Quartieren tun.

Weitere Informationen
Panorama 3

Wohnungsmarkt: Wehe, du wirst alt und arm

15.10.2013 21:15 Uhr
Panorama 3

Auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt müssen sich arme Alte ganz hinten anstellen: In Zukunft werden immer mehr alte Menschen keine altersgerechte Wohnung finden. mehr

Bewohner von Senioren-WGs haben Anspruch auf einen Wohngruppenzuschuss von der Pflegekasse, wenn sie eine Pflegestufe besitzen. Warum ist es so schwierig, diesen durchzusetzen?

Bura: Grundsätzlich muss man sagen, dass wir 16 Landespflegegesetze haben und alle unterschiedlich sind. Man muss also bei der Beurteilung einer Frage immer auf das jeweilige Landespflegegesetz gucken. Generell sind Wohnpflegegemeinschaften als Alternative zum Heim gedacht. Und es gibt zwei Sorten. Es gibt erstens diejenigen, die als Heim organisiert sind von einem Träger, der gleichzeitig Wohnraum und Pflege anbietet. Und es gibt welche, die sind von Menschen selber organisiert. Da gibt es unterschiedliche Akteure und auch unterschiedliche Verträge - einerseits einen Pflegevertrag mit einem Pflegedienst und einen Mietvertrag mit einem Vermieter. Das ist schon mal die Grundlage für eine ambulant betreute Wohnpflegegemeinschaft. Und das ist ein ziemlich schwieriges rechtliches Kapitel.

Ich würde mir wünschen, dass es sehr viel mehr solcher Angebote gäbe, aber sie leiden in großen Teilen darunter, dass sie rechtlich sehr kompliziert und komplex sind und die Menschen selber das alles gar nicht durchblicken, was geregelt werden muss. Und da brauchen sie Landesberatungsstellen, die ihnen zur Seite stehen und ihnen notfalls auch helfen, die Rechte durchzusetzen. Notfalls muss man da eben auch zu der Verbraucherzentrale gehen, damit die mal Prozesse führen. Die Krankenkassen stellen sich manchmal stur.

Informationen zur Sendung
45 Min

60plus - Ab in die WG

23.10.2017 22:00 Uhr
45 Min

Jeder fünfte Bundesbürger gehört zur Generation 60plus. Viele wollen aktiv und selbstbestimmt alt werden - und nicht im Heim leben. Welche Wohnformen gibt es für Senioren? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 23.10.2017 | 22:00 Uhr

Mehr Ratgeber

02:58
Schleswig-Holstein Magazin

Sommerlicher Salat mit Feta

19.07.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
00:35
NDR 1 Welle Nord

Eine Insektentränke bauen

18.07.2018 10:00 Uhr
NDR 1 Welle Nord
03:18
Nordmagazin

Strandfotos im Urlaub: Was ist erlaubt?

17.07.2018 19:30 Uhr
Nordmagazin