Stand: 01.09.2015 16:47 Uhr  | Archiv

Klemmbrett-Masche: Vorsicht vor Spendenbetrügern

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Mit Klemmbrettern und "Spendenlisten" wie dieser sind derzeit angeblich gehörlose Spendenbetrüger im Norden unterwegs. (Szene nachgestellt)

Neulich an den Marco-Polo-Terrassen in der Hamburger Hafencity: Ein etwa 40-jähriger Mann in Jogginghose und T-Shirt steuert eine Frau an, die auf einer Bank in der Sonne sitzt und hält ihr ein Klemmbrett unter die Nase. Darauf haftet ein Zettel mit dem in fehlerhaftem Deutsch formulierten Aufruf, für den Aufbau eines "Internationalen Zentrums" für "Taubstumme und korperlich behinderte Personen und fur die armen Kinder" zu spenden. Oben prangt das Logo eines Rollstuhlfahrers und eine Deutschlandfahne, dazu ein durchgestrichenes Ohr und der Schriftzug "Handicap International". Etwa zehn Unterschriften stehen bereits in der Liste darunter, zusammen mit Postleitzahl, Wohnort und einem Geldbetrag zwischen zehn und 30 Euro. Der Mann tippt energisch mit einem Kugelschreiber auf das Papier und gibt unverständliche Laute von sich, als sei auch er gehörlos. Selbst für Gebärdensprach-Unkundige ist die Botschaft eindeutig: Bitte spenden und unterschreiben. Doch Vorsicht: "Das ist eine ganz perfide Masche", warnt Stefan Meder, Leiter der kriminalpolizeilichen Beratungsstelle der Polizei Hamburg. "Diese Leute nutzen nur das Mitleid der Menschen aus."

So spende ich sicher

  • Skepsis bei grausamen Bildern

    Skepsis ist nach Auskunft der Verbraucherschutzzentrale Hamburg angesagt, wenn eine Organisation sich beim Spendenaufruf grausamer und stark gefühlsbetonter, mitleiderregender Bilder bedient. Derartige Vereine seien meist nicht seriös.

  • Spendenausweis zeigen lassen

    Wer bei einer Straßensammlung den Eindruck hat, es handle sich um Vertreter einer seriösen Organisation, solle sich unbedingt den Spendenausweis zeigen lassen, der vom zuständigen Ordnungsamt ausgestellt wird.

  • Spendenbüchse muss verplombt sein

    Spendensammler auf der Straße oder an der Haustür sollten eine verplombte Spendenbüchse vorzeigen können.

  • Vorsicht vor Fördermitgliedschaften

    Generell raten Polizei und Verbraucherschützer aber davon ab, auf der Straße oder an der Haustür Geld für einen guten Zweck zu geben oder Geschäfte zu machen. Häufig werden sogenannte Fördermitgliedschaften angeboten. Dabei bindet man sich mit seiner Unterschrift für längere Zeit an den Verein - mit entsprechender finanzieller Verpflichtung. Anders als bei Käufen an der Haustür steht einem beim Vereinsbeitritt kein Widerrufsrecht zu.

  • In Ruhe informieren

    Spendenwillige sollten sich in Ruhe über Ziele und Verwendung des Geldes informieren, unabhängig von aktuellen Spendenaufrufen. Am besten solle man sich Info-Material mitgeben lassen und eine Nacht darüber schlafen. "Keinesfalls sollte man unter Zeitdruck handeln", sagt die Hamburger Verbraucherschützerin Julia Rehberg.

  • Besser eine Organisation unterstützen als viele kleine

    Laut Verbraucherschutz ist Spenden nach dem "Gießkannenprinzip" wenig sinnvoll, da dadurch mehr Verwaltungskosten entstehen als bei der Spende an eine einzige Organisation. Daher sollte man besser einer Organisation einen größeren Betrag zukommen lassen als vielen Projekten kleine Geldbeträge.

