Stand: 03.06.2019 09:44 Uhr  - Markt

Baupfusch: Langer Nervenkrieg vor Gericht

Bild vergrößern
Wegen der Baumängel drohte das Eigenheim von Familie Stade einzustürzen.

Als der Neubau von Familie Stade aus Kaltenkirchen einzustürzen droht, geht sie gerichtlich gegen den Architekten vor. Er ist verantwortlich für die Bauaufsicht und soll grobe Mängel am Eigenheim übersehen haben. Doch das Gerichtsverfahren zieht sich in die Länge. Nach vier Jahren ist Familie Stade psychisch und finanziell am Ende. Zu den Kreditraten fürs Haus kommen hohe Kosten für eine Übergangswohnung und für Anwälte.

Verfahrensdauer in Norddeutschland

Bis zu acht Jahre können Baurechtsverfahren dauern, sagt Kay Poulsen vom Verband Privater Bauherren. Nach Recherchen von Markt und NDR Info beträgt an norddeutschen Oberlandesgerichten die durchschnittliche Dauer von Zivilprozessverfahren von der ersten Instanz bis zum Urteil bis zu 3,5 Jahre. In den Zahlen enthalten sind nicht nur Baurechtsverfahren, sondern alle Zivilrechtsprozesse mit einem sogenannten streitigen Urteil. Das heißt: Beide Parteien haben sich entweder mündlich oder schriftlich geäußert. In Niedersachsen gibt es separate Zahlen für die Oberlandesgerichtsbezirke Braunschweig, Celle und Oldenburg.

  •  

  •  

zurück
1/4
vor

Warum Baurechtsverfahren oft lange dauern

Wenn das Gericht einen vereidigten Sachverständigen einschaltet, dauern Baurechtsverfahren mindestens ein Jahr, sagt Sebastian Brommann, Baurichter am Landgericht Kiel. Oft seien Gutachter nötig, damit Richter Statik, Bauphysik und Bauchemie beurteilen können. An vielen Gerichten gebe es keine Baurechtskammern mit spezialisierten Richtern.

Kläger und Beklagte haben die Möglichkeit, einzelne Punkte im Gutachten anzufechten - auch aus taktischen Gründen, um das Verfahren in die Länge zu ziehen. Ein weiterer Trick: Oft werden Termine vor Gericht oder an der Baustelle kurzfristig abgesagt. Einen Ausweichtermin gibt es meist erst Wochen später.

Eigenes Gutachten kann Verfahren beschleunigen

Um das Verfahren zu beschleunigen, sollten Bauherren auf ein sogenanntes selbständiges Beweisverfahren verzichten, empfehlen Baurichter Sebastian Brommann und Kay Poulsen vom Verband Privater Bauherren. Besser sei es, selbst einen vereidigten Sachverständigen mit der Ermittlung der Schadenshöhe zu beauftragen und dann so schnell wie möglich eine Schadenersatzklage einzureichen.

Tipps gegen Baupfusch

  • Referenzkunden: Achten Sie bei der Auswahl des Bauunternehmens auf Qualität. Lassen Sie sich Referenzkunden nennen und fragen diese nach ihren Erfahrungen mit dem Bauunternehmer.

  • Zertifizierung: Bauunternehmen, die nach der Norm DIN ISO 9001 zertifiziert wurden, erfüllen klar definierte Anforderungen. Die Zertifizierung bietet zumindest eine gewisse Sicherheit. Beauftragen Sie Baufirmen, die schon viele Jahre am Markt sind.

  • Baumängel erkennen: Bauherren sollten einen unabhängigen Architekten oder Bausachverständigen engagieren, der jeden Bauabschnitt abnimmt und Mängel sofort reklamiert. Eine professionelle Baubegleitung kostet rund ein Prozent der Bausumme. Eine Investition, die sich lohnt, wenn Mängel erkannt werden, die später nur aufwendig zu beheben sind. 

  • Details im Vertrag regeln: Um Ärger mit dem Bauunternehmen zu vermeiden, sollten Bauherren bereits im Vertrag alle wichtigen Punkte detailliert festhalten. Klären Sie bis ins letzte Detail, welche Leistungen zu erbringen sind und halten Sie das Ergebnis schriftlich fest, zum Beispiel Anzahl und Größe, Platzierung und Material von Ausstattungsgegenständen. In den Vertrag gehören auch die Baukosten und die Zahlungsweise.

  • Salami-Taktik bei der Bezahlung: Empfehlenswert sind Abschlagszahlungen, die nach der erfolgreichen Abnahme eines Bauabschnitts fällig werden. So zahlen Bauherren die Summe in Raten und können Geld zurückbehalten, wenn Mängel auftreten. Sinnvoll sind auch Vertragsstrafen für den Fall, dass der Bauunternehmer nicht rechtzeitig fertig wird. Vor der Unterschrift sollte man einen Bauvertrag unbedingt von einem Fachanwalt überprüfen lassen.

  • Baumängel richtig reklamieren: Für Baumängel am Gebäude sieht das Gesetz fünf Jahre Gewährleistung vor. Die Frist beginnt mit dem Tag der Abnahme. Für Einrichtungsgegenstände wie Küchen, die nicht fest eingebaut sind, gilt die übliche gesetzliche Gewährleistung von zwei Jahren. 

  • Gebäude-Check vor Ablauf der Gewährleistung: Um hohe Kosten für Reparaturen zu vermeiden, sollten Bauherren das Gebäude einige Monate vor Ablauf der Gewährleistung gründlich auf Mängel untersuchen - am besten mit der Unterstützung eines unabhängigen Sachverständigen oder Architekten. So bleibt genügend Zeit, alle Mängel innerhalb der Fünf-Jahres-Frist zu melden.

Neues Baugesetzbuch in Arbeit

Für Baurecht ist das Bundesumweltministerium zuständig. Dort arbeitet eine Expertenkommission an einer Novelle des Baugesetzbuches. Baurichter Sebastian Brommann hofft auf Änderungen, die Baurechtsverfahren beschleunigen. Eine mögliche Lösung: Richter, Sachverständige und Streitparteien besichtigen zuerst die Baustelle, um offene Fragen möglichst sofort zu klären.

Familie Stade hat viel Geld verloren

Solche Änderungen im Baugesetzbuch kommen für Familie Stade aus Kaltenkirchen zu spät. Um weitere zermürbende Jahre vor Gericht zu vermeiden, hat sie sich mit der Haftpflichtversicherung des Architekten auf einen Vergleich geeinigt - und dabei viel Geld verloren.

Weitere Informationen

Handwerker-Pfusch: Was tun?

Einen guten Handwerker zu finden, ist gar nicht so einfach. Was sollte man bei der Suche beachten? Wie reklamiert man Mängel? Und wie schützt man sich vor dubiosen Handwerkern? mehr

Haus bauen: Schutz vor Pfusch und Pleite

An Neubauten treten laut einer Studie immer öfter Schäden auf, zum Beispiel durch Feuchtigkeit. Was können Hauseigentümer tun, um Mängel zu verhindern? mehr

Dieses Thema im Programm:

Markt | 03.06.2019 | 21:00 Uhr

Mehr Ratgeber

11:18
Nordtour
04:38
Mein Nachmittag
08:22
Mein Nachmittag