Stand: 16.11.2015 15:00 Uhr  | Archiv

"Polystyrol-Fassaden brauchen noch mehr Brandschutz"

Bild vergrößern
Es werde mehr Sicherheit in Sachen Brandschutz geben - aber nur bei Neubauten, so Güven Purtul.

Wie rasend schnell sich ein Feuer an einer mit Polystyrol gedämmten Fassade ausbreiten kann, hat 45 Min schon 2011 in einem eigens beauftragten Brandtest gezeigt. Erst im vergangenen Jahr hat die Bauministerkonferenz eigene Versuche durchgeführt. Und auch darauf reagiert. Aber sind die Maßnahmen auch ausreichend? Und zudem gilt der Dämmstoff Polystyrol auch heute noch in Deutschland als schwer entflammbar. Warum ist das so? Wissenschaftsjournalist und Fernsehautor Güven Purtul im Interview über den Stand in Sachen Brandschutz bei Polystyrol-Wärmedämmsystemen.

Vor vier Jahren schon haben Sie und Ihr Kollege Christian Kossin in "Wahnsinn Wärmedämmung" anhand eines spektakulären Brandtests erstmals gezeigt, welch katastrophale Folgen ein Brand an einer mit Polystyrol gedämmten Fassade haben kann. Welche Reaktionen haben Sie damals bekommen?

Mehr zum Thema

Dämmstoff Polystyrol: Hohe Brandgefahr

Behörden räumen ein: Styropor-Platten zur Wärmedämmung verschlimmern Hausbrände. Bewohnern droht nach Recherchen von NDR und "Spiegel Online" ein Desaster. (Meldung vom 05.11.2014) mehr

Güven Purtul: Es gab unglaublich viel Zuschauerpost mit Fragen und Erfahrungsberichten. Selbst Monate nach der Sendung kamen immer noch regelmäßig Mails. Die Industrie warf uns "einseitig negative" und falsche Berichterstattung vor und versuchte, durch eine Intervention bei der Vorsitzenden der ARD weitere Filme zu verhindern - ohne Erfolg. Sie beauftragte auch eine bekannte Medienkanzlei, die uns mit rechtlichen Maßnahmen drohte. Daneben gab es eine Reihe von Versuchen, unsere Recherchen auszuforschen. Ich erhielt beispielsweise einen Anruf einer freien Journalistin, die aber, wie sich später herausstellte, eine Wirtschaftsermittlerin war.

Die Bauministerkonferenz hat im vergangenen November die Brandgefahr bei Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) aus Polystyrol anerkannt - nachdem sie eigene Tests hat durchführen lassen. Was ist daraus gefolgt?

Purtul: Hunderte Zulassungen für Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) mit Polystyrol werden derzeit geändert. Künftig müssen die Systeme mit zusätzlichen Brandriegeln ausgerüstet werden. Das gilt aber nur bei Neubauten und Sanierungen. Eine Nachrüstung im Altbestand ist nicht vorgeschrieben.

Wie kann der Dämmstoff immer noch als "schwer entflammbar" gelten?

Purtul: Die Frage stellen sich viele. Verantwortlich für die Zulassung des Baustoffs und der Systeme ist das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt). Der Baustoff Polystyrol gilt hierzulande als schwer entflammbar, weil das DIBt einen Brandschachttest akzeptiert, den viele Experten für völlig ungeeignet halten. Dabei werden lange Stangen aus Polystyrol in einem Ofen mit einem kleinen Feuer beflammt. Das Material kann sich durch Abschmelzen von der Flamme entfernen. Bleibt eine gewisse Restlänge übrig, gilt der Test als bestanden. In unserer zweiten Doku "Wärmedämmung - der Wahnsinn geht weiter" hatten wir uns mit diesem Test und der Kritik daran beschäftigt.

Auf europäischer Ebene kommt oftmals ein anderer Test zur Anwendung, nach dem Polystyrol nur als normal entflammbar gilt (SBI-Test nach EU-Norm EN 13501). Mit dieser Klassifizierung dürfte Polystyrol bei Gebäuden über sieben Metern Höhe nicht mehr als Dämmstoff verwendet werden. Doch das DIBt will am Brandschachttest festhalten. Er habe sich "über Jahrzehnte für die Beurteilung des Brandverhaltens von Bauprodukten bewährt".

Für das komplette WDVS ist die Schwerentflammbarkeit durch einen Fassadentest nachzuweisen, den die Hersteller ebenfalls selbst beauftragen und bezahlen (DIN 4102 Teil 20). Bei den Brandtests der Bauminister versagte ein System, das diesen Fassadentest erfolgreich bestanden hatte. Nun gibt es offenbar sogar Bestrebungen eben jenen Fassadentest europaweit festzuschreiben.