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"Klemmbrett-Masche" hat viele Varianten

Der angeblich Gehörlose in der Hafencity geht nach einem seit Längerem bekannten, aber offensichtlich immer noch erfolgreichen Abzock-Muster vor. "Mit der Nummer lässt sich wohl viel Geld machen", vermutet Meder. Aus verschiedenen norddeutschen Städten gab es in den vergangenen Monaten Berichte über die sogenannte "Klemmbrett-Masche", mit der offenbar europaweit agierende Banden den Menschen Geld entlocken wollen. Erst Mitte Juli warnten beispielsweise Kaufleute im schleswig-holsteinischen Pinneberg vor den angeblich taubstummen Trickbetrügern.

Diese nutzen den Passanten-Kontakt wohl bisweilen auch, um das Gegenüber zu bestehlen. So lenkte nach Polizeiangaben eine junge Frau in Neuengamme eine 76-Jährige mit einem Klemmbrett ab, um deren Handtasche zu rauben. In einer anderen Variante legen die Trickbetrüger das Klemmbrett mit dem Spendenaufruf auf den Tisch von Cafégästen. Sie bedecken damit deren Handy oder andere Wertgegenstände - um diese dann heimlich zu stehlen.

Manche Ganoven wollen statt Geld die Adresse

Auch der Allgemeine Gehörlosenverein von 1886 zu Braunschweig warnt aktuell auf seiner Internet-Seite vor den Klemmbrett-Betrügern und stellt klar, dass "ein solches Betteln" für die gemeinnützigen Gehörlosen-Vereine "keine gängige Praxis" sei. Davon abgesehen gilt der von den Klemmbrett-Sammlern verwendete Begriff "taubstumm" als veraltet - heutzutage spricht man von gehörlosen Menschen.

Der Braunschweiger Verein weist auf eine weitere Spielart des Klemmbrett-Betrugs hin, die böse Folgen haben kann: Demnach bitten manche Ganoven nicht um Geld, sondern um Namen und Anschrift. "Dann können sie per Handy ihren Komplizen mitteilen, wo gerade niemand zu Hause ist. Einbruch folgt", heißt es.

Immer Nachweis verlangen

Generell raten Polizei und Datenschützer davon ab, auf der Straße zu viele persönliche Daten preiszugeben. "Mit der Unterschrift allein ist normalerweise nicht viel anzufangen", sagt der Hamburger Datenschützer Jens Ambrock. In Kombination mit der Postleitzahl diene sie Spendensammlern in der Regel dazu, ihrem Auftraggeber die Zahl der Spender nachzuweisen - oder einzuschätzen, wie viele Menschen aus einem Stadtgebiet erreicht wurden.

Problematisch könne es werden, wenn neben der Unterschrift noch Name und Adresse verlangt würden. Bei Petitionen sei dies zwar erforderlich und folgenlos, "doch sollte man genau überprüfen, wer diese Petition durchführt und ruhig einen Nachweis verlangen", sagt Ambrock.

Datenmissbrauch droht

Handelt es sich um keine seriöse Organisation, können die Angaben beispielsweise für den Adresshandel beziehungsweise Werbezwecke benutzt werden. Besonders unerfreulich könne es werden, wenn man zudem auch noch sein Geburtsdatum preisgibt. "Mehr bedarf es nicht, um unter Ihrem Namen im Netz Dinge zu bestellen oder Verträge abzuschließen - und das kann kostspielig und äußerst ärgerlich enden", mahnt Ambrock.

Wer auf der Straße von jemandem angesprochen wird, dessen Anliegen nicht seriös erscheint, sollte diesen freundlich, aber bestimmt abweisen, rät die Polizei. So quittiert auch der "Taubstumme" in der Hamburger Hafencity das mit einem Kopfschütteln kombinierte "Nein, tut mir Leid" der anvisierten Spenderin zwar mit einem finsteren Blick - zieht aber von dannen.

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