Stand: 18.04.2013 15:55 Uhr  | Archiv

Hamburg: Pilgern durch die Großstadt

von Birgit Broecheler

Sonnabendmorgen in der Hamburger Innenstadt: Marion Littmann und Uli Kuhn stehen vor dem Pilgerwegweiser bei der Kirche Sankt Jacobi. 2.500 Kilometer wären es auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela, mehr als 1.400 auf dem Olavsweg bis Trondheim und bis ins schwedische Birgittinnen-Kloster in Vadstena immerhin noch 750 Kilometer. Die beiden Frauen aber haben sich entschieden, nach Loccum zu pilgern - immerhin etwa 165 Kilometer. Ihre erste Etappe an diesem Tag führt sie über Harburg nach Hittfeld.

Durch Hamburg führen viel Pilgerwege

An Ulis Rucksack baumelt eine Jakobsmuschel, das Symbol der Pilger. Für sie ist das nicht die erste Pilgerreise. Sie hat bereits den spanischen Jakobsweg erlaufen. Marion wird Ende Mai nach Spanien aufbrechen und bereitet sich darauf vor.

Hamburg: Knotenpunkt für Pilger

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Einmal im Monat findet in Sankt Jacobi eine Pilgervesper statt: Dort können sich Rückkehrer und Aufbruchsbereite segnen lassen.

Die Kirche Sankt Jacobi nahe der Mönckebergstraße ist nicht zufällig Startpunkt für Uli und Marion, denn der Heilige Jakobus ist der Schutzpatron der Pilger. Seit dem 13. Jahrhundert ist die Kirche zentrale Anlaufstelle für Pilger aus der Hansestadt und Umgebung, die sich auf nach Santiago de Compostela oder zum Grab des Heiligen Olav nach Trondheim in Norwegen machten. "Hamburg ist seit Jahrhunderten Durchgangsort für Pilger", erklärt Pilgerpastor Bernd Lohse. Denn hier treffen sich viele Wege.

1.600 Kilometer Wegenetz

Lange Zeit waren jedoch nur wenige Pilger unterwegs. 2006 veröffentlichte dann Hape Kerkeling sein Buch "Ich bin dann mal weg". Pilgern wurde auf einmal populär. Seitdem ist das Wegenetz in Norddeutschland deutlich ausgebaut worden: auf insgesamt 1.600 Kilometer.

Und die führen längst nicht immer über weichen Waldboden oder grüne Wiesen. Diese Erfahrung machen auch Uli und Marion. Von Sankt Jacobi führt ihr Weg zunächst Richtung Hafencity. Der Blick auf Baustellen, der Verkehr auf der nicht enden wollenden Versmannstraße und ein eiskalter Ostwind machen das Gehen nicht gerade angenehm. Aber beide Frauen wissen, dass Pilgern nicht mit Wandern durch schöne Landschaften gleichzusetzen ist. Es bedeutet auch Durchhalten auf langweiligen und anstrengenden Strecken, dabei jedoch stets offen sein für Begegnungen. Und die Chance, in sich zu gehen. Marion widmet den Weg an diesem Tag Bekannten, die eine schlimme Zeit durchmachen. Für sie möchte sie in einer Kirche eine Kerze anzünden.

Frage nach dem Sinn des Lebens

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Pilgerpastor Bernd Lohse in seinem Büro in Sankt Jacobi. Dort berät und segnet er Pilger, bietet Veranstaltungen an und entwickelt Wege.

Dass Pilgern für immer mehr Menschen wichtig wird, weiß auch Pastor Bernd Lohse. Von seinem Büro in Sankt Jacobi aus berät er Pilger, segnet sie für den Aufbruch, bietet Veranstaltungen und Wanderungen für Pilger und solche, die es werden wollen. "Das Thema lockt", erklärt er. Während früher explizit religiöse Motive die Menschen zum Pilgern bewegten, sind es heute Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem eigenen Dasein. "Pilgern ist etwas Ur-Menschliches und eine jahrhundertealte Form des Suchens", stellt der Pilgerpastor fest.

Schweigend um die Alster

Wer nicht wie Uli und Marion eine 30 Kilometer lange Etappe gehen will, der kann sich jeden zweiten Freitag im Monat der zweistündigen Pilgertour "Schweigend um die Alster" anschließen. Eine gute Gelegenheit, nach einer Arbeitswoche zur Ruhe zu kommen. Das Schweigen dient dabei der Klarheit. Nicht jeder kann das aushalten. Es zu probieren, lohnt sich aber. 

Stammtisch: Austausch unter Pilgern

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Fred Brodina und Michaela Gercke leiten den Pilgerstammtisch: Einmal im Monat kommen dort an die 40 Pilger zusammen, um Erfahrungen auszutauschen.

Die Lust aufs Pilgern hat auch den Wunsch nach Austausch steigen lassen. 2007 entstand deshalb der Hamburger Pilgerstammtisch. Regelmäßig kommen bis zu 40 Personen zu den Treffen, die im Café Sternchance stattfinden. "Viele sind regelmäßig dabei, andere suchen Ratschläge für ihre erste Pilgerreise", sagt Leiterin Michaela Gercke, die sich zusammen mit Fred Brodina einmal im Jahr auf Wanderung begibt. Gercke hält Pilgern für eine gute Gelegenheit, auf sich selbst zurückzukommen. Brodina findet: "Alles ist einfach: Essen, Trinken, Laufen, Gespräche führen."

Die Stadt von einer neuen Seite sehen

Marion und Uli haben ihr Ziel des ersten Tages, Hittfeld, nach mehr als sieben Stunden erreicht. Anders als erwartet, ging es nicht nur über Asphalt. "Man sieht Stadt und Umland von einer neuen Seite", findet Marion. Nicht als Tourist und auch nicht als Einwohner. "Den Weg zu gehen ist wie Lücken füllen zwischen Orten, die man bereits kennt und solchen, wo man noch nie gewesen ist", meint Uli. Für beide steht fest: Zum Pilgern muss man nicht in die Ferne schweifen. Es geht auch von der Haustür aus.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 16.08.2016 | 20:00 Uhr

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