Stand: 03.08.2018 15:15 Uhr  | Archiv

Was tun gegen die Verpackungsflut?

von Claudia Plaß, NDR Info
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Die Deutschen produzieren europaweit am meisten Verpackungsmüll - kein schmeichelhafter Titel.

Bestellte Ware, doppelt und dreifach verpackt in Folien und Kartons, Coffee-to-go-Becher, Salate in kleinen Portionen abgepackt, Obst und Gemüse in Plastik - das alles lässt den Berg an Verpackungsmüll wachsen. Das Umweltbundesamt legte in der vergangenen Woche neue Zahlen vor: 220,5 Kilo Verpackungsmüll produzierte jeder Deutsche statistisch gesehen im Jahr 2016, etwas mehr als noch im Vorjahr. In der EU lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei 167 Kilo. "Das liegt an unserem veränderten Konsum. Dabei ist zu beachten, dass wir viel mehr Versandhandel haben als früher. Es wird mehr nach Hause bestellt und auch die Retouren verursachen dabei Verpackungsabfälle", sagt Sonia Grimminger vom Umweltbundesamt.

Welche Alternativen gibt es?

An den Alternativen zur Plastikflut wird gerade viel geforscht - und viel entwickelt. Einige nachhaltige Verpackungen gibt es auch schon auf dem Markt: Eine Firma stellt etwa Flaschen für Reinigungsmittel aus Plastik-Rezyklat her, also aus recycelten Materialen, und mixt das mit biobasierten Kunststoffen. Oder es gibt Graspapier-Kartonschalen für Obst. Es wird an Folien auf Molke-Basis oder auf Zuckerrohr-Basis gearbeitet. Eine Firma aus Hamburg fängt jetzt an, Schalen herzustellen als Verpackung für Vogelfutter. Die Schalen bestehen aus Fasern von Pflanzenresten. Eine weitere Idee dieser Firma: Verpackungen für Tomaten - aus Tomatenpflanzen.

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Verpackungsmaterialien müssen recyclebar sein, dünn, reißfest, außerdem müssen sie gerade im Lebensmittelbereich eine Schutzfunktion erfüllen und gegen Flüssigkeiten resistent sein - sprich: Barriereschichten aufweisen. Da ist es nicht so leicht, das alles ökologisch sinnvoller und auch noch günstiger zu produzieren. Und dann gibt es noch die Diskussion: Für Verpackungen aus erneuerbaren Rohstoffen müssen ja auch wieder Pflanzen angebaut werden, die mit der Futterproduktion konkurrieren. Das Hamburger Unternehmen, das die Schalen herstellt, sagt allerdings: Wir verwenden Pflanzenreste, also Agrarabfälle, nehmen also keine Ackerflächen weg.

Wie verhält es sich mit den Kosten bei den Alternativprodukten?

Zudem gibt es die Alternativen noch selten, weil sie teurer sind als Plastik. Winfried Batzke ist Geschäftsführer des Deutschen Verpackungs-Instituts. "Verpackt werden die Produkte bei der Konsumgüter-Industrie. Die sagen also: Ich brauche die und die Folie, um mein Produkt so und so zu schützen oder einzupacken." Die Verpackungsindustrie sei nun aufgefordert, andere Materialien anzubieten. "Dann überlegen die Hersteller: Kann das biologisch basiert sein anstelle von Erdöl-basiert wie bisher", sagt Batzke. Da gebe es aber das Problem, dass Erdöl im Moment so billig ist, dass Vorprodukte aus Erdöl günstiger sind als die Bio-Materialien.

Einmal genutztes Plastik müsse zudem stärker in den Kreisläufen bleiben anstatt weggeschmissen zu werden. Hier sei die Politik gefragt: Sie müsse beispielsweise über richtiges Recycling aufklären. Dazu gehört, dass der Deckel vom Joghurt abgerissen wird, bevor beides zusammen im Gelben Sack landet. Außerdem müsse dafür gesorgt werden, dass auch in anderen Ländern Kreislaufsysteme eingeführt werden. 

Gibt es auch Lösungen, die ganz auf Verpackung verzichten?

Ja, eine ist das Lasern - einige Supermärkte haben zum Beispiel gelaserte Bio-Avocados im Regal. In der Obst- und Gemüseabteilung sind Bio-Produkte ja deswegen oft in Plastik verpackt, damit sie sich von den anderen unterscheiden. Mit einem Aufdruck per Laser braucht es dafür kein Plastik.

Reichen die gesetzlichen Beschränkungen beim Plastik?

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Experten fordern, dass Plastik besser wiederverwertet wird. Zudem sei der Rohstoff Erdöl derzeit zu billig.

Mit dem neuen Verpackungsgesetz sollen ab dem kommenden Jahr die Rcyclingquoten erhöht werden, 2022 sind 63 Prozent vorgesehen. Ein guter Schritt, sagen Experten. Das ist ja auch ein Grund, warum nach Alternativen gesucht wird, und ein Grund, warum auch neue Sortieranlagen gebaut werden, die den Plastikmüll noch besser sortieren und dann recyceln können.

Thomas Fischer leitet den Bereich Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. Er fordert zudem Wiederverwertungsquoten, beispielsweise für Joghurt-Becher, Milchflaschen, Elektrogeräte: "Auch für Coffee-to-go-Becher, die wieder verwendet werden, brauchen wir ein Pfandsystem. Das bekommen wir nur mit Wiederverwertungsquoten hin. Und noch eines muss gemacht werden: Plastik muss teurer werden. Plastik ist zu billig, deswegen haben wir einen Rekordwert beim Plastik-Verpackungsabfall. Nur, wenn Plastik deutlich teurer wird, dann kommen wir auch zu kleineren Abfall-Werten." Fischer sagt: Recycling ist gut, Abfallvermeidung ist besser.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 02.08.2018 | 07:20 Uhr

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