Stand: 30.09.2016 10:34 Uhr  | Archiv

Ohlsdorf 2050: Welche Zukunft hat der Friedhof?

Yoga-Gärten oder Obstwiesen, Hecken-Labyrinthe oder Konzerte: Wie sollen die Flächen des weltgrößten Parkfriedhofs in Hamburg-Ohlsdorf in Zukunft genutzt werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Projekt "Ohlsdorf 2050". Denn die 400 Hektar große Anlage im Norden der Hansestadt hat ein Platzproblem der besonderen Art: Weil die Zahl der Sargbestattungen seit Jahren sinkt und statt dessen Urnenbestattungen zunehmen, werden immer weniger Grabflächen belegt. Die Folge: Der Friedhof hat zu viel Platz.

Wie und wo wird sich der Friedhof verändern?

Welche Nutzungen sind denkbar?

Wie kann man dieser Entwicklung begegnen und zugleich die einzigartige, denkmalgeschützte Anlage in seinem Charakter erhalten? Die Überlegungen sehen vor, künftig nur noch etwa 100 der insgesamt fast 400 Hektar großen Friedhofsfläche für Beisetzungen zu nutzen. Der Rest stünde für andere Zwecke zur Verfügung. Dazu gibt es bereits zahlreiche Ideen. Sie reichen von Meditationsgärten und Blumen-Selbstpflückfeldern bis hin zu speziellen Grabfeldern, auf denen sich Menschen gemeinsam mit ihrem Haustieren bestatten lassen können.

Vom Gräberfeld zum Meditationshain?

Bild vergrößern
Kritiker befürchten, dass der Charakter des Friedhofs durch die Umgestaltungen verloren gehen könnte.

Der Friedhof hat bereits einzelne Gräberfelder identifiziert, die möglicherweise künftig anders genutzt werden sollen - meist Felder, wo nur noch wenige Grabstellen belegt sind. Angehörige, die auf solch einem Feld eine Grabstelle verlängern lassen wollten, würden darüber aufgeklärt, dass sich der Bereich langfristig verändern würde, erklärt Anja Wiebke, die das Marketingreferat des Friedhofs leitet. Wer dort einen Angehörigen beisetzen lassen wolle, dem werde eine alternative Grabstelle mit der Möglichkeit einer symbolischen Umbettung bereits bestatteter Angehöriger angeboten. "Unser Ziel ist es, langfristig Bereiche zur freien Planung zu bekommen. Dann kann man entscheiden: Wie gestalten wir ihn? Ein neues Themengräberfeld? Oder eher ein Meditationshain?"

Kapellen stehen teilweise leer

Bild vergrößern
Die Kapelle1 im östlichen Teil des Parkfriedhofs ist eine von drei bereits leerstehenden Kapellen.

In Zukunft werden außerdem weniger Kapellen gebraucht, da die Zahl der Trauerfeiern seit Jahren rückläufig ist. "Nur noch bei etwa der Hälfte der Beisetzungen wird auch eine Trauerfeier abgehalten", erklärt Anja Wiebke. Bereits jetzt stünden drei der insgesamt zwölf Kapellen leer. "Nun ist die Frage: Was machen wir künftig mit den Räumen?" Erste Ideen gebe es bereits. So könnten die Kapellen für Theateraufführungen, Ausstellungen oder als internationale Begegnungsstätten genutzt werden. Andere Vorschläge sehen vor, dort Yoga-Kurse anzubieten oder die Räume sogar für eine Kindertagesstätte zu nutzen.

Was passiert mit erhaltenswerten Grabmälern?

Sorge bezüglich der Umgestaltungspläne äußert der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof: Aspekte des Denkmalschutzes würden zu wenig berücksichtigt, so Christine Behrens vom Vorstand des Förderkreises. Obwohl der Friedhof in seiner Gesamtheit unter Denkmalschutz stehe, seien bereits in einigen Bereichen schützenswerte Grabmäler abgeräumt und vernichtet worden, ohne dass zuvor eine kompetente Begutachtung, etwa durch das Denkmalschutzamt, stattgefunden habe.

Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen prüft sie seit mehr als einem Jahr Grabmäler auf Friedhofsflächen, die geräumt werden sollen und markiert in Abstimmung mit der Friedhofsleitung schützenswerte Grabstellen. "Es wäre gut, wenn uns jemand von offizieller Seite dabei unterstützen würde", wünscht sich Christine Behrens. Denn für seine denkmalschützerische Tätigkeit erhält der Verein bislang weder finanzielle noch personelle Hilfe. "Wir können nicht verhindern, dass sich der Friedhof verändert", so Christine Behrens. Man müsse aber seine kulturelle und historische Bedeutung berücksichtigen. "Uns geht es darum, den Friedhof sowohl als Trauer- als auch als Naturort in seinem Charakter zu erhalten."

Drei Millionen Euro für das Projekt

Für das Friedhofsentwicklungsprojekt Ohlsdorf 2050 stehen insgesamt drei Millionen Euro bereit. Davon stammen zwei Millionen vom Bund - das Projekt soll wegweisend für die vielen deutschen Friedhöfe sein, die von der Veränderungen der Trauerkultur betroffen sind. Der Rest kommt von der Stadt und der Hamburger Friedhöfe AöR (Anstalt öffentlichen Rechts). Ein Teil des Geldes ist bereits fest verplant: So soll das 120 Kilometer lange Sielnetz des Friedhofs saniert und ein Brauchwasserkonzept entwickelt werden. Momentan nutzt der Friedhof für die Bewässerung Trinkwasser.

Hamburger sollen ihre Ideen einbringen

Alle Hamburger sind aufgerufen, sich mit eigenen Vorschlägen am Planungsprozess zu beteiligen. Zwei Entwurfswerkstätten haben bereits stattgefunden, die Umsetzung der Ideen soll ab 2017 erfolgen.

Weitere Informationen

Friedhof Ohlsdorf: Hamburgs stille Oase

Auf dem weltgrößten Parkfriedhof in Ohlsdorf ruhen viele bekannte Hamburger neben zahllosen Kriegsopfern. Das Kulturdenkmal lässt sich auch bei abendlichen Führungen erkunden. mehr

Bestattung: Von der Pyramide zum Waldgrab

Die Geschichte der Bestattung ist so alt wie die der Menschheit. Religiöse und kulturelle Einflüsse sorgten für stetigen Wandel. Ein Überblick. mehr

So bleibt der Tod bezahlbar

Wenn ein Angehöriger stirbt, muss kurzfristig über die Form der Bestattung entschieden werden. Wer sich rechtzeitig informiert, vermeidet in dieser Ausnahmesituation teure Fehler. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Die Reportage | 20.11.2016 | 17:30 Uhr

Urlaubsregionen im Norden

Mehr Ratgeber

01:60
NDR Info