Stand: 20.07.2015 13:59 Uhr  | Archiv

Was tun bei einem Bandscheibenvorfall?

von Sigrun Damas, NDR Info

Als der Hamburger Kaufmann Patrick Haht ein Regal aufbauen will, passiert es: Ein stechender Schmerz schießt ihm in den Rücken, der bis in den Fuß ausstrahlt. Dem Orthopäden Jens Lohmann genügen ein paar Bewegungstests im Stehen und Liegen, um bei dem 39-Jährigen einen Bandscheibenvorfall im unteren Rücken festzustellen. Die Diagnose ist für Haht ein Schock. Er fürchtet, nicht mehr schmerzfrei stehen, sitzen oder reisen zu können.

Viele Bandscheibenvorfälle heilen von selbst

Doch für ihn überraschend rät Lohmann, erst einmal abzuwarten, Schmerzmittel zu nehmen und so gut es geht in Bewegung zu bleiben. "Nach einem Bandscheibenvorfall ist die betroffene Bandscheibe mit sehr viel Wasser gefüllt. Mit der Zeit trocknet sie aus und schrumpft - wie eine Pflaume. Deswegen regulieren sich viele Bandscheibenvorfälle von ganz alleine."

Was passiert bei einem Bandscheibenvorfall?

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Platzt der Ring einer Bandscheibe, quillt der Kern heraus. Das kann Schmerzen verursachen.

Die Bandscheibe sitzt als natürliche Pufferzone zwischen zwei Wirbelkörpern - wie ein Gelkissen: außen hart und innen flüssig. Bekommt sie durch eine Fehlbelastung zu viel Druck ab, platzt ihr Ring und der Bandscheibenkern quillt heraus. Drückt diese Flüssigkeit auf einen Nerv, wird es schmerzhaft, so wie bei Patrick Haht.

Bewegung statt Bettruhe

Erst wenn die Schmerzen nach drei Monaten immer noch bestehen, wenn sie in die Beine ausstrahlen, muss man diskutieren, ob man operieren sollte. Das will Patrick Haht aber auf keinen Fall. Stattdessen bekommt er Spritzen direkt in die bedrängte Nervenwurzel. Sie lindern die Entzündung und damit den Schmerz. Diese Behandlung sorgt dafür, dass er weiter in Bewegung bleiben kann. Denn die Zeiten, in denen nach einem Bandscheibenvorfall Bettruhe verordnet wurde, sind vorbei.

"Man weiß heute durch die Ernährungsweise der Bandscheibe, dass das genau das Verkehrte ist. Die Bandscheibe muss tagsüber ausgequetscht werden, um sich nachts wieder vollzusaugen. Nur wenn dieser Ausquetsch-Ansaug-Effekt funktioniert, kann eine Bandscheibe sich regenerieren.Wenn ich die ganze Zeit nur liege und nichts mache, ist dieser Mechanismus ausgehebelt", erklärt der Orthopäde Horst Danner vom Reha-Centrum Hamburg.

Ursachenforschung ist wichtig

Wichtig sei vor allem herauszufinden, warum die Bandscheibe überhaupt herausgerutscht ist, so Orthopäde Jens Lohmann. "Die Problematik muss nicht nur im Bereich des Bandscheibenvorfalls liegen. Er kann auch ganz andere Ursachen in einer muskulären Kette haben. Deswegen muss man komplex gucken in der Bewegungsanalyse und sich fragen: Wo sind Fehlfunktionen, Störungen, die ein Segment stark belasten, was dann in einen Bandscheibenvorfall münden kann?"

Ein Bandscheibenvorfall geht oft auch auf Fehlhaltungen oder Fehlbelastungen in anderen Partien des Rückens zurück. Diese zu finden, ist dann Aufgabe eines Physiotherapeuten. Rainer Halbleib, der ein Hamburger Therapiezentrum leitet, erkennt nach wenigen Sitzungen, wo es im Bewegungsablauf hakt. Das Problem liege nicht zwingend da, wo es wehtut, sondern könne auch andere Ursachen haben.

Das gilt auch für Patrick Haht: Zugeschlagen hat der Bandscheibenvorfall bei ihm zwar im unteren Rücken, aber das Problem ist weiter oben entstanden. Im Hals und Nacken ist er total verspannt: "Ich habe das schon gemerkt. Ich habe mich häufig steif gefühlt im Nacken. Habe das aber immer auf Zug zurückgeführt und nicht gemerkt, dass das eigentlich vom Stress kommt."

Eine verkrampfte Haltung, zu viel Sitzen am Schreibtisch. Das hat seinen Rücken oben ganz fest gemacht - und der untere Rücken musste es auffangen. Jetzt trainiert er beide Bereiche, mit Kraft- und Beweglichkeitsübungen. Seit er weiß, dass auch Stress sich im Körper niederschlägt, ist er auf dem Weg zu einer gesunden Haltung.

Hintergrund

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Radio-Visite | 21.07.2015 | 08:20 Uhr

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