Stand: 18.09.2016 17:30 Uhr  | Archiv

Carsharing: Rechnet sich das Geschäftsmodell?

von Niels Walker
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Um profitabel zu wirtschaften, müssen die Carsharing-Unternehmen viele Autos anbieten.

In mehr als 500 Gemeinden in ganz Deutschland gibt es Carsharing-Angebote. Allein die beiden Platzhirsche DriveNow und car2go zählen zusammen aktuell 1,9 Millionen Nutzer in Deutschland, mit steigender Tendenz. Je größer das Angebot, desto mehr Neukunden würden angelockt, berichtet Nico Gabriel, einer der beiden Geschäftsführer von DriveNow: "Grundsätzlich ist es so, dass man erst mal sehr viele Fahrzeuge präsent haben muss, um auch eine gewisse Aufmerksamkeit bei den Kunden zu erzeugen."

Carsharing als sich selbst bedingendes System: Tatsächlich können die Anbieter nur dann profitabel wirtschaften, wenn sie eine große Menge an Autos anbieten. Außerdem dürfen die Wege in einer Stadt nicht zu kurz sein, damit die Autos auch lange genug unterwegs sind. Das ist gerade für DriveNow und car2Go wichtig, denn sie rechnen ausschließlich nach gefahrenen Minuten ab. Dafür dürfen die Kunden das Auto überall abstellen.

Zurück zur Station bei Cambio

Anders ist das beim stationsbasierten Carsharing. Hier muss man das Auto dorthin zurückbringen, wo man es hergeholt hat. Einer der ältesten Anbieter ist Cambio aus Bremen. Seit 25 Jahren ist das mittelständische Unternehmen auf dem deutschen Markt und hat auch Standorte in kleineren Städten, darunter Flensburg, Uelzen, Winsen, Oldenburg, Lüneburg und Bremerhaven.

"Wir brauchen ungefähr 40 aktive Menschen, die sich ein Auto teilen", sagt Carsten Redlich, der bei Cambio für die Städte Hamburg und Flensburg zuständig ist. "Das ist unser Markt, wir gehen in die kleinen und mittleren Städte. Dort werden wir aktiv, ganz häufig in Kooperation mit den Gemeinden."

Geschäftskunden als zuverlässige Nutzer

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Geschäftskunden wie Gemeindeverwaltungen sind wichtig für Cambio, denn sie nutzen die Autos zuverlässig zu Zeiten am Tag, in denen kaum ein Privatmann unterwegs ist. Das sorgt für stabile Einnahmen. Privatkunden seien dagegen eher unzuverlässig, erklärt Claudia Nobis, Mobilitätsforscherin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt: "Das Gros der Mobilität läuft anders ab. Man nutzt weiter überwiegend öffentliche Verkehrsmittel, ist mit dem Fahrrad unterwegs, und für bestimmte spezifische Zwecke nutzt man dann mal das geliehene Auto."

Ergänzung zum Öffentlichen Personennahverkehr

Auch die free-floating-Angebote von DriveNow und car2go sehen sich eher als Ergänzung zum Öffentlichen Personennahverkehr, denn als Konkurrenz. Während car2go im vergangenen Jahr noch 64 Millionen Euro Verlust ausgewiesen hat, macht DriveNow nach eigenen Angaben bereits seit 2014 Gewinn. Allerdings gehen Experten davon aus, dass beide Anbieter von ihren Mutterkonzernen BMW und Daimler große Unterstützung erhalten.

Emotionale Bindung zur Marke ist gering

Die Frage ist, wohin die Reise aus Sicht der Autohersteller langfristig gehen soll. Früher dachte man in den Konzernzentralen, Carsharing sei ein Einstieg in die Markenwelt der Autobauer, dass also die Kunden über Carsharing die Modelle kennenlernen und sich später selbst einen BMW oder einen Daimler kaufen. Doch diese Erwartung habe sich nicht bestätigt, meint Andreas Knie, Leiter des privat geführten Innovationszentrums für gesellschaftlichen Wandel und Mobilität: "Mittlerweile hat man gesehen, dass die emotionale Bindung an eine Marke so gering ist, dass es keinen Sinn macht zu hoffen, dass, wenn einer etwa bei DriveNow Carsharing-Mitglied ist, er sich nachher einen BMW zulegt."

Mit edlen Modellen die Flotte aufwerten

Die neue Hoffnung der Autohersteller geht so: Kunden könnten sich beim Carsharing ein edles Auto leihen, dass sie sich aber nie kaufen würden. DriveNow hat zum Beispiel ein Mini-Cabrio im Angebot. Das kostet im Sommer mehr Geld als im Winter. Wirtschaftlich scheint das zu funktionieren, denn auch car2go wertet nun seine Flotte auf. Neben den bekannten Smarts werden nun höherklassige Autos angeboten - wie die Mercedes A-Klasse oder ein Mini-SUV. Der car2go-Europachef Thomas Beermann hofft dadurch auf einen größeren Umsatz: "Mit den neu eingeführten Mercedes-Modellen möchten wir andere Kundengruppen ansprechen, längere Laufzeiten anbieten und somit einer breiteren Masse Carsharing zugänglich machen." Denn bald will auch car2go profitabel werden. Die Zeit, in der das Unternehmen als Start-up galt, so Thomas Beermann, sei bald vorbei. Jetzt müsse man Geld verdienen.

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NDR Info | 17.09.0016 | 07:37 Uhr

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