Sendedatum: 26.11.2012 22:00 Uhr
Dämmen oder nicht dämmen?
Die wahre Ökobilanz der energetischen Sanierung ist noch gar nicht klar, meinen unsere Autoren Güven Purtul und Christian Kossin. Anfällig gegen Feuchtigkeit ist sie auch. Was Bauherren bedenken sollten, haben die Wissenschafts-Journalisten im Interview mit NDR.de anlässlich der ersten Dokumentation zum Thema Wärmedämmung erklärt.
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Güven Purtul würde gerne wissen, wie denn eine realistische Ökobilanz zur energetischen Sanierung aussehen würde.
Um ihre Klimaziele zu erreichen, hat die Bundesregierung Hausbesitzern verordnet, den Energiebedarf von Immobilien zu senken. Eigentlich ein guter Gedanke, oder?
Güven Purtul: Grundsätzlich ja, aber oft werden unrealistische Energieeinsparungen versprochen. Und bei der Klimabilanz bin ich manchmal auch skeptisch. Der Aufwand für eine Wärmedämmung ist ja nicht nur finanzieller Natur, sondern er erzeugt auch Energieverbrauch, beispielsweise für die Herstellung und den Transport der Platten, die fast nur aus Luft bestehen. Auch die Instandhaltung ist vergleichsweise aufwendig: Es muss beispielsweise öfter ein Gerüst gestellt werden, um einen neuen Anstrich aufzubringen. Eine realistische Ökobilanz würde mich sehr interessieren.
Warum wird die versprochene Heizkostenersparnis nicht erreicht? Berechnen Energieberater, die oft als Experten zu Rate gezogen werden, die falschen Daten oder operieren sie mit falschen Messmethoden?
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Sie versprechen Energieeinsparungen von bis zu 70 Prozent. Die Berechnungen mancher Energieberater sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, meinen Dämmkritiker.
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Purtul: Energieberater sind nicht immer Experten, ihre Ausbildung manchmal eher dürftig. Außerdem messen sie nicht, sondern rechnen nur anhand theoretischer Modelle. Dabei gehen sie von einem Ausgangsenergieverbrauch aus, der gerade bei Altbauten in der Regel viel zu hoch angesetzt wird. Bei der Berechnung der Energieeinsparung dreht sich dann alles um diesen U-Wert, Faktoren wie solare Einstrahlung und Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht werden ignoriert.
Wie finde ich einen Energieberater, der mir als Eigentümer die tatsächliche Energieersparnis durch eine Sanierung errechnet?
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Wer in Sachen Energiesparen beraten lassen möchte, sollte einen unabhängigen Sachverständigen mit fundierter Ausbildung damit beauftragen, meint Christian Kossin.
Christian Kossin: Das ist gar nicht so leicht. Die meisten Energieberater empfehlen ja die umfassende energetische Sanierung von Altbauten. Und die ist richtig teuer. Bei realistischen Angaben zur möglichen Energieeinsparung würden sich viele Interessenten wohl dagegen entscheiden. Viele Energieberater haben aber ein Interesse an umfangreichen Sanierungsarbeiten. Sie bieten auch ihre Dienste bei Planung und Umsetzung an oder vermitteln Handwerkern Aufträge. Der Dämmkritiker Konrad Fischer hält sie deshalb sogar für "Investitionsanimateure".
Wenn schon ein Energieberater, dann sollte es ein unabhängiger Sachverständiger mit fundierter Ausbildung sein. Und damit meine ich nicht automatisch jeden Architekten. Diesem Sachverständigen würde ich neben der Beratung nur die Kontrolle der Handwerkerleistungen übertragen. Auch Ausführungsplanung und Auftragsvergabe sollte man voneinander trennen. Und es kann nicht schaden, sich selbst schlau zu machen. Bauphysik ist eigentlich eine sehr spannende Sache.
So wird Polystyrol hergestellt und verarbeitet
Das Polystyrolgranulat wird mithilfe von Wasserdampf aufgeschäumt. Das Ergebnis nennt sich "expandierter Polystyrolpartikelschaum" - kurz EPS.
Die EPS-Kügelchen werden anschließend in einer weiteren Heißdampfbehandlung zu sechs Meter hohen Blöcken "verbacken". Später werden sie in handliche Scheiben geschnitten. Die graue Farbe erhält das Polystyrol durch beigemischtes Graphit. Es soll die Dämmleistung verbessern.
In Form von mehreren Zentimeter dicken Polystyrolplatten wird das Material verarbeitet. Befestigt werden sie an der Wand zunächst mit einem speziellen Kleber. Er wird im sogenannten Punkt-Rand-Verfahren auf die Platte gebracht.
Die Polystyrolplatten werden dann auf die gründlich gereinigte Fassaden geklebt.
Um die Tragfähigkeit zu erhöhen, werden die Platten anschließend noch mit Spezialdübeln in der Fassade verankert.
Luft sei der beste Isolator, erklären Hersteller von Polystyrol-Dämmplatten. Deshalb sei das Material so wertvoll: Der Stoff konserviere in seinem Innern die Luft aus dem Aufschäumprozess.
Doch mit dem Paket "Luft" an der Wand ist es längst nicht getan. Die Polystyrolplatten mögen zwar rechnerisch gute Dämmwerte haben.
Sie sind aber kaum widerstandsfähig gegen Stöße oder sonstige Einwirkungen. Auf die Platten wird deshalb ein Putz aufgetragen. In den wird zusätzlich eine sogenannte Armierung eingebettet.
Das Kunststoff-Geflecht soll die neue Wandoberfläche widerstandsfähiger machen. Diese Kombination aus Dämmstoff, Armierung und Putz wird Wärmedämmverbundsystem genannt, kurz WDVS. Wird dazu expandiertes Polystyrol verwendet, sprechen Fachleute von EPS-WDVS.
Auf den kalten Oberflächen solcher Fassaden bilden sich, oft trotz der Verwendung von Bioziden, leicht Algen und Pilze.
Ist eine mit Polystyrol gedämmte Fassade massiv beschädigt oder hat ihre durchschnittliche Lebensdauer von etwa 25 Jahren erreicht, muss das verklebte Verbundsystem von der Wand geschlagen werden.
Die EPS-Platten, hier hinter einer Schicht mit sogenannten Klinkerriemchen, enthalten das giftige Flammschutzmittel HBCD (Hexabromcyclododecan). Es ist mittlerweile weltweit verboten. Für Dämmplatten gibt es noch eine Ausnahmegenehmigung.
Trotz des hochgiftigen Stoffs in den Dämmplatten gilt der Abfall bisher nicht als Sondermüll, wie Experten seit Langem fordern. Ausgedientes Dämmmaterial muss in Deutschland bislang verbrannt werden.
Doch in einer Müllverbrennungsanlage können sie aufgrund ihres hohen Brennwerts nur in kleinen Mengen untergemischt werden. Das macht ihre Verbrennung teuer. Noch lässt sich der Verbleib der Platten kaum kontrollieren.
Bei diesen großen mit Polystyrol gefüllten Säcken soll es sich um "Fehlwürfe" handeln.
Ab Frühjahr 2016 wird Polystryrol als Sondermüll eingestuft, wie Recherchen von 45 Min ergeben haben. Künftig müssen die Entsorgungswege bis zur Sondermüllverbrennungsanlage lückenlos dokumentiert werden.
Dieses Thema im Programm:
45 Min |
26.11.2012 | 22:00 Uhr