Stand: 11.08.2014 15:55 Uhr  | Archiv

Regenwasser ist zu schade für die Kanalisation

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Das "Naturgut" Regen sollte man nach Möglichkeit auf dem eigenen Grundstück nutzen.

"Regen ist ein Naturgut", sagt der Regenwasser-Experte Professor Friedhelm Sieker. Der Ingenieur hat sich beruflich mit den verschiedenen Methoden, Regenwasser zu "bewirtschaften" befasst. Im Interview mit NDR.de erklärt Friedhelm Sieker die wichtigsten Fakten zur Regenwasser-Bewirtschaftung.

Grundstücksbesitzer müssen nicht nur Schmutzwasser entsorgen, sondern sich auch um anfallendes Regenwasser kümmern. Wie ist das geregelt?

Prof. Friedrich Sieker: Innerhalb der Grenzen seines Grundstücks ist der Eigentümer für den Abfluss der Niederschläge, die auf den versiegelten Flächen (Hausdächern, Garagenauffahrten und so weiter) anfallen, selbst verantwortlich. Außerhalb der Grundstücksgrenzen wird der Niederschlagsabfluss im Allgemeinen in öffentliche Kanalisationen eingeleitet, in denen auch die übrigen Niederschlagsabflüsse bebauter Gebiete, also von Straßen, öffentlichen Gebäuden und so weiter abgeführt werden.

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Von Regenwasser-"Entsorgung" spricht Friedhelm Sieker gar nicht gern. Schließlich sei Regenwasser ja kein Müll.

Bei den Regenwasser-Kanalisationen unterscheidet man zwischen Misch- und Trennsystemen. In Mischsystemen werden Schmutz- und Regenwasser gemeinsam abgeführt, in Trennsystemen gibt es für den Niederschlagsabfluss ein eigenes Rohrnetz neben dem für Schmutzwasser. In Deutschland gibt es zurzeit etwa 55 Prozent Mischsysteme (vorwiegend in Süddeutschland, aber auch in den Innenstädten Norddeutschlands).

Welche Probleme oder Nachteile haben sich daraus ergeben?

Sieker: Mischsysteme haben aus heutiger Sicht einen schwerwiegenden Nachteil: Die Kläranlagen sind nicht in der Lage, bei starken Niederschlägen das gesamte Mischwasser zu reinigen. Daher müssen die Anlagen zwangsläufig zum Überlauf gebracht werden, um es nicht zu einem ungewollten "Überstau" in den Straßen kommen zu lassen. Dabei gelangt das darin enthaltene Schmutzwasser zwar verdünnt, aber biologisch und chemisch ungereinigt in die Flüsse und Seen.

Deshalb wurden in Deutschland in den vergangenen Jahren Tausende sogenannter Mischwasserrückhaltebecken gebaut - geschätztes Investitionsvolumen: mehr als 20 Milliarden Euro. Der Erfolg ist jedoch nicht befriedigend: Die heute vorhandenen Mischwasserbecken laufen insgesamt immer noch durchschnittlich 30 bis 50 Mal im Jahr über und belasten damit weiterhin die Gewässer. Eine Vermehrung und Vergrößerung der Becken scheidet insbesondere aus Kostengründen aus. Helfen würde es, wenn erst gar nicht so viel Regenwasser in die Kanalisation gelangen würde.

Was geschieht bei Starkregenfällen?

Sieker: Unsere vorhandenen Kanalisationen (Misch- und Trennsysteme) sind aufgrund statistisch berechneter Regenmengen so bemessen, dass eine Überlastung und Überflutung der Straßen regelmäßig in Kauf genommen wird. Man darf sich also nicht wundern, dass bei den gegenwärtigen unwetterartigen Starkregen die Kanalnetze so oft überlaufen. Auch dieses Problem ließe sich durch eine Verminderung der Abflüsse am Ort der Entstehung verringern. Damit wäre man unter anderem wieder bei den Grundstückseigentümern, die die Kanalisationen dadurch entlasten könnten, dass sie den Regenwasserabfluss vor Ort verringern, etwa indem sie Niederschläge auf dem Grundstück versickern lassen.

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 23.02.2015 | 21:59 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Regenwasser-Entsorgung,abwasser142.html

Alles zur Sendung

45 Min

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23.02.2015 22:00 Uhr
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