Ist das DIBt als Zulassungsstelle für Baustoffe - unter anderem eben für Polystyrol - eine unabhängige Instanz?

Purtul: Das kann ich nicht beurteilen. Das Bundesumweltministerium hält es für unabhängig.

Wärmedämmverbundsysteme aus Polystyrol werden in Deutschland gern als  "Wunderwaffe beim Energiesparen" verkauft, sagen Sie in Ihrer Dokumentation. Die versprochene Heizkostenersparnis wird jedoch meist gar nicht erreicht. Warum werden Wärmedämmsysteme immer noch verbaut?

Links

Energieeinsparverordnung EnEv

Infos über die aktuelle Energieeinsparverordnung auf der Seite des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. extern

Über die Energieeinsparverordnung (EnEV)

Die Verbraucherzentrale informiert über Vorgaben für Neubauten sowie Nachrüstung und Sanierung. extern

Purtul: Polystyrol ist der billigste Dämmstoff und die Vorgaben der Energieeinsparverordnung (EnEV) zwingen beziehungsweise drängen die Bauherren zum Dämmen. Bei der EnEV spielt der Transmissionswärmeverlust, also der theoretische Wärmeverlust durch die Wände, eine zentrale Rolle, obwohl dieser nur einer von vielen bauphysikalischen Faktoren ist. Wärmegewinne durch die Sonne etwa spielen keine Rolle. Kritiker erklären sich das mit dem Einfluss der Dämmstoffhersteller bei der Erstellung der EnEV.

Gibt es eine unabhängige Stelle, die die tatsächliche Heizkostenersparnis nach einer energetischen Sanierung misst - sei es mit Wärmedämmsystemen aus Polystyrol, Mineralwolle oder anderen Materialien?

Purtul: Nein, die gibt es nicht. Auch unabhängige Studien sind rar.

Interview

Gibt es Alternativen zur Polystyrol-Dämmung?

Wie kann ich mein Haus nachträglich dämmen? Welche Materialien es zur Wärmedämmung gibt und welche Vor- und Nachteile sie haben, erklärt Diplom-Ingenieurin Heike Böhmer. mehr

Sind die ständig verschärften Vorgaben der Energiesparverordnung (EnEV) überhaupt noch einzuhalten?

Purtul: Sie lassen sich einhalten, nur müssen die Dämmpakete dafür immer dicker werden. Mehr Polystyrol bedeutet im Fall der Fälle oft aber auch mehr Brandlast. Die zusätzliche Energieersparnis ist dagegen minimal.

Glauben Sie, dass die Politik irgendwann auf die vorliegenden Erkenntnisse über die Wärmedämmung aus Polystyrol reagieren wird - und wenn ja, wie?

Purtul: Wenn es der Politik tatsächlich um CO2-Einsparung geht, dann sollte sie den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden und Dämmstoffen betrachten. Und natürlich sollte sie darüber nachdenken, ob sich mit dem gleichen finanziellen Aufwand an anderer Stelle nicht mehr Energie einsparen lässt als mit der Dämmung der Gebäudehülle. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) legt großen Wert auf CO2-Einsparung und hat ihr Wohnhaus trotzdem nicht gedämmt. Das ist für mich auch schon mal ein starkes Zeichen. Zudem hat mein Interview mit dem parlamentarischen Staatssekretär, Florian Pronold (SPD), bei mir den Eindruck, erweckt, dass das Mantra "Sie müssen dämmen" überdacht wird.

Hat Sie an den Rechercheergebnissen Ihres aktuellen Films etwas überrascht?

Purtul: Zunächst mal war ich positiv überrascht, dass die Brandtests im Auftrag der Bauminister zu greifbaren Ergebnissen geführt haben. Es wird ein mehr an Sicherheit beim Neubau geben, das ist ein Erfolg für Mieter und Eigentümer. Ich kann mir aber nicht erklären, warum die Bauminister glauben, mit einem Merkblatt seien die Probleme beim Altbestand gelöst. Eine Fläche von der Größe Hamburgs ist mit WDVS aus Polystyrol beklebt, die im Brandfall ein Sicherheitsrisiko darstellen können. Da braucht es kein Merkblatt, sondern mehr Brandschutz.

Das Interview führte Ulla Brauer.

Informationen zur Sendung
45 Min

Wärmedämmung: Brandgefahr und Umweltrisiken

16.11.2015 22:00 Uhr
45 Min

Der Dämmstoff Polystyrol soll Heizkosten deutlich senken. Wie gut ist seine Wärmedämmung wirklich? Und wie sieht es mit der Brandgefahr und der Umweltbilanz des Materials aus? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 16.11.2015 | 22:00 Uhr

Mehr Ratgeber

11:20
Mein Nachmittag
08:41
Mein Nachmittag
10:59
Mein Nachmittag